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Hermann Mensing
Verschiedene Zimmer Verschiedene Räume

Zimmer/Raum 8:
Das Zimmer hatte eine Nummer. Es standen drei Betten darin, die Wände waren kalkweiß. Zwei Betten waren leer. Im dritten lag W., ein Mann um die fünfzig, schwachsinnig. Er arbeitete in der Küche des Krankenhauses, er fegte den Hof, er tat dies und tat das. Man kann sagen, er verzehrte sein Gnadenbrot. Und dann kam der Tag, an dem er vor ein Auto lief. Mir hatte man gesagt, ich solle mich zu ihm setzen, W. habe sonst niemanden mehr. Ich glaube nicht, dass er bei Bewusstsein war. Neben dem Kopfende seines Bettes stand ein Monitor, der die Herzfrequenz zeigte: eine auf- und absteigende Kurve. Das Zimmer war halbdunkel. Die Ruhe, die darüber lag, war mir unheimlich. W. atmete ruhig. Ich beobachtete abwechselnd ihn und den Monitor. Die Herzfrequenz-Kurve verflachte. Ich lief zur Stationsschwester. Sie sagte, ich solle mich nicht sorgen, er stürbe, ihm sei nicht mehr zu helfen, ich solle nur bei ihm bleiben. Das tat ich. Die Ruhe im Zimmer bekam etwas Unwirkliches, obwohl nichts wirklicher ist als der Tod. Aber dies war meine erste Begegnung mit ihm. Nach einer Weile gewöhnte ich mich. Und als W. gestorben war, fand ich, dass nichts an ihm erschreckend war. Ich verließ das Zimmer und sagte: "W. ist tot."

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