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Bernhard Liebl: Florenz

Die Wiese lag neben einer Autobahn. Im Sommer spielten Kinder darauf, im Winter waren es die Hunde. Die Wiese war groß, viereckig und grün, man konnte darauf laufen und sich herumwälzen, man konnte Blumen pflücken und Sonnenuntergängen zusehen. Ich verließ die Wiese und meine Wohnung im Juni. Ich wollte weg. Es war ein innerer Drang, eine Reise unternehmen zu müssen, ich packte meine Sachen, nahm einen Zug und fuhr los. Ich suchte, ohne zu wissen, was. Ich wollte durch Deutschland reisen, alleine. Es muss wohl in Passau gewesen sein, oder Regensburg, als ich Lena traf.

Lena stand an einem Bahnhofsschalter. Sie stand zwischen einer Menge schwitzender, unruhiger Fahrgäste. Fahrgäste, die am Schalter drängelten wie eine Gruppe Bustouristen mit einer Salmonellenvergiftung vor einer öffentlichen Toilette. Es war heiß. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie heiß, aber es war heiß, und alle Menschen trugen Schweißperlen auf der Stirn und atmeten schwer. Ein alter grauhaariger Mann stütze sich buckelig auf seinen Stock und sah mich zweifelnd an. Ich sah Lena an. Sie trug ein grünes Sommerkleid.

Die Bahnhofshalle war groß und hell. Die großen Metallpfeiler strebten in die Höhe, die vielen Menschen drängelten am Boden, es war Sommer und ich hatte kein Geld. Ich war genervt von der ameisenhaften Geschäftigkeit um mich herum, alle gaben vor, etwas Wichtiges zu tun zu haben, aber ich hatte nichts zu tun, und ich konnte es nicht verbergen. Man sah es mir an, man hätte mich am gegenüberliegenden Ende des Bahnhofs aus dem Augenwinkel sehen und erkennen können: dieser Mensch hat nichts zu tun. Ich war ein Opfer für Trickdiebe und alleinstehende Frauen, schlimm, dass das Schicksal meist mit Letzterem zuschlägt.

Ich erinnere mich, wie Lena dastand. Ihre Hand hielt eine lächerlich kleine Handtasche, mit der sie wild herumfuchtelte und alle Leute um sich herum verrückt machte. Ihre Stimme war hell und schrill, ihre Figur schlaksig. Ich fand sie furchtbar komisch. Von weitem sah ich die in Resignation erhobenen Hände der Frau hinter dem Schalter, in der Schlange hinter ihr wankte ein dicklicher Mann auf seinen Beinen hin und her, er trug eine gelbe Krawatte, er schaute missmutig und gleichzeitig irgendwie geil auf Lenas Beine hinunter, sein Kopf war rot, Lenas Haut war blass, er schob sich aufdringlich heran wie ein Bulldozer, der einen Sandhügel wegbaggern will.

Es ist mir kaum möglich, zu sagen, was mich auf sie aufmerksam machte, es war vielleicht der Umstand, dass sie aus der Ferne aussah wie eine krumme Birke nach einem Orkan, zerzaust und wütend irgendwie. Ob ihr das schon mal jemand gesagt hat, dass sie aussieht wie ein zerzauster Baum. Als sie ging und in Richtung der Züge eilte und ihr riesiger unförmiger Koffer widerwillig über den Boden polterte, machte ich das, was ich nie mache. Ich bot meine Hilfe an. Eine kleine Stimme in mir nannte sie »Katalysator des Guten«. Ich brachte sie zum Zug und dann sagte sie mit kratziger Stimme »danke« und ich murmelte betreten »gern geschehen«. Dabei wäre es geblieben, aber es blieb nicht dabei, weil Lena Lena ist, und selten verlegen ist um eine Gelegenheit und auch nicht um den Satz »Ja, und worauf wartest du jetzt? Nimmst du jetzt etwa einen anderen Zug?«

Im Abteil streckte sie mir ihre Hand entgegen, »Lena Holzach«, und ich erwiderte, »Teller«, und als sie mir schmunzelnd ihren Unglauben kundtat, beeilte ich mich zu ergänzen, »Eduard Teller«. Wir kamen am Abend in Florenz an, die Luft war warm, die Bahnhofsarbeiter trugen ölverschmierte Jacken, es roch nach Erde. Wir trennten uns. Ich fragte einen herumstehenden Mann wo ich denn wohl übernachten könnte, er war unrasiert, dick, trug dreckige Kleidung, seine Hose war offen, in der Hand hielt er zwei Packungen Zigaretten, sein T-Shirt verkündete in bunt-fröhlichen Buchstaben »I love Italy«. Er lud mich in den Bahnhofskiosk auf zwei Bier ein, er heiße Alfonso, danach klopfte er mir auf die Schulter und meinte, ich könne bei ihm übernachten, er habe ein Zimmer frei, unglaublich, dass ich Ja sagte.

Ich rief in Deutschland an, sagte, dass meine Reise länger dauern würde, ich wüsste nicht, wie lange, es sei etwas dazwischen gekommen, nichts Beunruhigendes, kein Grund zur Sorge. Später nahm ich den hastig gekritzelten Zettel von Lena mit den seltsam geschwungenen Ziffern, den sie mir beim Aussteigen aus dem Zug in die Hand gedrückt hatte und wählte die Nummer ihres Mobiltelefons und ihre Stimme fragte »Ja?« und ich sagte ereignislos »Hallo, ich bin’s« und ich hörte sie am anderen Ende des Hörers hysterisch amüsiert »Teller?!?« kreischen und wir verabredeten uns in einem kleinen kitschigen Café am Fluss, es war eines dieser Cafés in das man geht, weil man woanders nicht hingehen will.

Der Abend war warm, wir lachten und tranken während uns schmierige Kellner umtänzelten. Sie erzählte vom Theater wo sie für das Bühnenbild arbeitete, sie redete von den Masken und Verkleidungen, von den Stücken und Handlungen, von den Menschen und der Begeisterung, ich kannte das alles nicht, ich hörte zu und nickte. Dann fragte sie mich, »Teller«, sie sprach mich immer mit Nachnamen an, »Teller, hast du eine Freundin?«, und ich wollte nicht antworten, weil ich auf solche Fragen niemals antwortete aber dann sagte ich doch knapp und irgendwie von der Unausweichlichkeit der Fragestellung genervt »nein« und wechselte das Thema, erzählte dann von Druckventilen in Hochdruckpumpen, von transgenen Mäusen am Massachusetts Institute of Technology, von neuen Bauträgersubstanzmassen im asiatischen Hochhausbau und sie fragte ob ich denn keine Träume habe, und ich sagte, doch.

Irgendwann war der Abend vorbei, irgendwann standen wir auf einer der beliebigen Brücke in Florenz, die den Fluss überqueren, irgendwann sagten wir nichts mehr. »Lena«, sagte ich und schwieg. In die Stille flüsterte sie amüsiert »Teller«, und ihre Lippen bildeten einen krummen Strich, »Teller«, ich registrierte den leichten Bruch ihrer Stimme, die schwache Neigung ihres Kopfes, und dann schien es einen Moment, als wollte sie es nochmal und nochmal sagen, aber stattdessen glitten ihre Augen auf einen unbestimmten Punkt unter meiner Nase, und sie verstummte und fixierte diesen Punkt mit ihren Augen als könne sie durch mich durchschauen. Ich musterte beunruhigt das Brückenfundament und schwieg. Als sie auf mich zukam, öffnete ich protestierend meinen Mund wie ein Goldfisch, ich ging unbeholfen einen Schritt auf sie zu, ich nestelte umständlich an ihren Haaren herum, ich sagte mit dem Tonfall eines sterbenden Staubsaugers »tschüss« und sie sagte zögernd auch »tschüss« und ich ging und sie ging.

Die Nacht verbrachte ich bei Alfonso. Er war zu Hause als ich ankam, er begrüßte mich jovial, ich konnte immer noch nicht fassen, dass ich das selbst ernst meinte. Die Wohnung war winzig, er zeigte mir das Zimmer, es enthielt ein Bett, welches offenbar seit Jahren nicht benutzt worden war, es war bedeckt von einer verstaubten Tagesdecke, alles war wie in einem Museum, unberührt, ich wagte beinahe nicht, etwas anzurühren. Überall an der Wand hingen Bilder, ich fragte Alfonso wer da zu sehen sei, er antwortete, er sei das, und dort daneben seine Frau, und da seine Tochter. Ich betrachtete die Bilder, jenen jungen Mann um die 30, er lachte, eine lächelnde hübsche Frau stand neben ihm, und ein lachendes Mädchen. Die Farben waren unwirklich, es war wohl zwanzig Jahre her oder länger.

Die Küche war voll von verschimmelten Dosen, dreckigem Geschirr, am Boden standen leere Weinflaschen, ich wollte sagen »das ist traurig«, aber ich sagte nichts und lächelte. Er bot mir Wein aus einer vergilbten Karaffe an, Fleisch aus einer grün verfärbten Konservendose, er bot mir bröckligen Käse und eine dunkle Fleischsoße aus einem Topf an, welcher Reste von allem enthielt, was ich mir in diesem Moment vorstellen konnte, es waren überhaupt viele Reste und wenig Ganzes hier, aber er meinte es nett, seine Augen waren mild, ich lehnte dankend alles ab, ich sagte »danke nein« und »nein danke«.

Er bot mir seinen Sessel an, er holte die Fotoalben seiner Familie, er zeigte und redete und lächelte, seine Stimme war rau, sein italienischer Akzent schwer verständlich. Seine Tochter müsste jetzt in meinem Alter sein, erzählte er, seine traurigen Augen sahen mich an als sehe er sie, seine Frau habe sich scheiden lassen, ich fragte ihn, was denn seine Tochter jetzt mache, er sagte, er wisse es nicht, und dann weinte er, und ich saß hilflos neben diesem alten, einsamen, fremden Mann, der alles, was er an Erinnerung hatte, in diesem Album in seinen Händen hielt, und ich wusste nicht, was ich tun sollte.

Die Nacht war unruhig, ich konnte nicht schlafen, ich lag auf dem Bett, ich konnte nicht fassen, dass ich hier war, ich konnte es alles nicht fassen, ich konnte die Blicke der Bilder an der Wand nicht ertragen, ich wäre am liebsten aufgestanden, gegangen, mitten in der Nacht. Am nächsten Morgen stand ich früh auf, Alfonso war auch wach, ich sagte »Danke Alfonso« und ich schüttelte ihm die Hand und zum Abschied winkte er mir lächelnd nach, er stand da an der Tür und winkte, und dann tauchte ich im morgendlichen Nebel wieder in die Straßen von Florenz ein, es war wie in ein verschwommenes neues Leben zu schwimmen.

Am Mittag rief ich Lena an. Ihre Stimme war laut und kräftig, sie sagte, sie wolle mich sehen, jetzt, sofort, sie hatte einen befehlshaften Ton an sich, es ärgerte mich nicht. Sie kam mit freudestrahlendem Gesicht an, sie schrie meinen Namen und umarmte mich, als seien wir seit Jahren die besten Freunde. Sie sagte »komm«, und ich kam, sie sagte »schau«, ich schaute, ich hätte am liebsten gesagt »es ist schön dir zu folgen«, aber dann sagte ich plump »du machst mich total glücklich«, und sie sah mich seltsam an, und ich bereute es sofort.

Lena redete unentwegt und unendlich viel. Sie redete über Abaelard und die Inuit, über Marco Polo, Bienen und Bruce Willis, über Tai Chi und Yin und Yang, über das Schokoladeneis in San Gimignano und den Hut von Sancho Pansa, über Stanley Kubrick, Arthur Clarke und die Sauna in Finnland, über Kinder in armen Familien und tanzende Bären in Russland, und dann sagte sie immer wie ein Kind »weißt du?«, und ich antwortete meist wahrheitsgemäß und etwas müde »nein«, und so kam es, dass ich sagte »Lena, bitte«, und Lena aufhörte, bis an der nächsten Ecke eine Statue auftauchte, oder ein Bild, oder eine Wolke am Himmel, oder eine philosophische Veränderung der Luftfeuchtigkeit.

Die Zeit in Florenz verging, es waren Tage, deren Inhalt ich nicht mehr nachvollziehen kann, sie entgleiten mir wie ein Schatten, dessen Lichtquelle verloren gegangen ist, oder untergetaucht, vielleicht habe ich sie erstickt, ich betrachte alles wie ein Archäologe ein Relief aus vergangenen Jahrmillionen betrachtet. Wir lachten und spazierten am Tag durch die Stadt, unter dem Himmel, unter den Menschen, das Wasser unter den Sternen unter uns, die Lichter am Firmament über uns, in unseren Augen, am Abend hielten wir uns in dem Armen und erzählten uns Geschichten von allem, was sein könnte, aber nie sein würde, und wir wussten es und Lena machte vage Andeutungen und fragte »weißt du?« und ich sagte »ich weiß« und vielleicht wussten wir beide, dass wir es nicht wussten und ich dachte an Alfonso.

»Wenn man die Augen schließt, kann man alles sehen«, sagte sie einmal an so einem Abend, und ich fragte, »ist das wirklich so?«, und sie sagte »ja, das ist wirklich so«, und es klang endgültig, wahr, richtig, und ich schloss meine Augen und spürte ihren Atem. Ich sagte »ich möchte dich sehen«, und sie sagte »das geht nicht, du kennst mich gar nicht«, und dann sagte sie wieder »wenn man die Augen schließt, kann man alles sehen«, diesmal klang es ernster, aber sie lächelte mich dabei an, seltsam verschlossen, und ich sah sie an, ihr Gesicht, das nichts verriet in diesem Moment, und dann wendete sie ihren Blick ab, stand auf wie eine Krankenschwester, die jemandem den Puls gemessen hat, und ging.

Ende Juli fuhr Lena allein zurück nach Deutschland, sie musste wieder arbeiten, sie sagte, es gehe wieder los mit der Spielsaison, es sei eine Menge Arbeit, »es war schön, Teller«, sagte sie, »es war schön mit dir«, und auf das »dir« legte sie eine seltsame Betonung. Am Bahnhof tauschten wir Telefonnummern, Adressen tauschten wir nicht. Wir umarmten uns, ich küsste sie auf die Wange, dann schwiegen wir. Sie hatte ein Kleid aus roten Blumen an, als der Zug losfuhr rief sie, »du rufst an, ja?«, und ich machte eine Bewegung, die ein Nicken hätte sein können, »ja«, rief ich, aber das hörte sie schon nicht mehr.

Als sie weg war blieb ich noch einen Tag in der Stadt. Ich saß eigentlich nur so rum, ich betrachtete das Wasser und die Wolken. Ich wusste nicht, es war plötzlich so still. An einem Samstagabend fuhr ich heim, ich war mir nicht sicher wohin, die Sitze im Abteil waren hart und unbequem und künstlich grün, eine Frau gegenüber schimpfte über die verdammten Männer, ich fuhr nach Hause, ohne eine Ahnung zu haben, wo das war, vielleicht die graue kleine Mietswohnung am Stadtrand, die Wiese an der Autobahn, vielleicht Frau Meier im dritten Flur, die immer meine Post mitnahm, vielleicht das Mädchen aus der Bäckerei, das statt Rosinenstollen »Rofinenftollen« sagte, und die mir sympathisch war, weil sie das machte.

Ich rief Lena nicht an, nicht in der ersten Woche, nachdem ich zurückgekommen war, und auch nicht in der zweiten. Sie rief auch nicht an. Nach drei Wochen regnete es wie aus Kübeln, ich las Khalil Gibran, ich trank heißen Tee und fand keine Ruhe, dann wählte ich ihre Nummer. Die Nummer endete bei einer automatischen Durchsage, die Nummer habe keinen Anschluss, ich lauschte eine Minute lang den regelmäßigen Tönen des Bandes. Ich rief die Auskunft an, nein, diese Vorwahl sei nicht gültig, und ihre Mobiltelefonnummer sei gelöscht worden. Ich drehte den Zettel, ich las die Ziffern von rechts und von links, von unten nach oben, diagonal, ich faltete den Zettel wie ein Origami vor und zurück, es half nichts, ich saß da mit einem Origami-Schiff in der Hand, und Lena war weg.

Ich ging vor die Tür, ich setzte mein Origami-Schiffchen behutsam in die fließende Regenrinne, ich sah zu, wie es langsam schwankend davonschwamm, wie es sich traurig auf seinen Weg machte und dabei aufweichte, ich spürte nichts, als es lautlos in einem Abflussdeckel in die Kanalisation verschwand. Ich legte mich in die nasse Wiese neben der Autobahn, ich hörte das Rauschen der vorbeirasenden LKWs durch Pfützen und die verregnete Fahrbahn, ich inhalierte den Gestank der Abgase ohne den Geruch zu registrieren, ich betrachtete die Wolken, ich sah große unförmige dunkle Gebilde aus Wasserdampf, ich dachte an hochdynamische chaotische Systeme, ich dachte an Druckventile in Hochdruckpumpen, ich dachte an die Berechnung von Strömungsverläufen an abstürzenden Flugzeugtriebflächen, ich dachte an ihr grünes Kleid.

Ich schloss die Augen, ich sah Abbildungen bunter Flecken auf meiner Netzhaut, ich sah feuernde Synapsen und Aktivierungspotenziale, ich sah durch Luft übertragene Schallwellen wie sie zwischen Menschen zur sprachlichen Verständigung eingesetzt werden, ich öffnete meine Augen, alles war völlig verschwommen, ich lag am Grunde eines tiefen salzigen Meeres, und sah keine Oberfläche mehr, ich wählte irgendeine Nummer auf dem Handy, ich brüllte »ich liege hier, ich bin völlig durchnässt, ich sehe nichts«. Am anderen Ende der Leitung hustete verlegen mein Steuerberater.

© 2004 by Bernhard Liebl. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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