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Martin Goldmann
Reisenotizen aus den USA

Vorbemerkung. Die folgenden Texte sind unplugged. Ich habe sie während meiner letzten USA-Reise auf einen Notizblock gekritzelt. Beim Abtippen habe ich keine Änderungen vorgenommen. Das ist nicht immer leicht - manche Formulierungen holpern, einige Passagen sind wenig elegant. Unplugged eben.

Mittwoch, 14. April 1997, Mittagszeit
Irgendwo in Boulder an einer lärmenden Kreuzung steht das Starbuck-Kaffee. Hier trinkt man den Cappuccino - guten Cappuccino -- aus Pappbechern. Und die Milch ist so fest geschlagen, dass man sie fast herausmeißeln muss.
     Hier ist es ruhig, trotz des Lärms. Um mich herum sitzen einige Studenten der hiesigen Uni. Sie sprechen englisch, spanisch oder welche Sprache auch immer. Das Pärchen neben mir klingt ausgesprochen arabisch, einige Wörter aber spanisch. Seltsam. Aber es muss eine schöne Sprache sein - sie reden immerfort.
     Der Grunge-Look ist hier in. Weiteste Hosen, zottelige Haare und Ziegenbärtchen.
     Und trotz des Lärms und des anhaltenden Geschnatters meiner Nachbarn fühle ich mich hier herrlich allein. Niemand will etwas von mir - es spricht nicht einmal jemand meine Sprache. Unerreichbar in Boulder an der Kreuzung University/Boulder.
     Hinter Boulder liegen die Berge. Die Rocky Mountains. Nicht so schroff und grau wie die Alpen. Rotbraun prägt das Bild dieser Berge, die jeden sofort in ihren Bann schlagen. Und sie sind voll mit Bikern, Joggern, Kletterern.
     Kaum ein Läufer, der einen anderen noch grüßt. Das macht auch nicht viel Sinn. Auf den Trails begegnet man alle zwei Meter einem Mitläufer, Biker, Skater oder Walker.
     »Es ist wichtig, den Input zu senken,« denke ich, während hinter mir die Vierlitermaschine eines unendlich alten Pickups startet mit zwei unendlich jungen Mädchen darin.
     Den Input senken. Weniger angesprochen werden, weniger lesen, weniger arbeiten. Und plötzlich öffnen sich all die Filter im Kopf, die mich sonst sorgsam gegen das Informationsbombardement abschotten.
     Ein Dicker, endlich ein Dicker hier. Aber der ist noch zu untergewichtig für das Klischee. Boulder ist die Stadt junger, durchtrainierter Schönheiten. Keine Eitelkeit - das machen die Berge.
  
Samstag, 17. April, Flagstaff Mountain, 2805 Meter
Allein - hier oben, umringt von Rockies und Mountains in natürlicher Stille treffe ich jemanden, mit dem ich in den Jahren vor 96 viel zu wenig gesprochen hatte.
     Das Sprechen mit sich selbst ist aber nur eine Vorstufe zu dem wirklichen Ich-Sein, dem Handeln aus einem Impuls heraus, Spontanität.
     Kein Abwägen »Tue ich dies, tue ich das?«, einfach machen. Es ist immer das Richtige. Ob es das Aufstehen aus der Badewanne - meine Nummer-1-Impulshandlung - ist oder die Entscheidungen, auf einen Berg zu fahren, gehen, biken, laufen. Es sind leichte Entscheidungen. Ohne Diskussion, ohne Zwiesprache.
     Allein.

Moab

   

© 1997 by Martin Goldmann. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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