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Sekt Silvester.
von Alexander Mohr

Es ist doch jedes Jahr das Gleiche. Hat man erst einmal diese unerträglichen Weihnachtsmärkte mit diesen nervtötenden Kleinkindern, welche einem immer ihre Rote Wurst an die Jacke schmieren und diesen dummen Zicken, welche einem auf diesen blöden Märkten Glühwein über die Barbourjacke schütten, überstanden und auch den familiären Angriff an Weihnachten einigermaßen überlebt, dann kommt man zu dem wahren Problem der Festtage. Silvester. Silvester ist wirklich ein ganz schlimmes Problem.
     Meistens fängt Silvester mit einer unmotivierten Planung Anfang Dezember an und endet dann aber eigentlich immer gegen Ende Dezember bei meinem Freund Frieder. Frieder wohnt in einer WG und hat natürlich mächtig viel Platz. Also in jedem Fall am meisten Platz von uns allen. Außerdem hat Frieder neben einer geräumigen Wohnung auch noch einen roten Teppichfußboden, der ja geradezu dazu einlädt, die Aggressionen des vergangenen Jahres in Form großflächiger Alkoholpfützen und Zigarettenkippen abzubauen.
     Das Beruhigende an den Feten bei Frieder ist, dass sie eigentlich immer gleich sind. Das heißt man weiß was einen erwartet und kann sich daher seelisch und moralisch darauf einstellen.
     Die Feten beginnen immer gleich und hören eigentlich auch immer gleich auf. Es ist schon fast eine ritualisierte Vorgehensweise. Man trinkt zunächst raue Mengen an Alkohol, am Besten Hochprozentiges und vor allem möglichst wild durcheinander und natürlich aus Eierbechern, weil es Frieder auch dieses Jahr versäumt hat, mal ordentliche Schnapsgläser zu kaufen. Alle sind nach kürzester Zeit, prächtigster Stimmung und die Luft ist vom Rauch und Alkohol geschwängert.

Natürlich sind die Idioten von letztem Jahr auch wieder die Idioten von diesem Jahr und eigentlich ist das auch ganz gut so. Einer dieser Oberschwachmaten ist ein Typ namens Ingo. So hieß auch immer der Schläger in unserer Grundschule, wenn ich mich recht erinnere. Vielleicht heißen ja alle Idioten auf dieser Welt Ingo und jeder kennt einen Idioten der Ingo heißt. Wer weiß. Bei Ingo steht das Wort »Idiot« mit besonders großen Lettern auf der Stirn und auch das ist sehr gut, weil dann kann man immer einen weiten Bogen um ihn machen sobald man ihn sieht. Ingo hat auch eine Freundin. Auch sie ist eigentlich immer die Gleiche. Was für ein grauenhaftes Paar. Das ist ja eigentlich sehr schön für unseren Ingo und sie reden sich natürlich auch ständig mit »Schatz« oder »Liebes« oder so, an. Manchmal, eigentlich jedes Silvester, steht er dann aber in einer unachtsamen Sekunde meinerseits, irgendwann im Verlauf des Abends neben mir und schon muss ich dann irgendwie mit ihm reden. Das heißt eigentlich redet ja nur er. Natürlich über seine Freundin, über ihre Beziehung und das mir doch sicherlich irgendetwas fehlen würde so ganz ohne Freundin und so. Sehr schön ist das dann. Ich sage dann nein, was er nicht versteht, wie jedes Jahr.
     Ingo verpasst es dann aber auch nie, mich auf die Vorzüge seiner Beziehung hinzuweisen und dass das mit mir ja auf keinen Fall so weiter gehen könnte. Das eine Beziehung mächtig wichtig sei und so … .na doch auch wegen der Ausgeglichenheit. Zuzwinckern. Jaja. Irgendwie gehört Ingo auch zu Silvester. Aber eigentlich ist das ja gar nicht wirklich schlimm, weil man auf einer großen Fete immer irgendwie eine Ausrede hat, den Gesprächspartner zu verlassen, wenn einem danach ist. Also ganz schnell weg hier. Du, ich muss dann gerade dann mal zu der … ja klar, wir sehen uns … sauf nicht soviel … lachen … Vollidiot.

Doch, doch, Silvester ist eine vollkommen stimmige und in sich konsequent organisierte Veranstaltung in der jeder Mitspieler, jedes Jahr das Gleiche macht, oder zumindest das Gleiche sagt. Isabell zum Beispiel ist eine weitläufige Freundin von mir und Isabell heult jedes Jahr an Silvester.
     Das ist ja eigentlich auch sehr traurig, dass Sie immer heult, aber eigentlich auch sehr egal, weil sie ja jedes Jahr heult und wenn man keine Zeit hat, sich dieses Jahr die oberdämlichen Phrasen »… jetzt ist schon wieder ein Jahr vorbei …« oder auch sehr gern »… was wohl nächstes Jahr so alles passiert …« zwischen zwei Schluchzern anzuhören, braucht man gar kein schlechtes Gewissen zu haben, weil man sich ja dann einfach nächstes Jahr zur gleichen Zeit und an der gleichen Stelle (Sie mag die unterste Stufe der Treppe im Treppenhaus »Jetzt ist schon wieder das Licht ausgegangen … schnief« ) etwas Zeit für Sie und ihre Phrasen nehmen kann.

Irgendwann ist es dann zwölf Uhr. Die Idioten rennen wie besessen auf die Straße vor dem Haus von Frieder und wir folgen ihnen etwas langsamer, weil irgendjemand natürlich so Knaller und Raketen und so gekauft hat. Das ist aber eigentlich sehr langweilig. Wir umarmen uns dann um zwölf, weil man das so macht an Silvester und das ist bei einigen sehr schön, bei einigen geheuchelt und bei anderen einfach schon die Vorstellung schon so unerträglich, dass man die fünf Minuten vor und die Zehn Minuten nach Zwölf auf besonders großen Abstand bedacht ist. Man sieht sich dann noch aus sicherer Entfernung an, wie sich die immer präsenten Pärchen, innig im Arm halten, fast so ,als würde einer von den beiden gleich an die Front geschickt.

Nach dieser Unterbrechung der Festlichkeit gehen wir dann wieder ins Haus, wo alles seine gewohnten Bahnen geht. Meine liebe Exfreundin eröffnet das weitere Geschehen des Abends. Sie hat für sich eine quasi vollkommen stimmige Performance für Silvester gefunden, von welcher Sie nur äußerst ungern abrückt. Na, eigentlich nie. Jedes Jahr krallt sie sich zu Beginn der Feierlichkeiten eine Flasche Moët & Chandon (Sie findet Wodka aus Eierbechern trinken einfach »pubertär«) und trinkt diese Flasche dann in Eigenregie konsequent und mit unglaublicher Willensleistung zu 4/5 leer, wirft sodann behände Oasis in den CD-Player und fängt dann an mit mir, einem alkoholisierten, willenlosem Geschöpf, zu tanzen an. Sie hängt sich ganz bravourös an mich und vor allem an meine Lippen, was den Abend zwar nicht unangenehmer, aber dafür die Nachbereitung der Fete etwas anstrengender macht.

Für das nächste Jahr wollen wir natürlich mal was ganz anderes machen. Da mieten wir uns eine Hütte. Eine Hütte an der Nordsee oder so. Klar. Oder bei Mitternacht auf irgend einem dämlichen Berg stehen. Irgendwo. Auch eine prima Idee. Mit einer Flasche Champagner natürlich und nur mit den besten Freunden. Ohne Ingos. Ja gewiss. Das wäre toll.
     Vielleicht aber doch bei Frieder, da ist es dann wenigstens nicht so kalt, denke ich mir und vielleicht hat er ja bis dahin auch einige richtige Schnapsgläser gekauft. Wenn ich es mir das recht überlege ist das eigentlich auch keine so schlechte Idee.

© 1998 by Alexander Mohr. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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