Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons

Helmut Ograjenschek - Kunst

»Fantastisch, einfach genial!« Lobodan Hofstätter, Schöpfer so begnadeter Gemälde wie »Die morphologische Exegese des Jetztzeitlichen« und höchst angesehener Kunstkritiker einer nicht minder angesehenen Kulturzeitung, geriet ins Schwärmen.
     Mit weit ausholender Geste deutete er auf ein vor ihm an der Wand hängendes Bild, strich sich mit einer schwungvollen Gebärde sein in die aristokratisch geformte Stirn hängendes Haar zurück und fixierte seine andächtig lauschende Zuhörerschaft. Dann nahm er seine berühmte Deklamierpose ein:
     »In diesem Kunstwerk manifestiert und komprimiert sich der ganze Mikrokosmos unseres Universums. Die geniale Maltechnik, die kühne Komposition und die fantastische Auswahl der Farben dieses einmaligen, noch nie da gewesenen Kunstwerks sind Ausdruck des genialen Intellekts dieses Künstlers. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass in diesem beinahe überirdischen Bild, ähnlich dem der Mona Lisa des göttlichen Leonardo da Vinci, die Urratio gewissermaßen in der Endlichkeit auf den Punkt gebracht worden ist.«
     Einer der Anwesenden, die für viel Geld einer Führung des berühmten Hofstätter beiwohnen durften und jetzt andächtig den Worten des Meisters der spitzen Feder lauschten, wagte schüchtern einzuwenden: »Aber das Bild zeigt doch nur eine weiße Fläche mit einem schwarzen Punkt in der rechten unteren Hälfte. Was ist daran Kunst?« Hofstätter erdolchte den kühnen Frevler mit seinen Blicken. Selbiger verkroch sich vor Hofstätters Zorn ängstlich in einem Mauseloch.
     »Nur eine weiße Fläche?« donnerte Hofstätter. »Nur ein schwarzer Punkt? Mein Herr, wer von wahrer Kunst eine derart geringe Ahnung hat wie Sie, sollte nicht wagen, auch nur seine Fußspitze in diesen hehren Kunsttempel zu setzen. Nur eine weiße Flache? Für diese, eines wahren Kunstkenners höchst unwürdige Ansicht habe ich nur ein höhnisches Lachen übrig. Diese weiße Fläche, die Sie, mein Herr, als nur eine weiße Fläche zu bezeichnen wagen, ist nicht nur Weiß. Dieses von Ihnen so schnöde bezeichnete Weiß ist der Sinnbegriff des Entleerten, das in Farbe erstarrte Schweigen einer ganzen Epoche. Würdig, in den Olymp der wahren Kunst aufgenommen zu werden.«
     Hofstätter, der sich immer mehr in Rage redete, fuchtelt wild mit seinen Händen herum: »Dieses Weiß ist der Triumph des Geistes über die Niedertracht unserer Zeit. Und der schwarze Punkt der Kontrapunkt des schwebenden Nichts. Dieser schwarze Punkt symbolisiert das schier unmenschliche Ringen des Künstlers, sich unter die Wissenden dieser Welt einzureihen.« Erregt, mit weiten Schritten hin- und hergehend, schreit Hofstätter, mit spitzem Finger auf das bewusste Bild einstechend: »Dieses Bild ist der letztendliche Beweis, dass der Künstler sich nicht scheute, die fulminanten Zusammenhänge des Esoterischen zu sublimieren und sie in eine neue Form zu synthetisieren.«
     Eine noch nicht vor Ehrfurcht erstarrte Dame wagt Hofstätters Monolog zu unterbrechen, um trocken festzustellen: »Aber ein Normalsterblicher kann sich doch unter dieser Pseudokunst überhaupt nichts vorstellen. Ein Stillleben ist für mich Kunst. Oder ein schönes Aquarell. Rembrandt ist Kunst. Aber dieses Bild?«
     Hofstätter, verächtlich schnaubend: »All diesen Pseudokitsch von Pseudokünstlern wie Rembrandt oder Rubens sollte man dem Feuer überantworten, wenn ich etwas zu sagen hätte.«
     »Gott sei's gedankt, hat er nicht«, dachte der Museumsdirektor, der eben an der Gruppe vorbeiging und einen Moment lang Hofstätters schreiend vorgetragenen Ausführungen lauschte. »Ich hätte diesen Augiasstall schon längst ausgemistet und diese widerlich kitschigen Renoirs und Picassos vernichtet. Wie kann man nur einen ordinären Blumenstrauß mit diesem Jahrhundertwerk vergleichen?«
     Hofstätter zeigt auf ein weiteres Werk des Künstlers: eine schwarze Fläche mit einem senkrechten weißen Strich in der Mitte, »Das Sein des endlosen Nichts« darstellend.
     »Hier sehen Sie einen weiteren Beweis für das fulminante Talent dieses Künstlers. Unwillkürlich fragt man sich: Warum hat er diesen Strich ausgerechnet in der Mitte gezogen? Weshalb nicht rechts oder links? Ich, Hofstätter, sage euch, dass dieser weiße Strich vom Künstler exakt an dieser Stelle und nirgends anders angebracht werden konnte. Er symbolisiert das Wissen um eine Zukunft, die keine Zukunft mehr hat.« Hofstätter schnappt sich einen Herrn beim Kragen und kreischt: »Sehen Sie denn nicht diese geistige Spiritualität, die sich hier in den Farben Schwarz und Weiß zu einer Symbiose der Unendlichkeit mit der Zweieinigkeit des Seins verbindet?«
     Der Mann nüchtern: »Nein.«
     Hofstätter ist erschöpft. Hofstätter ist es müde, seiner Zuhörerschaft, dieser Bande von Ignoranten, wie er sie heimlich nennt, weiterhin die wahre Natur des begnadeten Künstlers zu offenbaren. Hocherhobenen Hauptes, das Kinn angriffslustig gereckt, schreitet er weiter, um im nächsten Saal plötzlich wie angewurzelt stehen zu bleiben. Seine Nase zuckt verächtlich, sein Mund nimmt einen verkniffenen Ausdruck an. Schroff gebietet er seinen Schäfchen Einhalt und schart sie um sich. Dann deutet er mit einem unendlich müden Seufzer, in dem Hofstätters schier grenzenlose Verzweiflung über den Lauf der Dinge im generellen und die Dummheit und grenzenlose Ignoranz des in Kunstdingen völlig geistlosen Pöbels im speziellen mitschwingt, auf ein Bild, welches ein in Öl gemaltes Stillleben mit Blumen, Feldfrüchten und allerlei Getränken zeigt.
     »Das, meine Dame, meinten Sie wohl, als Sie vorhin von Kunst sprachen? Nun, ich kann Ihnen glaubhaft versichern, dass ich in meinem ganzen Leben noch kein scheußlicheres Machwerk gesehen habe. Wie tief muss dieses Museum gesunken sein, dass es ein solches Bild in seinen Mauern duldet. Dieser angebliche Künstler, der dieses Bild verbrochen hat, hatte vom Malen soviel Ahnung wie eine Ameise vom Ziegenmelken.« Seine Fan-Gemeinde lachte pflichtschuldig über diesen etwas skurrilen Vergleich.
     Hofstätter besieht sich das Bild aus der Nähe und fragt einen älteren Herrn um dessen Meinung. Dieser gibt ihm unumwunden zur Antwort: »Dieses Bild gefällt mir. Es ist klar in der Aussage. Man sieht auf den ersten Blick, was der Künstler wollte, und erkennt sofort seine Maltechnik.«
     Um dann mit einem hämischen Seitenhieb in Richtung Hofstätter fortzufahren: »Was man vom ersten Bild ganz bestimmt nicht sagen konnte.«
     Hofstätter wird weiß vor Wut und überlegt sich, ob er diesem Vollkretin nicht dessen Geld für die Führung in den Hals stopfen sollte, besinnt sich jedoch eines Besseren. Mit einem hinterhältigen Grinsen wendet er sich an seine Gruppe:
     »Nun gut, analysieren wir dieses Machwerk einmal gründlich. Was sehen wir? Wir sehen eine Vase mit einem Blumenstrauß, gemalt in so groben Strichen, dass kaum zu erkennen ist, um welche Blumen es sich handelt. Ist es Klatschmohn? Oder sind es Anemonen? Oder Astern? Oder gar Chrysanthemen? Ich kann Ihnen, meine Damen und Herren, zudem glaubhaft versichern, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie eine derart grüne Gurke und so rote Paprika gesehen habe. Ganz zu schweigen von dem Wein im Glase, dessen Farbe eher an verschimmelten Karottensaft denn an einen vollmundigen Rotwein erinnert. Und erst der Hintergrund. Offenbar hat der Maler jegliches Gefühl für die Perspektive verloren. Sonst hätte er nie und nimmer das Haus im Hintergrund so windschief malen können. Dieses Werk als Kunst bezeichnen zu wollen, ist eine Beleidigung für jeden Künstler.«
     Hofstätter sieht den Museumsdirektor vorbeigehen, reißt diesen mit kühnem Griff an die Brust, zeigt auf das Stillleben und zischt: »Welcher Verbrecher hat dieses Ding da verbrochen?«
     »Aber mein lieber Hofstätter, erkennen Sie nicht einmal mehr Ihre eigenen Bilder wieder? Dieses Kunstwerk stammt aus Ihrer naturalistischen Epoche, bekam seinerzeit den Kunstpreis unserer Stadt und wurde von uns, stellvertretend für Ihr Kunstschaffen, ausgewählt, um an diesem würdigen Ort zu hängen.«
     Hofstätter bricht schreiend zusammen, wird in eine Zwangsjacke gesteckt und verbringt den Rest seiner Tage geistig umnachtet im Irrenhaus, wo er es als Mann, der jede Fläche weiß anmalt, zu einer gewissen Berühmtheit brachte.

© 1997 by Helmut Ograjenschek. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


ZurückSeitenanfangWeiter