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Keine Eile
von Holden Caulfield

Die Katze ist tot - schon seit Tagen und liegt im Wohnzimmer auf dem Teppich.

Es ist so still, keine Straßenbahn fährt mehr, vereinzelt stehen sie mit geöffneten Türen und leeren Führerständen in den Straßen. Sophie wollte bei Elsa bleiben, ich konnte das ständige Weinen der alten Frau nicht ertragen und war gegangen. Ich laufe über den Bürgersteig wie eine Marionette mit überlangen Beinen, um die Vögel nicht zu zertreten, obwohl sie schon tot sind. Einige haben einen dunkelroten Farbton im Gefieder, aber gestorben sind sie ohne ihn; der Aufprall, als sie schon tot waren, färbte die Federn wohl rot.

Die Tasse mit dem erkalteten Kaffee steht auf Sophies Stuhl, die Jalousie bedeckt das Fenster, die Uhr zeigt 11 Uhr mittags, obwohl das egal ist.

Ab und zu höre ich Schüsse. Sie drehen durch, weil sie nicht mitgenommen worden sind. Anders die Neugeborenen - sie liegen tot in den Gängen, in den Betten, die Kinder auf den Spielplätzen. Fast alle Menschen die ich kenne leben noch, wenn ich unter ihren Wohnungen vorbeigehe, spüre ich es. Ihre Fenster verstrahlen nicht die Stille derer von leeren Wohnungen. Ein Auto fährt in hoher Geschwindigkeit durch die Straßen, die Vögel zerquetschend. Der Fahrer hat noch nichts begriffen - nicht, dass er Zeit hat. Sehr viel Zeit und er sich nicht zu beeilen braucht.

Sophie rief eben an (wieso gingen die Telefone noch ? die Vermittlungsstelle läuft wohl automatisch). Elsa würde nicht mehr lange leben, sagte sie. "Sie wird noch sehr lange leben", erwiderte ich. Gefühlsfrigide und egoistisch nannte sie mich bevor es in der Leitung knackte. Sie hatte den Mann nicht gesehen, der vor diesem Hochhaus lag. Das Blut, in dem er lag, war schon schwarz geworden, sein Schädel zersplittert und der Unterbauch offen; in ihm lagen Laubblätter, und es war doch erst August. Die Augen waren nicht zu sehen, der Mann (oder war es eine Frau?) atmete. Sophie wusste es noch nicht.

Keine Eile, ich lasse mir Zeit. Zeit? Gibt es sie noch? Die Tage werden immer kürzer. Ich erreiche Karls Wohnhaus. Karl, der immer die Katzenkinder ertränken musste. Er liegt im Flur, der Strick ist gerissen, der Haken hat nicht gehalten. Karl ist blau im Gesicht, die Augen etwas hervorgetreten, er lebt. Ich frage ihn, wovor er Angst hatte. Er antwortet nicht und lebt noch, mit einem Kopf, der nicht auf dem Rumpf sitzt.

Ich bin froh, dass Sophie den Revolver mit zu Elsa genommen hatte und ich ihn so nicht finden konnte, als ich bemerkte, dass die Welt sich zu verändern begann. Heute früh ist es nicht wieder hell geworden, die Sonne blieb einfach weg. Es wird kühl, die auf den Straßen liegen werden es wohl nicht merken. Sophie ist vorhin nicht ans Telefon gegangen, ich überlege, ob ich zu Elsas Wohnung gehe. Besser nicht, ich habe schon zu viele von ihnen gesehen, die irgendwo liegen und immer noch leben. Ich zünde die nächste Kerze an.

© 1996 by Holden Caulfield. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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