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Blume am Fenster Pflegefall

 

Sie besucht sie jetzt, wie ich das schon geahnt habe, regelmäßig jeden zweiten Tag. Nimmt den Autobus um ½ 1, beruhigt eine Stunde lang ihr »Ich-bin-eine-schlechte-Tochter«-Gewissen, hetzt zum Retourbus und fährt mit leerem Hirn nach Hause.

Am Wochenende beruhige dann ich, wie ich das natürlich auch schon geahnt habe, mein »Ich-muß-meiner-Mutter-jetzt-beistehen«-Gewissen und rücke aus zum Sonntagnachmittag-Augenbad. Streichle runzlige Hände, versuche keine nackten Tabuzonen mit unabsichtlichen Blicken zu streifen, klingle nach Herrn Gerhard um körperliche Handreichungen zu erbitten und tröste meine zwischen Mitleid und Zorn zerrissenen Mutter.

Ja, wir haben unsere Oma jetzt im Pflegeheim! Ein Berg von schlechtem Gewissen, kettenreaktionsgleicher Hysterie und stummer Hilflosigkeit tut sich vor uns auf wie eine Sonnenfinsternis. Mamas größter Alptraum ist aus den Schatten hervorgekrochen.

Schon einmal hatte er sich leise bei der Türe hereingeschlichen. Als Oma zu Weihnachten zum ersten Mal sowas wie eine Ansprache gehalten hat, sich selbst als Urahnin bezeichnete, die nun wohl zum letzten Mal dabei wäre. Das hat natürlich keiner ernst genommen! Oma hat eigentlich nie wer wirklich ernst genommen. Zu sehr in ihrem vermeintlichen Leid hat sie sich ein Leben lang gesonnt. Zu oft mit ihrer diptheriegeschädigten Leber und ihrem ach so schwachen Herzen kokettiert. 50 Jahre Diät nimmt keiner ernst! 50 Jahre Rauch ohne Feuer!

Außerdem war sie mit dem lieben Gott verheiratet! Ja ehrlich, nachdem ihr seliger Leopold in Stalingrad gefallen war, hatte sie jedem potenziellen Bräutigam – und das waren angeblich gar nicht so wenige – diese Geschichte erzählt; sagt Mama. Mama meint, dass sie bloß keinem mehr den Haushalt führen wollte. Der liebe Gott hat halt keine dreckigen Unterhosen zu waschen! Das sieht sie vielleicht ein bisschen zu hart!

Vielleicht bin aber auch ich ein wenig zu unkritisch was Oma angeht! Alles was meine Familie angeht sehe ich wohl zu wenig kritisch! Ich habe jedenfalls als Kind gerne bei Oma geschlafen. Damals weil sie mich fernsehen ließ soviel ich wollte und das sogar in Farbe! Heute denke ich, dass ich mich bei ihr so wohlgefühlt habe, weil auch ich einen Hang zu Ritualen habe.

Jeden Abend aß Oma zwei Vollkornweckerln mit Gervais und Knoblauch, trank Buttermilch und reinigte ihr Gesicht mit selbstangesetzem Rosenwasser. Wusch sich um ½ 8 Uhr in einer fast einstündigen Prozedur geheimnisvolle Körperregionen und salbte sich, anschließend an ihre Turnübungen, hingebungsvoll mit ranzig riechendem Olivenöl. Ihr Bettzeug duftete immer frisch und ihre Teppiche wurden jeden Morgen mit einer seltsamen Maschine gereinigt. Sie hörte Operettenmelodien im Radio, betete dabei eine Novene aus ihrem abgegriffenen schwarzen Buch und las dann ihr »Frauenblatt«. Vor dem Einschlafen fiel mein letzter Blick oft auf Omas Nachtkästchen. Mamas gerahmtes Kinderfoto - mein Gesicht mit Haartolle und Matrosenkragen!

Schon lange möchte ich wissen, was sich da in all den Jahren zwischen den beiden Frauen abgespielt haben mag. Warum ist meine »Beste-Mutter-von-allen« sobald Oma in der Nähe ist, ein aggressives Hektikbündel mit knallroten Wangen und beißender Stimme? Warum ist diese gnadenlos großzügige Familienfrau ein zwischen Hass und schlechtem Gewissen zerrissener Halbschatten, sobald es um ihre Mutter geht?

Und doch besucht sie die Frau, von der sie behauptet, dass sie immer krank war, wenn sie sie gebraucht hätte, mit zermürbender Regelmäßigkeit. Nimmt den Autobus um ½ 1, beruhigt eine Stunde ihr »Ich-bin-eine-schlechte-Tochter«-Gewissen und fährt mit leerem Hirn nach Hause …

© 1999 by E. M. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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