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Der Geruch des Gartens
von Karl Hoffmann

GartenEben noch saß Sander mit diesem netten Mädchen im Kino, in der hintersten Reihe, sie hatten sich die Hände gestreichelt und er war gespannt gewesen, was er noch alles streicheln würde, da ist er mit einem Ruck wach. Und so dauert es eine Weile, bis er merkt, dass alles nur ein Traum war. Und je länger er den Bildern des Traumes nachhängt, umso schneller zerplatzen sie. Nur dieses dumme Gefühl bleibt übrig, wie, na ja, wie einmal, als er sich hinsetzen wollte, und so ein Blödmann zog seinen Stuhl weg...
     Sander stützt sich auf die Ellenbogen, lässt den Kopf in den Nacken fallen und seine Haare kitzeln die Schultern - das ist angenehm.
     Er knipst die Nachttischlampe an, nimmt ein Buch, setzt sich zurück und folgt Karl May durchs wilde Kurdistan. Da wird gekämpft und gefoltert, und er hört die Schreie und sieht das Blut. Und dann fegt er mit einer Handbewegung das Buch von der Bettdecke, weil er doch schon zu alt ist für so was. Und dann holt er es zurück, obwohl er weiß, dass es dieses Kurdistan gar nicht gibt, aber in seinem Bett und bei Karl May doch.
     Aber dann wird es ihm unter der Bettdecke zu heiß und die Nachttischlampe blendet und die Augen brennen. Er dreht sich noch einmal zur Seite, kann aber nicht einschlafen, nur der eine Fuß, und überhaupt ist er kribbelig, dass er aus der Haut fahren könnte.
     Die Stones.
     Die hat Uwe ihm geliehen.
     Die Neue.
     Die Plattenhülle steht neben dem tragbaren Plattenspieler.
     Und auch der gehört Uwe.
      »Du bist bescheuert«, hatte der zu Sander gesagt, »immer sitzt du in deiner Bude und liest. Bist ein richtiger GartenStubenhocker, alte Eule.« Und dann hatte er ihm den Plattenspieler und die Stones geliehen. »Die Stones«, hatte Uwe noch gesagt, »sind echter - nicht so wie die Beatles, die säuseln ja nur.«
     Sander legt die Scheibe auf: AFTER MATH. Als er zum ersten Mal den Titel gelesen hatte, sagte er: »AFTER MATT« »MATH, du Heini, sagte Uwe - th.« Er muss das wissen, er sieht jetzt aus wie Brian Jones, also die Haare hinten zwei, drei Zentimeter über den Kragen, vorne in die Stirne gekämmt, bis zu den Augenbrauen.
     Komisches Gejammer diese Musik. Ist doch kein Rock’n Roll! Wie Jahrmarktmusik, so blechern. Dauernd Plink Plink und Baby Baby.
     Jedenfalls beim ersten Hören.
     Aber jetzt?!
     Sander hockt vor dem Gerät und dreht es lauter. Nur nicht zu laut, sonst wird Vater die Treppe raufkommen, »Negermusik!« schreien und die Sicherung rausdrehen. Aber der hat ja wieder Nachtschicht.
     Trotzdem, wenn er Sander jetzt sehen würde, wie er den Rhythmus auf die nackten Oberschenkel schlägt und mit den Füßen stampft und durch das Zimmer hüpft und mit den Armen fuchtelt und mitsingt: »IT’S NOT EASY BABY!« und »WHAT TO DO!« bis er nicht mehr kann, dann würde Vater ihn mindestens zwei Wochen einsperren.
     »Tja« ...
     Doch noch einmal versuchen, zu schlafen?
     Aber draußen wird es hell und so stellt er sich vor die Dachluke und sieht nach draußen, in den Garten.
     Einfach so.
     Der Kirschbaum hat längst seine Blüten verloren, zwischen scharf gezackten Blättern leuchtet das erste Rot. Hinter den Obstbäumen ist der Garten in Gemüsebeete aufgeteilt: Das ist Vaters Arbeit; da lässt der niemanden dran.
     Ist Sander auch recht so. Er hat schon genug mit den Dummpickern und den Karnickeln zu tun. Und jetzt muss er runter und die Viecher füttern und Eier einsammeln.
     Doch zuerst will er das Zimmer lüften. Er öffnet also die Dachluke, sodass kühle Morgenluft in die Bude kommt und der Geruch des Gartens - aber wie immer ist es nur der Gestank der Kaninchenställe und des Misthaufens.

GartenDass das einmal anders war, fällt ihm ein, und er bleibt an der geöffneten Luke stehen und blickt in den Garten und sieht, wie er hinter der Waschküche, zwischen Flieder und Ginster in einer großen Zinkwanne planscht und mit kleinen Holzschiffchen spielt, und der Komposthaufen und die Kaninchenställe stinken wie immer, aber das macht ihm gar nichts. Und dann klettert er aus der Wanne, weil er schon eine Gänsehaut hat und steigt auf die Schaukel, aber da wird ihm auch nicht warm, auch nicht unter den Obstbäumen, zwischen deren Blätter die Sonne wackelt – nur auf dem gepflasterten Weg zwischen Gemüsebeet und Rasen, auf dem seine nassen Fußabtritte im Nu verdampfen, auf den er sich legt und in den Himmel sieht, und sieht, wie dünne, weiße Wolken vorbeisegeln und Taubenschwärme und Schwalben.
     Und wie er so auf dem Rücken liegt und die Sonne ihn wärmt, hört er ein Lied, dass jetzt ständig im Radio läuft und das Radio hat Vater Heute in den Stall gestellt, auf der anderen Seite der Waschküche, neben sein Motorrad, an dem er schon wieder herumschraubt. Einmal hat Vater dieses Lied angeschrieen, und Sander hat gefragt, ob die Pariser Hure denn einen Namen hat, und Mutter musste Sander aus der Wohnküche schieben, ganz schnell, damit Vater nicht antworten musste.
     Jetzt dreht Vater am Sender, dass es kracht und pfeift, und schwarz-braun ist die Haselnuss, und dann zuckt Sander zusammen, weil Vater ihn ruft, dass er ihm helfen soll, aber darauf hat er gar keine Lust, weil er Vater immer vom Gesicht ablesen muss, was der von ihm will, und soll er doch seine Marschmusik alleine hören. Und er verkriecht sich unter den großen Johannisbeerbusch zu den kleinen Käfern und Würmern, die haben sich ja auch versteckt, weil sie, wie Sander, herausgefunden haben, dass Hühner dumm sind. Aber kaum hat er das gedacht, friert er schon wieder, und eigentlich sind Würmer eklig, und Uwe hat doch ein neues Fernglas, und das will er ausprobieren, oben auf der Bleiche, neben der dicken Buche, oder dahinter, weil man sich beim Tierebeobachten verstecken muss, das ist doch klar, hat Uwe gesagt, am Morgen, und sich mit Sander verabredet. Aber Mutter hat ihm verboten, durch ein Fernglas Tiere zu beobachten, weil, wer weiß, was man da noch alles beobachten kann, hat sie gesagt, fällt Sander unter den Johannisbeeren ein.
Garten     Trotzdem kriecht Sander aus seinem kühlen Versteck hervor, schlüpft durch das kleine Loch in der mannshohen Hecke auf die angrenzende Wiese und schleicht durchs feuchte Gras, das ihm bis zur Brust reicht, zum Bunker und klettert die zwei, drei Meter des sandigen Pfades an ihm vorbei zu dem breiten Feldweg, wo er durch den angrenzenden Garten mit den vielen Obstbäumen vor Vaters Blicken geschützt ist. Und richtig sieht er nun Uwe heftig winken, weil der Sander schon durch sein Fernglas hat kommen sehen, genau dort, wo sie sich verabredet haben, zwischen der alten Buche und dem Busch, der jetzt dort steht, wo vor ein paar Jahren der Schuppen aus Teerpappe mit den Werkzeugen stand.
     Sander an der Dachluke läuft es kalt über den Rücken - er sieht, während Sander auf der Bleiche bei Uwe ankommt, wie Vater, obwohl er keine Luft hat, die Steintreppe zur Bleiche hochhetzt, zwei Stufen auf einmal, in der Hand den abgeschnittenen Abflussschlauch der alten Waschmaschine. Sander auf der Bleiche sieht es nicht, weil er durch das Fernglas blickt, das Uwe ihm gegeben hat. Erst als er Vaters röchelnden Atem hört, dreht er sich erschrocken um und spürt schon den ersten Schlag am rechten Bein.
     Sander an der Dachluke spürt die Schläge, mit denen Vater Sander von der Bleiche prügelt, noch einmal, jeden einzelnen, die Steintreppe hinunter, an den Plumpsklos vorbei und an den Ställen mit dem Vieh, das erschrocken schnattert und blökt. Und er hört seine Schreie und sieht Vaters Wut, die dessen Augen weitet und sein Gesicht verzerrt.
     Sander an der Dachluke schließt die Augen - er kann nicht mehr hinsehen, er weiß ja, dass Vater erst aufhört, wenn er selber nicht mehr kann, und dass Sander am nächsten Tag trotz der roten Striemen an den Beinen zur Kirche muss, zur Hl. Messe, mit kurzen Hosen, und wie er sich schämt deswegen und sich nicht hinknien kann, weil es so wehtut, und ihn die Leute anstarren, weil er nicht macht wie alle, und es dann sehen und ihren Blick abwenden.

GartenSander springt in die Klamotten und versorgt die Tiere. Von den frischen Eiern kocht er sich gleich ein halbes Dutzend: Er hat beschlossen in den Wald zu gehen - den ganzen Tag. Und er muss sich beeilen, denn gleich kommt Vater von der Arbeit. Und wenn der von der Nachtschicht kommt, weckt er alle Nachbarn: sein Motorrad hat zwei Auspuffrohre, und die sind dauernd kaputt.
      Sander, schon auf halbem Wege, dreht sich um, als er das Knattern hört, sieht Vater, wie er gerade aus dem Hohlweg gefahren kommt, mit weißem Helm und Schutzbrille, und der Ledermantel flattert auf beiden Seiten im Fahrtwind wie die Flügel eines Raubvogels.
     Sander verschwindet hinter der alten Buche, deren Stamm drei Mann nicht umfassen können und wartet erst mal ab. Unter ihrem dichten Laubdach ist es beinahe dunkel. Nicht einmal Gras wächst hier, nur feuchtes Moos. Aber Bucheckern liegen herum, die alten vom letzten Herbst.
      Als er sicher ist, das Vater sein Motorrad abgestellt hat und im Haus verschwunden ist, geht Sander den Feldweg zum Bunker, setzt sich vor den Eingang, der jetzt mit einer Eisentür verschlossen ist, und pellt ein Ei. Die Sonne hängt zwar noch in den Baumwipfeln des nahen Waldes, aber hier, vor der Eisentür ist es schon richtig warm. Die Schalen überlässt er den kleinen, roten Ameisen. Vor seiner Nase wackelt der erste Schmetterling. Und während Sander das Ei isst, blickt er auf die Wiese, die bis zum Wald reicht und nur von einem Bach unterbrochen wird: ein Farbenteppich aus Sommerblumen. Und er hört den Grashüpfern zu, die am Wiesenrand ein Konzert geben.

© 2004 by Karl Hoffmann. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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