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Die Geschichte eines geläuterten Kopierers
Von Francesco

KopiererWahrscheinlich versteht wieder kein Schwein mein Problem. Ich möchte nur eines bemerken: Die Technik ist nicht immer ein Segen für die Menschheit und für mich schon gar nicht.
     Ich sitze im Büro und betrachte stolz meine goldenen Manschettenknöpfe. Eine geschlagene Viertels
tunde und etliche Nerven hat es mich gekostet, bis ich sie heute Morgen eingefädelt hatte. Sie sind ein Geschenk meiner Frau zum 9. Hochzeitstag. Es ist wohl das allererste Mal, dass ich bei der Arbeit Manschettenknöpfe trage. Aber meine bessere Hälfte hat mir nahe gelegt, am heutigen Abend im Anzug und im blütenweißen Hemd zu erscheinen. Zu ihrem Klassentreffen. Sie will stolz auf mich sein. Gut, kann sie haben. Sogar meine Fingernägel habe ich maniküren lassen. Hat eine Menge Geld gekostet. Für sie ist mir nichts zu teuer.
     Die Manschettenknöpfe haben schon bessere Zeiten gesehen. An einigen Stellen ist der Goldüberzug abgeblättert, mich stört das überhaupt nicht. Manschettenknöpfe sind ein Gebrauchsgegenstand und somit einem natürlichen Verschleiß unterworfen. Basta! Wie zum Beispiel eine Uhr.
     Meine ist vorhin stehen geblieben. Auch ein vehementes Schütteln zeitigt keinen Erfolg. Sie streikt.
     Ich sitze also nichts ahnend an meiner Schreibmaschine, habe die Seite endlich mit viel Mühe fertig getippt und muss bestürzt feststellen: Mein Chef verlangt eine doppelte Ausführung! Mit meinem Zweifinger-Absturzsystem benötige ich dafür noch einmal eine halbe Stunde. Was tun?
     Ein mildes Lächeln zieht meine trübsinnigen Mundwinkel in die Höhe. Ganz hinten in unserem Büro steht nämlich ein Kopiergerät. Beherzt erhebe ich mich, reiße das Blatt mit professionellem Schwung aus der Maschine und konstatiere: Ich habe nur die eine Hälfte erwischt, die andere hängt noch zwischen Rolle und Typenrad…
     Irgendwie kriege ich mit den Fingernägeln - den manikürten - das Biest zu fassen, da reißt es ein zweites Mal. Schließlich landet der widerspenstige Rest doch noch in meinen unnachgiebigen Händen. Ich eile zum Nebentisch, blicke mich kurz um, bemächtige mich der fremden Tesafilmrolle und beginne umständlich, die Fragmente zusammen zu kleben.
     Einen Wimpernschlag danach, d.h. knapp zwanzig Minuten später sieht das Blatt aus wie neu.
     Ehrlich gesagt, sieht man die dünnen Risse ein wenig. Genauer betrachtet, kann man die Schrift an manchen Flickstellen nicht entziffern. Nun ist die halbe Stunde vorüber, der zweite Schriftsatz wäre jetzt fertig…
     Ha! Nicht mit mir. Ich greife mir das Blatt und schlendere in Richtung des Kopierers. Wozu verfügt man denn über die neueste Technik, wenn man sie nicht nutzen soll? Das Gerät mit dem japanischen Namen, den ich mir nie merken kann, heißt bei mir allerdings nur: Gehtnix. Aufgrund seiner Macken.
     Gehtnix ist belegt; wie gewöhnlich. Ich warte. Muss die blonde Kollegin - mit den üppigen Rundungen - gerade jetzt 200 Kopien für die Weihnachtsfete machen?
     Gleich nach ihr bin ich an der Reihe. Demonstrativ baue ich mich hinter ihr auf, wedle weltmännisch mit meiner geflickten Akte. Die blonden Rundungen nehmen kaum Notiz von mir. Wie gewöhnlich. Wahrscheinlich ist sie kurzsichtig.
      95. Kopie.
     Das dauert! Mein ungeduldiges Fächern mit dem Blatt scheint ihr auf die Nerven zu gehen, denn mittlerweile dreht sie nach jeder Kopie den Kopf halb in meine Richtung, als wollte sie sagen: »Noch bin ich an der Reihe«.
      135. Kopie.
     
Wenn mich nicht alles täuscht, läuft Gehtnix heute viel langsamer. Das tut er mit Absicht, ich kenne das Biest.
      178. Kopie.
     Jetzt kann es nicht mehr lange dauern. In der Zwischenzeit hätte ich schon eine dritte Abschrift fertig. Aber wie ich zuvor bemerkte: Mit mir nicht!
     Der Vorgang scheint zu guter Letzt beendet, in die Rundungen kommt langsam Bewegung. Die Kollegin greift sich den Stapel, wuchtet sich an mir vorbei, macht sich erst zu Recht und dann aus dem Staub. Endlich.
     Jetzt schlägt meine Stunde. Ich lege das notdürftig geflickte Aktenstück aufs Glas, schließe genüsslich die Klappe, danach die Augen. Ein Druck auf den Knopf. Es surrt. Ich warte.
     Das Papier ist alle. Oh, ich kenne die Tricks, mit denen dieser Bursche, der sich Fotokopiergerät nennt, arbeitet. Alle! Gelassen bücke ich mich, öffne sein gähnendes Maul.
     »Hunger!« raunt es mir entgegen.
     Papierhunger. Zwar benötige ich nur ein einziges Blatt, aber großzügig, wie ich nun mal bin, stopfe ich zwei Blätter hinein. Ein beiläufiger Knopfdruck. Wieder surrt es leise. Sehr leise, wie ich finde. Etwas zu leise…
     Das Blatt ist hängen geblieben. Ich öffne den Kopierer an der Seite, greife vorsichtig hinein und gerate mit meinen Fingern zwischen die beiden Gummirollen, die sofort gierig die ganze Hand in ihr Innerstes ziehen. Selbstredend widersetze ich mich der Attacke der unbelebten Materie und zerre trotzig an den Rollen. Schließlich, nach quälend langen Minuten, gelingt es mir mich zu befreien. Noch einmal greife ich, diesmal mit der anderen Hand, hinein. Ich muss das Papier erwischen, ansonsten streikt der Kerl den ganzen Vormittag. Ich kenne ihn doch.
     Schwups, schon hat er die andere Hand in seiner Gewalt und zerrt sie bis zum Handgelenk zwischen die schwarzen Walzen. Mit Todesverachtung reiße ich sie wieder heraus, richte mich auf und betrachte beide Hände.
Kopierer     Der Ehering fehlt. Und die Uhr! Beide Manschettenknöpfe sind verschwunden, die Ärmel des weißen Hemdes tief schwarz eingefärbt. Ich murmle irgendeine Obszönität und fingere noch einmal behutsam nach dem Fetzen Papier. Irgendwann gelangt er doch noch in meinen Besitz. Erneut drücke ich den Knopf. Diesmal surrt er in der gewohnten Lautstärke, zufrieden warte ich.
     Manchmal nimmt er sich eben etwas mehr Zeit. Er soll sie haben. Mein mittlerweile etwas irrer Blick sucht die Kopie, sie erscheint nicht.
     Ich kann eine gewisse Gereiztheit nicht verbergen. Wo istdie Kopie? Ungeduldig starre ich in den Auswurf, da aber finde ich sie nicht. Wo in drei Teufels Namen kann sie nur abgeblieben sein? Nervös trommeln meine manikürten, inzwischen gänzlich abgekauten Fingernägel auf dem Deckel des Gehäuses.
     »Komm raus, du Feigling!« quillt es zart aus meinem Munde. Sogleich stürzen besorgte Kolleginnen und Kollegen herbei und bilden aufgeregt einen Kreis um mich. Ich kann sie alle beruhigen, denn persönlich bin ich die Ruhe selbst. Zugegeben, mein Ruf war möglicherweise etwas lauter als beabsichtigt, aber wer außer mir hätte dafür mehr Verständnis?
     Wieder alleine, drücke ich den Knopf, es surrt. Das Blatt erscheint, na endlich, es geht doch. Aber - das Papier ist leer!
     Ich bin ein ruhender Pol, mich bringt so leicht gar nichts aus der Fassung. Daher hole ich aus und trete dem Kerl eine rein, dass der ganze Kasten in Richtung Wand zu entkommen sucht. Dabei gibt er ein paar Mitleid erregende Seufzer von sich, die bei mir sofort stärkste Beschützerinstinkte wecken.
     Nein, so darf man mit einer unschuldigen Kreatur einfach nicht verfahren. Er hat es ja nicht mit Absicht getan, der Gehtnix. Hoffentlich! Ich drücke den Knopf.
     Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das jetzt ertönende quietschende Gesurre für eine persönliche Kampfansage halten. Aber von einer Maschine?
     »Mach dich nicht lächerlich!« flüstere ich mir standhaft ins Ohr und warte. Nichts geschieht.
     Ein Kollege, der vorübereilt und mich dort hilflos stehen sieht, grummelt hörbar:
     »Vielleicht ist kein Papier drin…«
     Klugschwätzer. Einfach lächerlich! Ich habe doch eigenhändig -
     Nach kurzem Besinnen schichte ich einen Packen Papier ins dafür vorgesehen Fach, sehe kurz nach dem Original, das unbeweglich auf dem Glas verharrt und drücke mit vollendeter Grazie den Knopf. Es surrt.
     Nach einander wirft Gehtnix mehrere Dutzend leere Blätter aus, die es sich auf dem Teppichboden gemütlich machen. So, das reicht!
     Ohne Ehering, Uhr und Manschettenknöpfe, ansonsten aber unversehrt, stürze ich gemessenen Schrittes den Flur entlang, renne kontrolliert zwei Kollegen über den Haufen, reiße die Tür zum Keller auf und sause die Treppe hinunter. Hier beginnt das Reich unseres Hausmeisters.
     »Ah, Herr Kröger! Sie suche ich«, knurre ich ihn an. »Haben Sie einen … Hammer?«
     Beinahe schüchtern kommt die Frage über meine Lippen. Natürlich hat er einen. Einen? Diverse! Ich solle nur mitkommen und mir einen aussuchen. Das will ich gerne tun. Zu gerne…
     Da liegen sie. Kleine und etwas größere. Mein unsteter Blick taumelt in der Werkstatt umher auf der Suche nach dem für mich geeigneten Utensil.
     »Der da wäre richtig«, flöte ich in Richtung Hausmeister, »der…kleine dort.«
     Er sieht mich mit gesenktem Haupte misstrauisch an.
     »Was wollen Sie denn mit dem
     Meine Antwort besteht aus einem feisten Lächeln, schweigend greife ich mir das gute Stück und enteile. Locker die Arme schwingend kehre ich ins Büro zurück.
Kopierer     Kurz darauf stehe ich meinem Peiniger erneut gegenüber, und - sein ganzer Hochmut ist mit einemmal von ihm gewichen. Es scheint, als ob er sich noch stärker gegen die Wand presst. Auf Zehenspitzen gar schiebt er sich Stück für Stück die Mauer empor, aber das soll ihm nichts nützen.
     Wie ich eingangs erwähnte, bin ich ein ruhiger und besonnener Mensch. In allen Lebenslagen. Und vor allen Dingen bin ich kein Choleriker. Aber wenn dieser Arsch von Kopierer mich bis aufs Blut reizt, gebietet schon die Vernunft, dass ich mich zu wehren habe. Fest halte ich den Vorschlaghammer in beiden Händen und hole weit aus.
     Er zuckt! Der Bursche weiß ganz genau, was ihm bevor steht. Unbeeindruckt von seinem feigen Gebaren saust der schwere Stahl hernieder und trifft ihn seitlich an seiner empfindlichsten Stelle. Ein gequälter Ton entweicht seinem Innersten, es klingt ein bisschen nach lebensmüdem, melancholischem Alphornbläser mit starkem Asthma…
     Mit ruhiger Hand stelle ich den Hammer beiseite, zerre den Kopierer, der, vor einem eventuellen zweiten Schlag noch mehr zurückweichend, die halbe Wand bereits erklommen hat, auf den Boden der Tatsachen zurück und drücke den Knopf. Es surrt.
     Überaus selbstbewusst, mit lässig gespreizten Beinen, habe ich vor ihm Aufstellung genommen. Es vergehen keine drei Sekunden, und ich halte die fertige Kopie in Händen. So schnell war er noch niemals zuvor! Der Gehtnix. Dabei schielen seine grünen Leuchtdioden permanent und voll der Panik zum Hammer hinüber…
      Mein prüfender Blick wandert über das Resultat meiner Mühe und ich stutze. In der einen Hand das Original, in der anderen das Falsifikat, stelle ich fest: Die mit Klebeband geflickten Stellen auf dem Original sind fast nicht zu erkennen. Tatsächlich sind sie überhaupt nicht mehr wahrzunehmen und zusammen mit dem Klebeband restlos verschwunden. Das Schriftstück ist gänzlich unversehrt! Wie fest habe ich eigentlich zugeschlagen?
     Nun suchen meine Augen die Kopie ab, vergleichen sie mit dem wieder genesenen Original. Verdammt, dort ist mir tatsächlich ein Schreibfehler unterlaufen, der mir vorher beim Durchlesen entgangen sein musste. Ich habe die neue Rechtschreibung - ohnehin nicht mein Favorit - sträflich missachtet und Alptraum, wie in der Schule gelernt, mit P geschrieben. Aber auf der Kopie steht klar und deutlich Albtraum. Wie ist das möglich? Mein Gott, habe ich wirklich so zugehauen, dass der Gehtnix vor lauter Ehrfurcht die neue Rechtschreibung anwendet? Noch einmal überfliege ich das Original.
     Weiter unten lese ich Stalakmiten, auch das ist falsch. Er aber hat - aus freien Stücken - aus dem K ein G und somit Stalagmiten daraus gemacht.
     Gut, ich räume ein, vielleicht nicht ganz aus freien Stücken…
     Verstohlen sucht mein Blick den Hammer, der schuldbewusst in der Ecke lümmelt. Noch vier weitere »Druckfehler« entdecke ich auf dem Original, aber der geläuterte Kopierer hat sie alle korrigiert! Der Gute. Da sieht man, was es bringt, ihm ein wenig ins Gewissen zu reden.
     Seit jenem Tag ist Gehtnix wie umgewandelt. Er liefert die besten Fotokopien, die man sich nur denken kann. Kein Druckfehler entgeht seinem scharfen Auge, und nicht nur das. Solange der Hammer daneben steht, kann es durchaus passieren, dass er aufgrund einer ausländischen Fußnote alles zusätzlich - und freiwillig - in die entsprechende Sprache übersetzt. Selbst fürs Japanische ist er sich nicht zu schade. Sollte einmal das Papier ausgehen, entschuldigt er sich schon im Voraus.
     »Hätten Sie wohl die große Güte«, flötet es devot, sobald auch nur der Verdacht besteht, die Blätter könnten demnächst zur Neige gehen, »und würden ein wenig von diesem herrlich weichen, diesem unvergleichlichen Papier nachlegen?«
Kopierer     Bald wird er sich das Papier selbst hineinstopfen. Es ist mir schon beinahe peinlich.
     Zwar entsteht der Eindruck, als zuckte er bei meinem Erscheinen jedes Mal ein wenig zusammen, aber das ist sicher nur eine optische Täuschung.
     Neulich hatte ich - rein geschäftlich, versteht sich – für meinen Nachbarn ein paar Klaviernoten kopieren wollen. Ich legte sie wie gewohnt auf die Glasscheibe, ein trällernd Lied auf den Lippen. Einen Moment später begann der Kopierer wie im Wahn Notenblätter auszuwerfen, gleich passend für jedes nur denkbare Instrument. Mit handschriftlichen Anmerkungen des Komponisten versehen. Dabei ertönte eine leise Sinfonie, die ein wenig an Beethoven erinnerte.
     Nachdem er völlig ertaubt war.
      Gehtnix arbeitet seit diesem kleinen unbedeutenden Zwischenfall einwandfrei und willig. Wenn er nicht gerade im Büro beansprucht wird, widmet er sich modernen Kompositionen. Dieser Kopierer hat Talent! Gegen ihn kann man Stockhausen getrost als musikalischen Analphabeten bezeichnen. Nicht ein Instrument, das ihm irgendwelche Schwierigkeiten bereiten würde. Eine Vorliebe scheint er für das Fagott zu haben, denn seit dem ominösen Hammerschlag brummt er so eigenwillig. Aber jeder im Büro hat ihn jetzt lieb.
     Ach, ehe ich’s vergesse: Gestern hat er mir während einer belanglosen Kopie meinen Ehering zurückgegeben. Und meine Uhr, die im Übrigen wieder tadellos funktioniert. Auch beide Manschettenknöpfe sind wieder in meinem Besitz. Frisch vergoldet, wie sich das gehört. Danke. Lieber Kopierer.

 

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