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Rote Schuhe

Susanne Sakel
Aus dem Leben eines unbekannten Genies

Tag 1
Punkt. Und Schluss. Ich bin hochzufrieden. Selten ist mir so eine geniale Story aus der Feder geflossen. Und die Pointen haben sich praktisch selber eingebaut. Hier stimmt einfach alles, vom Aufbau, über den Protagonisten, bis hin zum Schlusssatz. Tja, manche verstehen eben ihr Handwerk. Schade um die anderen zweitausend Einsendungen. Es kann eben nur einen geben. Na schön, in diesem Fall drei Gewinner, der erste Preis beträgt eintausend Euro und sicherlich einen Haufen Verleger, die einem die Tür einrennen.
     Vorsichtshalber sollte man die Geschichte zum Korrektur lesen schicken, alleine schon wegen der Kommasetzung. Der Text geht an meine beste Freundin per eMail. Jetzt muss ich nur noch warten.

Tag 2
Okay, ich hab genug gewartet. Wo bleibt Petras begeisterte Antwort, wo der Vorschlag für den Pulitzerpreis? Manche Leute setzten einfach ihre Schwerpunkte im Leben falsch. Wenn bei mir ein Beitrag dieses Formats um Mitternacht eintrudeln würde, würde ich wenigstens mit einer Dankesmail antworten. Immerhin wird Petra eine große Ehre zuteil, das ist sozusagen ein Vorabauszug, ein Preview der Premiere!

Tag 3
Petra hat in rot korrigiert. Sie ist übrigens Tierärztin. Das sind schon mal zwei Gründe, die ich hätte bedenken sollen, als ich gestern meine elektronische Post aufgab. 1. Schicke deine Texte nur an neutrale Personen, keine Freunde, Verwandte usw. 2. Diese Person sollte spezielle Lektoratskenntnisse besitzen.
     Hier jedenfalls hat jemand anscheinend seinen gesammelten Frust am Rotstift ausgelassen. »Klingt unglaubwürdig!«, »mehr Details!«, »unlogisch!«, usw. Der Hammer kommt am Ende: »Es gibt einige gute Stellen, aber…« Da springt mir doch die Taststur weg. Schade, wenn man so gar nichts von anspruchsvoller Literatur versteht. Schuster, bleib bei deinen Leisten! Petra kann weiter ihre Hamster kastrieren, danke für das Sodbrennen.

Tag 4
War die halbe Nacht wach. Warum stottert mein Protagonist eigentlich? Ist das wirklich wichtig für die Handlung? Und muss seine Frau ihn mit dem besten Freund betrügen? Ist das nicht ein bisschen abgegriffen?

Tag 5
Rolf hat sich über meine schlechte Laune beschwert. Ich habe entgegengehalten, dass er sich nicht für meine literarische Ader interessiert. Das Ergebnis war, dass ich ihm die Geschichte vorgelesen habe. Er ist dabei eingeschlafen. Um neun Uhr abends. Was er noch nicht weiß ist, dass ihm ein sexfreier Monat bevorsteht. Ich habe natürlich den gleichen Fehler wie oben begangen, trotzdem wette ich, dass Frau Hitchcock oder Herr Christie ihre Partner unterstützt haben. Na ja, mit dem Intellekt hatten wir es ja noch nie in der Familie.

Tag 6
Na schön, eine Überarbeitung. Nur, um meine Schlaflosigkeit in den Griff zu kriegen. Das Lesen ist ernüchternd: Nach 5 Tagen Abstand sehe ich alles in einem ganz anderen Licht. Die Sätze wirken holperig, die Charaktere sind langweilig, Höhepunkt nicht vorhanden und Ende vorhersehbar. Pointen? Ein Publikum würde mich mit faulen Tomaten steinigen für dermaßen flache Kalauer. Ich bin entsetzt. Selten habe ich so einen grottenschlechten Text gelesen. Petra wollte mich vermutlich schonen mit ihren spärlichen Anmerkungen. Besser, sie hätte ihn gleich zerrissen. Er ist das Papier nicht wert, auf dem er steht. Verdammt, wie konnte ich bloß so eingebildet sein. Ich sollte lieber Socken stricken. Niemals wird jemand einen meiner Texte drucken. Ich bin eine Niete. Träume, ade.

Tag 7
Habe Migräne.

Tag 8
Habe gerade mit meiner Schwester Bianca telefoniert. Zuerst wollte sie nicht recht raus mit der Sprache, aber dann stellte sich heraus, dass sie gestern beim Babysitten die Geschichte auf dem Schreibtisch entdeckt hat. Sie ist restlos begeistert! Sie sagt, ich hätte ein Talent, das man nur selten findet! Unbedingt sollte ich weiter am Ball bleiben. Ich finde, auch als arbeitslose Fußpflegerin hat man ja wohl genug Grips zu beurteilen, ob ein Text gut ist, oder? Sie war sozusagen meine »Probeleserin aus Versehen« und hat mir Bestseller-Qualitäten bescheinigt! Ich bin ein Genie, ich wusste es. Man muss immer an sich selbst glauben Habe ein paar kleine Änderungen in der Rechtschreibung vorgenommen, ansonsten war die Story ja in Ordnung. Übrigens musste Bianca ihren Führerschein abgeben und wollte sich meinen Wagen für drei Monate leihen. Kein Problem.

Tag 9
Habe den Text noch kurz vor Einsendeschluss eingeschickt. Endlich habe ich mir die teuren roten Schuhe geleistet, in ein paar Wochen kommt ja dann das Preisgeld.

© 2003 by Susanne Sakel. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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