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Hermann Mensing
Verschiedene Zimmer Verschiedene Räume

Zimmer/Raum 29:
Auch diesmal ein quadratischer Grundriss. Auch diesmal: kein Fenster. Die Farbe der Wände: durchscheinend blau, verwaschen. Zwei sich unter der Kuppel kreuzende Glasfiberstäbe halten die Konstruktion. Der Raum ist mobil. Bei einiger Übung benötigt man kaum mehr als fünfzehn Minuten, dann ist er errichtet und bezugsfertig. Innen und Außenwelt trennen nur die gewebten Wände. In einer ist ein Reißverschluss, der es ermöglicht, das Innere zu verlassen bzw. von Außen hinein zu gelangen. Ein häufig gehörtes Geräusch ist daher das Auf- und Ab solcher und ähnlicher Reißverschlüsse in ähnlichen Räumen der Nachbarschaft. Ich habe gern und oft in solchen Räumen übernachtet. Mir war die Nähe zur Außenwelt immer besonders lieb, wenngleich ich zugebe, dass es in stürmischen Nächten am Meer manches Mal unheimlich wurde. Ich denke an eine Nacht in Rotheneuf. Auf steinigem Grund über einer Bucht mit Blick auf St. Malo drückte der Wind die Kuppel wieder und wieder über die halbe Höhe nach unten, um ihr dann Gelegenheit zu geben, mit einem explosionsartigen Knall in ihre ursprüngliche Form zurückzukehren. In solchen Nächten ist Schlaf kaum möglich. In solchen Nächten wünscht man sich in Räume mit festen Wänden. Aber solche Nächte sind Ausnahmen. Sie gehen vorbei und mit einigem Glück spannt sich am Morgen ein freier Himmel über die Welt und versöhnt uns. Uns schmerzt das Kreuz, der schwedische Sturmkocher bereitet Wasser für Kaffee, man hockt da wie ein Indianer und lebt. Das ist schön. 

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