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ERNEST HEMINGWAY von Friedrich Kiefl

Seit mehr als sieben Jahren arbeite ich jetzt als U-Bahn-Fahrer in München. Die Menschen und Situationen die ich dabei erlebte, erinnerten mich oft an die Ausgeburten eines kranken Gehirnes. Was aber das eigenartigste daran ist: Menschen und Situationen erscheinen nur in Ausschnitten, als kurze, schnelle Streiflichter. Es ist wie die Arbeit selbst: man rast durch die Dunkelheit, für einen kurzen Moment explodieren Licht, Geräusche, Menschen -und dann bleibt alles wieder weit hinter einem zurück. Es sind alles nur Streiflichter, kurze Episoden. Was vorher war, was daraus folgte - das alles verschwindet in der Dunkelheit. Die Geschichten, die ich erlebe haben keinen Anfang und kein Ende. Ich erlebe nur kurze Ausschnitte in ihrer Mitte, ohne jemals zu erfahren wie es weiterging.
     Der Mann, der sich für Ernest Hemingway hielt war ein solcher Ausschnitt.
     Vor zwei Jahren, etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht hielt ich im Bahnhof Forstenrieder Allee an. Leute stiegen aus, Leute stiegen ein - die übliche tausend mal erlebte Routine. Türen schließen, ein letzter Blick: stand jemand zu nahe beim Zug? - nein, alles war frei - in den Fahrerstand steigen - der übliche Blick zum Signal: Grün, also freie Fahrt - Fahrbefehl geben - HALT!
     In den Augenwinkeln erschien ein Schatten. Jemand stand dicht neben dem Zug. Vielleicht wollte er etwas von mir, vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall stand er zu nahe am Zug. Wenn ihn der anfahrende Zug erfasste und mit sich riss mit, war er so gut wie tot. Einhundert und zwanzig Tonnen entwickeln ungeheure Kräfte, auch wenn sie sich langsam bewegen.
     Ich öffnete meine Fahrerstandstür wieder und sprach ihn an. Eigentlich ohne ein größeres Interesse zu entwickeln. Menschen die sich sonderbar benehmen sind da unten normal. Diejenigen die sich normal verhalten und - oh Wunder - sogar noch gutes Benehmen beweisen, die fallen auf.
     »Guten Tag,« sprach ich ihn an. »Kann ich etwas für sie tun?«
     Er war noch kleiner als ich, aber breiter gebaut. Etwa vierzig bis fünfzig Jahre alt mit schütteren, dunklen Haaren stand er nur da und starrte mich an. Immer noch in meiner Routine von Hunderten Begegnungen gefangen, mehr gelangweilt als interessiert, redete ich weiter.»Sie stehen zu nahe am Zug. Gehen sie bitte vom Sicherheitsstreifen herunter. Das wird sonst zu gefährlich, wenn der Zug ausfährt.«
     Er stand da, starrte mich an und nuschelte irgendetwas.
     Aus seinem linken Mundwinkel lief ein dünner Faden Speichel, vermischt mit Blut.
     Jetzt wurde ich munter.
     »Brauchen Sie einen Arzt? Soll ich das Rote Kreuz rufen?«
     Sein Starren blieb gleich und er nuschelte wieder etwas unverständliches.
     »Was ist denn mit Ihnen, kann ich ihnen irgendwie helfen?«
     Wieder nuschelte er.
     Ich schaltete den Funk an.
     »Leitstelle für drei elf.«
     Eigentlich hieß das »Linie Drei Kurs Elf«, aber in der Praxis kümmerte sich niemand darum.
     »Drei elf« kam es zurück.
     »Drei elf braucht an der Forstenrieder Allee, Gleis 2 im Süden das BRK. Ich habe hier einen verwirrten Fahrgast, der auch noch ein bisschen blutet. Der Mann steht direkt am Sicherheitsstreifen und reagiert auf kein Wort. Ich versuch ihn vom Zug wegzubringen und sehe zu, dass jemand bei ihm bleibt.«
     »Sie brauchen Forstenried im Süden das BRK und sehen zu, dass sie den Mann vom Zug wegbringen. Alles klar. BRK kommt.«
     Natürlich war der Bahnsteig wie leer gefegt. Es gab mich, den Kranken und die Leute im Zug. Die waren eingeschlossen, da die Türen sich vor Fahrtbeginn verriegelten. Ich könnte sie wieder freigeben und jemanden um Hilfe bitten, aber ich verließ mich darauf dass bald einige Leute auftauchen würden. An diesen Bahnhof kamen immer wieder Leute.
     Erst einmal kümmerte ich mich um meinen Kranken.
     »Ich habe das Rote Kreuz verständigt. Es wird gleich jemand kommen, der sich um sie kümmert.«
     Er stand da, nuschelte irgendetwas und schwankte.
     »Kommen sie, setzten sie sich doch auf die Bank da haben sie es viel bequemer.«
     Irgendwie musste ich ihn von der Bahnsteigkante wegbringen, sonst passierte wirklich noch ein Unfall.
     Er nuschelte wieder.
     Und ich sagte ihm wieder dass das Rote Kreuz gleich käme, dass er sich hinsetzen sollte und das man sich gleich um ihn kümmern würde. Ich glaubte nicht, dass er mich verstand. Wenn ich in einem ruhigen freundlichen Ton auf ihn einsprach würde ihn das beruhigen und etwas leichter zugänglich machen - das jedenfalls erhoffte ich mir.
     Und während ich redete und er so daher nuschelte schaffte ich es ihn zumindest einen Meter von der Bahnsteigkante wegzumanövrieren.
     Dann fiel mir etwas auf.
     In der fünften Wiederholung gehört klang dieses Genuschel wie:
     »Wiheisndu.«
     Sollte das etwa bedeuten: »Wie heißt denn du?«
     Dieser Überlegung folgte eine zweite: Einem offensichtlich verwirrten meinen Namen geben?
     Es gab Kollegen die hatten dadurch schon Ärger bekommen. Die Leute holten sich ihre Adresse aus dem Telefonbuch und fingen dann an sie zu belästigen.
     Das Risiko wollte ich vermeiden.
     »Ich bin der Fahrer von drei Kurs elf.«
     Da ging ein Ruck durch ihn. Er versuchte so etwas wie Haltung anzunehmen und brachte - dieses Mal deutlicher - hervor:
     »Angenehm, Ernest Hemingway.«
     Und er bot mir die Hand an.
     Ich schüttelte sie und sagte:
     »Angenehm...wollen Sie sich nicht dort auf die Bank setzen.?«
     Er verstand mich noch immer nicht. Aber immerhin konnte ich ihn jetzt etwas leichter manövrieren. Immer wenn ich einen kleinen Schritt nach vorne ging schob ich ihn einen Schritt zurück. Es war kein gewaltsames Drängen, eher ein sanfter Druck der ihn langsam in die Bahnsteigmitte brachte.
     Die Erlösung kam als ich ihn schon bei der Bank hatte. Eine Gruppe von Leuten kam auf den Bahnsteig. Ich rief sie herbei und schilderte ihnen kurz den Fall - dass der Mann hier offensichtlich krank und verwirrt sei, dass die Sanitäter vom Roten Kreuz bereits auf den Weg hierher seien und dass sie doch bitte bis dahin auf den Mann aufpassen möchten. Das versprachen sie zu tun.
     Zurück bei meinem Zug tat ich zwei Dinge zugleich - ich gab Gas und rief die Leitstelle an, sagte Bescheid, dass der Mann jetzt auf einer Bank säße und das Leute auf ihn aufpassten.
     Die ganze Geschichte hatte gerade mal drei, vier Minuten gedauert. Und als ich etwa zwanzig Minuten später wieder bei der Forstenrieder Allee ankam war alles so leer und still wie immer. Ich erfuhr nie, was aus »Ernest Hemingway« wurde.

© 1998 by Friedrich Kiefl. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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