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Hermann Mensing
Verschiedene Zimmer Verschiedene Räume

Zimmer/Raum 7:
Auch ein Zimmer, dessen Fenster zum Amtsgericht weist. Aber man muss sich strecken, um die vergitterten Zellenfenster zu sehen. Streckt man sich nicht, schaut man auf eine hohe, rote Ziegelmauer. Was man dahinter vermutet: Verbrecher, die  ein- zweimal pro Tag ihre Runden drehen. Es gibt eine Tür in dieser Mauer, ein hohe, graue Eisentür mit zwei Flügeln. Geöffnet hat sie noch nie jemand gesehen. In den fünfziger Jahren stand ein Ofen mit emaillierten Türen, einer Ofenplatte, aus der Ringe genommen werden konnten, um einen Topf der Glut aussetzen zu können, in diesem Zimmer. Rings um den Ofen verlief ein Handlauf. Später stand an seiner Stelle ein Gasherd. Die beiden Schränke waren uralt. Zweiteilig. Unten die Töpfe, oben die Teller. Ein Tisch in der Mitte, an dem jeder seinen Platz hatte. Stirnseite mit Blick zum Fenster: Vater. Links neben ihm: Mutter. Ihr gegenüber: Sohn. Dem Vater gegenüber : die Tochter. In der Ecke rechts neben dem Fenster eine Spüle. Später auch eine Waschmaschine. Dieses Zimmer war lange das einzig und ständig beheizte Zimmer im Haus. In diesem Zimmer fanden Kämpfe statt. In diesem Zimmer wurde geschrieen und krakelt. In diesem Zimmer flog ich aber auch auf den in die Höhe gereckten Füßen meines auf der Chaiselongue liegenden Vaters über den Atlantik nach Amerika. In diesem Zimmer hörte ich Sätze, die ich nie jemandem sagen werde. Dieses Zimmer war das Zentrum der Welt. Bis ich eines Tages eine Tasse Kaffee nahm und sie meiner Mutter entgegen schleuderte. 

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