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Margitta Bieker

Eine Summe von Stunden

   

Ich hatte nicht mit seinem Tod gerechnet.
     Niemand hatte das. Als Bernhard, mein Mann, fortging, um unseren Hund bei Freunden unterzubringen, konnte ich nicht ahnen, dass es ein Abschied für immer war. Es war nicht der berühmte Abgang wie beim Zigarettenholen, aber dafür war es endgültig. Bernhard ging fort, um zu sterben, und das Wort endgültig hat heute eine andere Bedeutung für mich.
     Wir wollten am nächsten Tag in Urlaub fahren, nach Südfrankreich. Das Auto stand gepackt in der Garage. Es sollte unser erster Urlaub seit neun Jahren werden.
     Wir hatten ein altes Haus gekauft und mühevoll restauriert. Jede Mark wurde zweimal umgedreht, jede freie Minute mit Werkeln und Renovieren verbracht. Keine Zeit blieb für uns und die Kinder, die inzwischen erwachsen geworden sind. Alle Sätze begannen mit »Wenn« und »Dann«. »Wenn wir erst alles fertig haben, wenn erst der Bausparvertrag zugeteilt wird, dann… gibt es keinen Dosenkohl mehr aus dem Aldi und Strümpfe mit Laufmaschen, Urlaub so oft und so lange, wie wir wollen!« Tja, wenn…! Sagen Sie nicht zu oft »Wenn«!

Das Telefon schellte.
     Eine Krankenschwester aus dem städtischen Krankenhaus teilte mir mit besorgter Stimme mit, dass es meinem Mann nicht gut ginge, und ich sofort auf die Intensivstation kommen müsse, es wäre sehr ernst. Da glaubte ich noch, ich träumte nur.

Sie ließen mich warten.
     Im Wartezimmer für Angehörige stand ein Sessel, eine Schlafcouch, und ein kleiner Tisch mit Handzetteln für Besucher. Die gekreuzten Holzlatten mit der leidenden Figur in der Mitte fehlten zum Glück. Es war merkwürdig still in dem Zimmer.

Über dem Sofa hing ein gerahmter Spruch von Kästner. Aus nervöser Langweile und weil meine Augen etwas tun wollten, trat ich näher und las:

Am Schluss

ist das Leben nur

eine Summe aus wenigen

Stunden

auf die man zulebte

sie sind;

alles andere ist nur

ein langes Warten gewesen.

Aha. So einfach war das also! Wir saßen die ganze Zeit in unserem schönen Haus und warteten, bis alles bezahlt war und der Tod eintrat! Mir wurde schlecht. Ich wäre gerne weglaufen, die Stille drückte immer unerträglicher.
     Endlich Schritte auf dem Flur.
     Eine Krankenschwester in blauem Anzug holte mich ab, und ich lief wie ferngesteuert neben ihr her. Wir kamen in ein Zimmer, in welchem es von blau und weiß gekleideten Menschen nur so wimmelte. Jede Menge Apparate, Kabel, Schläuche. Eine unheilvolle Ruhe, wie ein Vakuum in der Herzkammer, breitete sich in mir aus und mein Herz schlug leer.

Lag da ein Mensch?
     Etwa mein Bernhard, weiß und spitznasig? Schnelle Piepstöne gab der Fernseher über seinem Bett von sich. Ganz zäh wanden sich Gedanken durch mein Hirn, ein Satz aus einem Gedicht spulte monoton wie eine defekte Schallplatte in meinen Ohren:

Herr Tod legt
seine erlösende Hand
auf das Herz von
Herrn Gehtnichtmehr
nun geht es nie mehr.

»Frau Rupert?« Ich schreckte hoch. Das war ja mein Name! Eine Maschine pumpte Luft in meinen Bernhard, der Brustkorb hob sich gleichmäßig und gleichgültig.
     »Ich bin Dr. Hoffmann, der Dienst habende Internist. Ihr Mann hat einen Herzinfarkt erlitten, einen ziemlich großen sogar, leider. Eine Koronararterie – das sind die großen, versorgenden Gefäße des Herzmuskels - ist fast völlig verschlossen gewesen. Wir haben versucht, das Gerinnsel mit einem Medikament aufzulösen. Nur – zurzeit ist es sehr, sehr kritisch mit seinem Kreislauf, wissen Sie? Wir stützen das Herz, so gut es geht, aber…. Frau Rupert? Verstehen Sie mich?«
     Nein, ich verstehe ihn nicht. Bernhard war immer gesund gewesen, und morgen wollten wir in Urlaub fahren, unser erster Urlaub seit langer Zeit!
     »Setzen Sie sich doch erstmal!« Eine Schwester schob mir einen Stuhl hin.
     »Es wird nicht einfach sein, aber wenn wir ihn erst über die Nacht gebracht haben…. wir werden alles tun, was…« Ja, ja, was in ihrer Macht steht, das sagten die Ärzte im Fernsehen auch immer.
     »Nehmen Sie ruhig seine Hand. Ihr Mann bekommt starke Schlafmittel, aber er bemerkt sicher, dass Sie da sind!«
     Ich griff Bernhards Hand, die sonst so zupackend war. Sonst? Vor zwei Stunden noch! Jetzt war sie kalt und schlaff. Er war nackt unter der dünnen Decke. Er sah mich nicht, er hörte nichts. Die Maschine pumpte weiter, irgendwie klang es fast tröstlich. Eine Summe aus wenigen Stunden? Oh, Gott!
     »Warum ist er denn so kalt?«
     »Das liegt an seinem Blutdruck«, sagte die Schwester. Sie war noch sehr jung Wie konnte sie nur diese Arbeit hier tun?
     »Wir wollten morgen in Urlaub fahren, nach Südfrankreich. Das müssen wir wohl verschieben?« Es schien mir, als schnappte die Schwester nach Luft.
     »Frau Rupert…« Es klang bedauernd, aber auch ein wenig tadelnd. Nun gut, es war die falsche Frage.»Haben Sie nicht noch eine Decke? Mein Mann erkältet sich so schnell!«
     Sie ging.

Ich sah Bernhard ins Gesicht.
     Es war verpflastert und sein Mund steckte voller Gummiteile. Ab und zu fiel ein gelber Tropfen Flüssigkeit in ein durchsichtiges Kästchen. Urin? Es war nicht sehr voll, dieses Kästchen, und es wurde jede Stunde kontrolliert. Sie schrieb alles gewissenhaft auf, die Schwester. »Kann er überhaupt reden, mit dem ganzen Zeug im Mund?«
     »Nein, das kann er leider nicht. Aber er soll jetzt auch nicht sprechen, es ist besser, wenn er schläft, glauben Sie mir.«

Es war dunkel geworden.
     Wie lange saß ich hier eigentlich schon? Das Personal hatte inzwischen gewechselt. Die neue Schwester zog die Gardinen zu und stellte sich vor. Schwester Claudia. Sie war älter als ihre Vorgängerin, wirkte in ihrer Arbeit routiniert, gelassen und ein wenig distanziert.
     »Möchten Sie eine Tasse Kaffee?« Ich nickte froh. Wer weiß, wann Bernhard aufwachte. Wie lange ich hier noch sitzen musste.
     »Wie kommt es, dass ein Mensch mit 48 Jahren einen Herzinfarkt erleidet? Eigentlich kann es dann doch nicht so schlimm sein, oder? Bernhard war immer gesund!«
     »Hm.« Schwester Claudia runzelte die Stirn. »Schwer zu sagen. Das Alter ist nicht immer Maßstab für die Schwere einer Krankheit, denn es gibt ja auch Kinder, die an Krebs erkranken und daran sterben. Ich glaube, dass Krankheit und Tod keinen bestimmten Grund brauchen, wir suchen nur immer nach Argumenten, um dem einen Sinn zu geben! Der gläubige Mensch sagt, in Krankheit offenbart sich Gott, der Fatalist ergibt sich, weil er halt dran ist, alle anderen sehen eine Strafe für Fehler im Leben… nun, ich denke, es passiert immer dann, wenn sich etwas ändern muss, wenn was falsch läuft. Und was ist schon gesund? Gerade Männer…,« sie schnaubte ein bisschen, verschränkte ihre Arme, »haben am meisten Angst vor der Wahrheit, sind im Selbstbelügen wahre Meister!«
     »Morgen wollten wir in die Sonne fahren, am Strand liegen und Städte besuchen und…« Jetzt erst brach ich in Tränen aus. Hemmungslos und ohne Taschentuch. Wie konnte Bernhard mir das antun? Ich hatte mich doch so gefreut!
     
»Ich hole Ihnen erstmal Kaffee. Nur Mut. Wird schon werden.«

Ich tastet erneut nach Bernhards Hand. Jetzt erst merkte ich, dass beide Handgelenke gefesselt waren. Kabel, Schläuche, Fesseln. Ich schluchzte.
     Da! Er bewegte sich! Die Piepstöne wurden schneller, die Schwester zog eine Spritze auf. »Was ist mit meinem Mann? Geht es ihm schlechter?«
     »Er ist wach geworden, das soll er jetzt besser nicht.« Schnell und gleichgültig drückte sie auf den Kolben der Spritze.
     Plötzlich stemmte Bernhard sich mit dem Oberkörper hoch, die Augen schreckgeweitet und zur Decke gerichtet. Er kaute auf dem Gummizeugs in seinem Mund, und gleichzeitig gab der Monitor rasend schnelle Piepstöne von sich.
     »Bernhard! Bernhard, was ist denn, Liebster, leg‘ dich wieder hin! Es wird alles gut werden, glaub‘ mir, du wirst wieder gesund! Schwester… Herr Doktor!« Ich schrie vor Angst. Der Doktor tauchte mit müden, roten Augen in der Tür auf, die Hände in der Kitteltasche versenkt, und rief laut und deutlich: »Scheiße! Auch das noch!«

Nun ging alles ganz schnell. Sie schubsten mich raus.
     Ich wankte auf dem Flur herum, landete schließlich in dem Zimmer mit dem höhnischen Spruch. Eine Summe von wenigen Stunden
     Kraftlos sank ich auf das Sofa, fühlte mich so verlassen wie die alte Eskimofrau auf dem Eis der Arktis, ausgesetzt, weil nutzlos für die Gemeinschaft geworden.
     Wer soll jetzt die Getränke holen? Ich kann kein Auto fahren und nicht mit Kreditkarten umgehen. Wie es den Kindern sagen? Ich hätte gern um Gnade gebettelt, wusste indes nicht, bei wem, ich glaube nicht an Gott. Was machen sie jetzt in dem technischen Zimmer?

Da! Eine Tür öffnet sich!
     Schritte näherten sich, gleich würden sie es mir sagen, dass alles im Griff sei, dass es bedauerlicherweise zu diesem kleinen Zwischenfall gekommen ist, kein Problem wirklich, nein…
     Die Schwester stand in der Tür und sagte – nichts.
     Sie sah mich nur an, einfach so, mit großen dunklen Augen. Und die Wahrheit legte sich auf mich wie das Grabtuch Christi.
     »Er ist tot, nicht wahr?« Ganz ruhig war ich.
     Sie nickte. »Sein Herz hat aufgegeben, wir konnten nichts mehr für ihn tun.«
     Ich starrte sie an. »Nein, nein, er ist nicht tot. Sie müssen sich irren! Sein Herz war immer gesund. Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind? Ich will zu meinem Mann, gehen Sie…!« Ich stürzte an ihr vorbei.

Bernhard lag unter einem weißen Laken. Keine Schläuche, keine Piepstöne mehr. Nur wächserne Stille über ihm.
     Ich schrie.
     Konnte nicht aufhören, rüttelte Bernhard an der Schulter, klatschte ihm ins Gesicht.
     »Steh‘ auf! Los, mach schon, stell‘ dich nicht so an! Wir wollen doch in Urlaub!«
     Viele Hände griffen mich. »Sie ist schuld!« Ich zeigte auf die Schwester, zur versteinerten Inquisition geworden. Das ließ ich nicht zu, sie nahmen mir meinen Bernhard weg!
     »Sie hat ihm eine Spritze gegeben, und es war viel zu kalt für ihn, ohne Decke, Herr Doktor, hören Sie…« Autsch! Ich spürte einen Stich im Hintern. Sie gaben mir eine Spritze durch die Hose! »Was soll denn das?«
     »Jetzt seien Sie doch vernünfig!« Nun schrie die Schwester. »Wir wollen Ihnen doch nur helfen! Es ist nicht mehr zu ändern!«

Als ich erwachte, lag ich zu Hause in meinem Bett.
     Das Zimmer war hell und ruhig, neben mir, auf der Bettkante, saß Frieder, unser Sohn.
     »Oh, ich muss eingeschlafen sein, tut mir Leid, wo ist Papa, packt er noch?«
     Frieder schluchzte.
     »Ach Mama«, sagte er.
     Langsam begriff ich. Die Spritze wirkte noch und schirmte mich gnädig ab.
     »Weißt du, was besonders schlimm ist, Frieder?« Er schüttelte den Kopf, schnäuzte sich laut. »Alles ist schlimm, Mama!«
     »Er konnte sich nicht mehr von mir verabschieden, es ging so schnell. Aber – als er sich aufbäumte - glaubst du, er hat gemerkt, dass er stirbt?«
     »Vielleicht. Ich weiß es nicht. Spielt es denn noch eine Rolle?«
     Bernhard ist in all den Jahren, die wir verheiratet waren, nie gegangen, ohne mir einen Kuss zu geben. Außer bei diesem, dem endgültigen Abschied.
     »Nein«, sagte ich, ganz ruhig war ich nun, »es ändert eigentlich nichts mehr.«

 

Das Haus habe ich verkauft.
     Ich lebe ganz einfach in einer Zweizimmerwohnung, bin oft in Südfrankreich, besuche große Städte, stelle mir Bernhard an meiner Seite vor, frage in inneren Dialogen nach seiner Meinung, vor allem rede ich mit ihm über seinen Todeskampf, wie er ihn empfunden hat. Und er antwortet fast immer das Gleiche:
     »Nur eine Summe aus wenigen Stunden, nichts Schlimmes, Liebes.«

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