Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons

Beine

Arbeitsbeschaffung
von Wilhelm Meyer

Ich habe jetzt so einen Trupp. So wie man ihn mitunter im Stadtbild sieht, in größeren Städten kolonnenartig, in kleineren oft seltsam ziellos. Trupps, gezwungen, Pflanzen an den Leib zu gehen, die ihnen ein Vorarbeiter als Unkraut benannt hat. Sie zögern dann gern, und das wird falsch ausgelegt.

Also mein Trupp. Morgens auf dem Hof. Da sammelts sich. Erst die Frühen, die immer. Die Reihenfolge ist festgelegt. Ich komm mit dem Vierten. Wir biegen gleichzeitig um die Ecke, Herr Lacke und ich. Herr Lacke hat in kürzester Zeit eine Menge über Holz gelernt, wie Fachwerkbauten bearbeitet wurden. Es kann sein, dass Herr Lacke mittlerweile zu spezialisiert ist für den Markt. Das ist nicht immer gut, wenn man von einer Sache viel weiß und von anderen wenig. Dann tröstet es auch nicht, wenn es auch nicht gut ist, von vielen Sachen viel zu wissen, aber von keiner so richtig. Es gäbe viele Stellen, wo Herr Lacke genau richtig wäre, nur da sind schon welche, und mehr Stellen werden es wohl nicht. Besser ist es, man lernt etwas, was noch keiner kann. Das sollten dann aber auch alle wollen.
     Ich betreue Leute wie Herrn Lacke. Herr Lacke könnte aber auch Leute wie mich betreuen. Aber Herr Lacke spricht wenig Deutsch. Eigentlich kann ich mir ein Land nicht vorstellen, aus dem einer kommt, der Herr Lacke heißt. Würde Herr Lacke sehr gut Deutsch sprechen, hätte ich nichts zu betreuen. Hätte er statt Holz Deutsch gelernt, wüsste er zu sagen, was er gelernt hätte, hätte er nicht in der Zeit Deutsch gelernt, statt etwas, was er dann sagen könnte. Er hätte schon beides gleichzeitig können gelernt haben müssen.
     Herr Lacke kann auch nicht herkommen und sagen, »Ich kann gut Deutsch«, das sagt man nicht, man wartet bis einer kommt, der es wissen muss. Und wenn der sagt: Sie können aber gut Deutsch, dann muss man sagen »ein wenig«. Das gehört auch zum Deutschlernen, die Kultur des Landes; eben zu wissen, wann man »ein wenig« sagt.
     »Ich kann gut Holz«, darf Herr Lacke nicht sagen. Das hieße, dass er gern und erfolgreich kegelt. Das z.B. weiß Herr Lacke auch noch nicht. Er hat auch trotz seiner Liebe zum Holz noch nie gekegelt. Und kann vielleicht auch gar nicht kegeln. Er kann zwar etwas, weiß das aber noch nicht zu sagen, oder noch nicht richtig, oder nur, wenn einer zuhören würde.

© 2002 by Wilhelm Meyer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


ZurückSeitenanfangWeiter