Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons

Die Hundeschule

Als der Junge zwölf Jahre alt war, gab es nichts Größeres als eine Zugfahrt von Dortmund nach München. Er selbst lenkte die Lokomotive, und die Ansagen erledigte er auch. Da saß er, mit einem Fuß den Boden berührend, den anderen aufs oben stehende Pedal gelegt, auf seiner Maschine mit Naben 3-Gang Schaltung, gerade so weit von der Wohnung entfernt, dass kein väterliches oder mütterliches Ohr die Durchsage vernehmen konnte, mit der darum gebeten wurde, von der Bahnsteigkante zurückzutreten. Er sprach die Namen der Städte aus, welche der Zug auf seiner großen Reise anfahren würde, genoss einen kurzen Augenblick der Erregung und setzte sich langsam in Bewegung.
     In Köln war er schnell. Das Ruhrgebiet war ein geographisches Ungefähr, das an einem riesigen Strommasten aus Stahl endete. Die anderen Strommasten waren aus Holz. In Bonn hielt er kurz, um seinen Kletterbaum zu besteigen, danach kam Bingen, oder war es Mainz? Jedenfalls stand dort eine Holzbank, die ein Bahnhof war, an dem man zehn Minuten Aufenthalt hatte, denn gleich darauf begann der Weg steil anzusteigen. Später würden an dieser Stelle die Alpen beginnen, und er selbst als erfahrener Lokführer Venedig oder Genua ansteuern, doch mit zwölf Jahren hatte man sich mit Inlandsfahrten zu begnügen, und während er im zweiten Gang, stehend, die ersten Hänge der schwäbischen Alb hinaufstrampelte, verdrängte er die ihm wohl bekannte Tatsache, dass es am Rhein keine Gebirge gab. Kurz vor einem Reitplatz gabelte sich der Weg. Hier würden später abenteuerliche Exkursionen ins Berner Oberland und den Himalaja beginnen, aber der Zug nach München hatte sich an den Fahrplan zu halten und den neugebauten Trimm-dich-Pfad zu benutzen, welcher ihn mit Zwischenstopps in Frankfurt, Heidelberg und Ludwigsburg nach Stuttgart brachte.
     Stuttgart lag an der selben Bank wie Mainz. Das spielte zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt der Reise keine Rolle mehr. Bald würde er Feierabend haben. Er freute sich bereits auf München. Aber es gab noch eine Mutprobe zu bewältigen. Zwischen Ulm und Augsburg lag auf freier Strecke eine Hundeschule. Das Holzgatter war zwar immer ordnungsgemäß verschlossen, aber es wäre den Hunden ein Leichtes gewesen, ins Freie zu gelangen. Sie hätten lediglich 50 Meter zurücklegen müssen, wo das Holzgatter einem Zaun wich, in dessen Maschenwerk ein großes Loch klaffte. Auf dem Weg zum Reitplatz ging alles gut. Immer. Auf der Rückreise jedoch, kaum dass der Schnellzug sich näherte, begann jedes Mal derselbe große, schwarze, unangebundene Mischlingsköter so tobsüchtig zu kläffen und gegen das Holzgatter zu springen, dass der Zug nach Passieren der Stelle stets seine Maximalgeschwindigkeit erreichte. Der Zugführer wusste zwar, dass es der Bestie nicht einfallen würde, sein Gehege zu verlassen, dem Grauen, das ihn jedes Mal befiel, wenn er bereits von weitem das wütende Gebell vernahm, tat dies jedoch keinen Abbruch. Es ängstigte ihn in dem Maße wie der kleine Akt der Überwindung dieser Angst ein Gefühl in ihm erzeugte, nach dem er süchtig wurde. Erschöpft fuhr er wenig später in die Haupthalle des Münchner Hauptbahnhofes ein, stellte den Zug ab und begab sich in die Kantine für Bundesbahnangestellte, wo seine Mutter mit dem Mittagessen wartete. Während des Essens verwandelte sich die Kantine in die Küche einer 4-Zimmer großen Mietwohnung am Stadtrand von Donaueschingen.
     Nachmittags war er Lokführer. Morgens fuhr er mit dem Rad zur Schule. Das war Nahverkehr, der zählte nicht. Die Strecke nach München fuhr er oft, obwohl in seinen Schulheften zahlreiche andere Routen aufgelistet waren. Er stellte die Pläne mithilfe eines Schulatlas und diverser Kursbücher zusammen, die am Bahnhof auslagen. Die Fahrt von Dortmund war seine Lieblingsstrecke. Vielleicht weil er niemals in Dortmund gewesen war. In Urlaub fuhr man ja nur von Donaueschingen nach München, wo die Großeltern lebten. Und einmal im Jahr über die Alpen nach Italien.
     Es sollte mehr als 7 Jahrzehnte dauern, bis er zum ersten Mal nach Dortmund kam.
     Das war am Tag seines Todes. Immer noch lebte er in Donaueschingen. Seine Eltern waren nach München gezogen, gerade als er eine Verwaltungskarriere begann, um nicht zu verschimmeln, wie sie sagten, und um in der Nähe der Großeltern zu sein. Er war in Donaueschingen geblieben und dennoch nicht verschimmelt, jedenfalls noch nicht ganz. Inzwischen waren sie alle tot. Es ist vernünftig, sagte man ihm, dass sich ältere Menschen regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen unterziehen. Damit sie noch älter werden, spottete er, ging trotzdem hin. Er fühlte sich nicht schlecht, doch der vorsorglich untersuchende Arzt fand heraus, dass er an einer seltenen Krebskrankheit litt und bei gesunder Lebensweise und etwas Glück noch ein Jahr zu leben hatte. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits über 80 Jahre alt und sein Entsetzen über die vernichtende Diagnose hielt sich in Grenzen.
     Als das Jahr beinahe zu Ende war, fuhr er mit einem Taxi nach Dortmund. Die Fahrt kostete ein Vermögen, aber das war ihm egal. Die Reise nach München, die er mit dem Zug unternehmen wollte, würde die letzte Reise seines Lebens sein. In München wollte er begraben sein, sein Platz in der Familiengruft wartete auf ihn, die Fahrt war eine Reise zu seiner eigenen Beerdigung.
     Nun stand der alte Mann also, 7 Jahrzehnte nach seiner kurzen Karriere als Lokomotivführer, auf dem Bahnsteig 3 des Dortmunder Hauptbahnhofes, wohin ihn der Taxifahrer fürsorglich begleitet hatte, und wartete auf die Einfahrt des Intercity-Expresses nach München. Während der langen Autofahrt hatte er kaum gesprochen, sondern häufig die Augen geschlossen und sich den Erinnerungen an sein Leben hingegeben, die träge vorbeizogen wie die Landschaften hinter den Scheiben.
     Weder Lokführer noch Schaffner war er geworden, hatte Züge nicht einmal mehr als Fahrgast betreten. Hatte sich ein Auto gekauft und schätzte das Gefühl der Unabhängigkeit von Fahrplänen. Er schätzte auch das Gefühl der Unabhängigkeit von Mitreisenden. Das Fahrradfahren hatte er eingestellt, als es in Mode kam, den Zweitwagen in der Garage stehen zu lassen und mit dem Mountainbike zur Arbeit zu fahren. Den Gebrauch des Fahrrades fand er vernünftig, aber seine Abscheu vor Moden war größer. Er arbeitete als Verwaltungsangestellter. Das war keine Mode, das war nicht vernünftig, das war einfach eine weitere Art, sein Leben abzusitzen. Aber man hatte es nicht mit bellenden Hunden zu tun. Er wurde alt und davon, wie vom vielen Sitzen, auch ein wenig müde.
     Jetzt auf dem Bahnsteig hingegen fühlte er sich wach und vernahm mit zunehmender Erregung die leicht klirrende Stimme der Ansagerin. Er murmelte den Text gemeinsam mit ihr, erstaunt darüber, die Reihenfolge der Städte im Gedächtnis behalten zu haben. Nur zwei Mal irrte er, aber das lag daran, dass in seiner Kindheit an Orten gehalten wurde, die man heute schlichtweg ausließ. Es musste sich ja alles rentieren heute, die Zeiten hatten sich gründlich geändert. Ich werde mich jedenfalls bald nicht mehr rentieren müssen, dachte er. Da fuhr der Zug ein. Als sich die Türen geöffnet hatten, blieb der alte Mann ein paar Augenblicke lang auf dem Bahnsteig stehen, so lange bis die Ansage wiederholt wurde. Jetzt klappte es perfekt. Die Krankheit hatte in keinster Weise seine Merk- und Lernfähigkeit beeinträchtigt. Einen Augenblick lang fühlte er Trauer darüber in sich aufsteigen, nichts unternommen zu haben, um dem Schatten seines Verwaltungsbüros zu entkommen. Vielleicht hätte er es einfach wagen sollen. Vielleicht hätte er den Kampf aufnehmen und dem lähmenden Frieden seiner Büroinsel entfliehen sollen. Nun war es zu spät dafür. Dann befahl er sich selbst, unverzüglich in den Zug zu steigen und die Türen zu schließen. Etwas schwer fiel ihm der Einstieg in den Waggon. Als er es geschafft hatte, schloss die Türe automatisch. Ja, die Zeiten hatten sich geändert. Er war mehrmals nach Gran Canaria geflogen. Im Inneren des Waggons sah es aus wie im Flugzeug, aber es gab weniger Fahrgäste. Mit einem sanften Ruck setzte der Zug sich in Bewegung. Der alte Mann machte es sich bequem und blickte aus den großen, leicht getönten Scheiben auf graubraune, fensterlose Gebäudefassaden, Wiesen, Fabrikschornsteine, Bäume. Es waren ganz andere Fenster als damals. Er erinnerte sich daran, wie schwer es ihm gefallen war, sie als junger Bub zu öffnen. Mit seinem ganzen Gewicht hatte er sich an den eisernen Bügel klammern müssen, wie an eine Turnstange. Trotzdem hatte es nie geklappt, bis jemand Mitleid bekam und half. Diese neumodischen Fenster müsste man zertrümmern, um sie zu öffnen.
     Köln erreichte man schnell. Das Ruhrgebiet war immer noch ein Ungefähr, das sich seiner Aufmerksamkeit entzog. Diese verweilte jetzt bei jenem stählernen Strommasten, dem Wahrzeichen von Köln. Als Junge hatte er einmal von seinem Balkon aus beobachtet, wie dort ein Blitz einschlug. Eine Flamme von mindestens 10 Metern Höhe, hell wie die Sonne, war aufgeschossen und hatte ihren Widerschein 7 Jahrzehnte lang in seine Erinnerung gebrannt. Ein paar Jugendliche, kraftmeierisch aufgeputzt, ließen sich in seiner Nähe nieder. Ein Gefühl der Beklemmung beschlich den alten Mann, wurde schwächer, verkroch sich tief in den Eingeweiden. Immer hatte er jede Art von Lärm als Bedrohung empfunden. Hundegebell, Düsenjäger, Fußballfans. Er hatte immer noch ein gutes Gehör. Lärm zwang ihn zum Rückzug, zur heimlichen Flucht. Auch gegen diese Gefahren hatte die Dienststelle Schutz geboten. Niemand brüllte dort, niemand schlug auf den Tisch, niemals lief jemand Amok.
     Deutlich erinnerte er sich jetzt an die Hundeschule. Sie kam ja kurz nach dem Stahlmasten. Aber er machte sich keine Sorgen, denn es war der Hinweg. Außerdem waren sie gleich in Bonn. Die Bäume entlang des Rheines standen in Blüte. Daneben wirkten die hölzernen Strom- oder Telefonleitungsmasten wie eine Prozession von Krüppeln. Deutlich erinnerte er sich an eine Mainacht, als er mit seinen Freunden Harald und Dieter versucht hatte, einen der Holzmasten abzusägen. Es war die Nacht zum ersten Mai und jeder der etwas auf sich hielt, hatte sich an den traditionellen Zerstörungsaktionen zu beteiligen, je unsinniger desto besser. Es war ihnen nicht gelungen, den Masten zu durchsägen, zum Glück, wie er später fand, denn sonst wäre der Masten direkt auf das Gatter der Hundeschule gefallen, mit allen möglichen Konsequenzen. Wie deutlich diese Erinnerungen waren. Er blickte aus dem Fenster. Die Hundeschule war bereits vorbei. Er hatte den Augenblick versäumt, Ausschau zu halten nach dem Vieh, beziehungsweise dessen entferntem Nachkommen, das wohl immer noch die Stellung hielt. Natürlich hatte er die Hundeschule versäumt, denn er befand sich auf dem Hinweg. Nie gab es Probleme auf dem Hinweg. Gleich würde die große Steigung beginnen. Der alte Mann schwitzte vor Anstrengung. Sein Atem ging schneller. Bingen Hauptbahnhof murmelte er, obwohl er sich nicht sicher war, ob es vielleicht Mainz war. Jedenfalls begann jetzt der Aufstieg. Die Pause, die man ihm gönnte, war wirklich kurz. Ob der Schaffner nicht merkte, dass der alte Mann kein Teenager mehr war. Früher begannen an dieser Stelle ja die Alpen, jetzt beruhigte ihn die Tatsache, dass es am Rhein keine Gebirge gab, auch wenn die ersten Hänge der Schwäbischen Alb für einen alten Mann wie ihn, der laut Aussage seines Arztes gerade noch ein paar Tage zu leben hatte, keine Kleinigkeit waren. Aber sein Herz war ja nicht krank, ebenso wenig wie sein Gehirn. Auf der Scheitelhöhe des Hügels hielt er kurz an. Ein waagrecht stehendes Signal zwang ihn dazu. Nachdem der alte Mann wieder zu Atem gekommen war, kippte der rot-weiß gestreifte Arm des Signals nach oben und der Zug setzte sich erneut in Bewegung. Deutlich sah er das Bauernsträßchen: es fiel jetzt ganz leicht ab in Richtung des Waldrandes, wo es sich gabelte. Geradeaus begann der Aufstieg in die unwirtlichen Regionen der nordindischen Hochgebirge, jedenfalls an manchen Tagen, oder ins Berner Oberland. Und rechts begann der neue Trimm-dich-Pfad, um den es so viel Aufregung gegeben hatte. Der alte Mann erinnerte sich genau daran: eine Bürgerinitiative hatte sich gebildet, um gegen die Asphaltierung des einstigen Feldweges zu protestieren, und seine Mutter hatte sie geleitet. Ihm selbst war die Angelegenheit eher unangenehm, da die Eltern seiner Mitschüler mehrheitlich Trimm-dich-Pfad Befürworter waren, und ihm gelegentlich Klassenprügel angedroht wurden, eine gefürchtete Strafe, zu der es zum Glück niemals kam. Ebenso gefürchtet wie das wütende Gekläffe des Wachhundes der Hundeschule, das er über 7 Jahrzehnte hinweg nicht vergessen konnte. Es gab eine Verbindung zwischen der Angst vor den Mitschülern und der Angst vor den Drohungen jener Bestie, die ihm jetzt zum wiederholten Male, aber deutlich und endgültig wie nie bewusst wurde. Seine Finger krallten sich in den seltsamen Stoff aus dem die Sitzbezüge gefertigt waren. Er selbst hatte aus dem Trimm-dich-Pfad das Beste gemacht, eine Schnellzugstrecke, auf der er jetzt mit mittlerer Geschwindigkeit in Richtung Süden fuhr. Frankfurt, Heidelberg, Ludwigsburg hießen die Stationen. Und überall stiegen junge, lärmende Leute zu. Heutzutage fragte man auch nicht mehr, bevor man sich neben einen fremden Menschen setzte. Man ließ sich einfach in die Sessel fallen. Sein neuer Nebensitzer guckte dumm, als der alte Mann ihn mit zitternder Stimme bat, die Türen zu schließen und bei der Abfahrt des Zuges vorsichtig zu sein. Aber die Türen schließen automatisch, sagte er verunsichert. Nächster fahrplanmäßiger Halt ist Stuttgart, sagte der alte Mann. Der Nebensitzer nickte und versteckte sich hinter einer Zeitung. Als der alte Mann in Stuttgart aus dem Fenster blickte, sah er die Holzbank. Eine Rast lohnte jetzt nicht mehr. Bald würde er zuhause sein. Es gab nur noch eine Sache zu erledigen. Zwischen Ulm und Augsburg hielt der Zug an einem kleinen Bahnhof. Es musste sich um einen Betriebsstopp handeln, denn keine der Türen öffnete sich und die wenigen Reisenden, die auf dem einzigen Bahnsteig warteten, machten keine Anstalten, den Intercity-Express zu betreten. Der alte Mann musste das wütende Gebell des Wachhundes bereits seit einiger Zeit gehört haben, denn seine kleine Reisetasche war ordentlich gepackt, als er mühsam aufstand und langsam in den Zwischenabteilraum ging. Dort gab es einen grünen Knopf, auf den er drückte, worauf sich die Türe öffnete. Ein Schaffner kam ihm mit energischen Schritten über den Bahnsteig entgegengeeilt, aber der alte Mann beachtete ihn nicht. Plötzlich blieb der Schaffner stehen und stand so lange, bis der aufgeblähte Brustkorb wieder auf Normalgröße zusammengeschrumpft war, blickte dann ratlos in Richtung seines Lokführers und stieß in die Trillerpfeife, zunächst zögernd, danach entschlossen.
     Der Weg zur Hundeschule führte durch den Schalterraum des kleinen Bahnhofes. Der alte Mann durchquerte ihn und trat durch die Türe auf das Bauernsträßchen. Das Gekläffe des Wachhundes fuhr ihm tief in Knochen und Eingeweide, aber der alte Mann war fest entschlossen. Langsam ging er dem Gatter entlang, 50 Meter etwa, bis zu jener Stelle, wo es einem Zaun wich, in dessen Maschenwerk an einer Stelle immer noch das große Loch klaffte. Der alte Mann bückte sich umständlich, riss einen Teil des Drahtgewebes an einer Schulter mit, wobei der Kragen seines altmodischen Jacketts Schaden nahm, und stand schließlich schweratmend und mit zitternden Knien im Inneren des Geländes. Seltsam dunkel war es dort, als wäre die Hundeschule überdacht. Auch als seine Pupillen sich der Beleuchtung angepasst hatten, waren die Strukturen nur mangelhaft zu unterscheiden. Stühle konnte er erkennen, Tische und eine Art von Pult, beinahe wie in einer richtigen Schule. Der alte Mann ging mit kleinen, entschlossenen Schritten der Dunkelheit entgegen. Das wütende Gebell des Wachhundes, der bereits die Witterung des Eindringlings aufgenommen haben musste, wuchs nun rasch an. Als sie voreinander standen, hatte der alte Mann das Gefühl, die Umrisse jenes Gesichtes ununterbrochen angestarrt zu haben, ein Leben lang. Oder hatte das Gesicht ihn angestarrt? Jedenfalls gab es kein zurück mehr.
     Es ist wahrscheinlich, dass der junge Mann nicht zugeschlagen hat. Warum hätte er es tun sollen? Die verbalen Attacken, die absurden Beschimpfungen des alten Mannes hatten ihn vermutlich eher amüsiert. Es ist sogar wahrscheinlicher, dass der alte Mann selbst es war, der den ersten und vermutlich einzigen Schlag der kurzen Auseinandersetzung getätigt hatte. Es ist wahrscheinlich, dass der junge Mann in der Lage war, dieser offensichtlich tölpelhaften Attacke auszuweichen, und dass es infolgedessen zu jenem Sturz kam, der mit dem Genickbruch des Greises endete. Der junge Mann, Besitzer der Bahnhofsbar und einziger Zeuge des Vorfalles, dessen martialisches Äußeres die untersuchenden Staatsbeamten unbeeindruckt lassen sollte, wirkte jedenfalls äußerst glaubhaft. Der plötzliche Tod des unerwarteten Besuchers, jenes offensichtlich verwirrten Greises, hatte ihm eine schwere Nervenkrise verursacht, von deren Folgen er sich in diesen Tagen zur Zufriedenheit seiner Ärzte erholt.

 

© 2000 by Wolfgang Schilcher. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

ZurückSeitenanfangWeiter