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Fliege Fliegen  Fliege
von Martin Goldmann
Sonntagabend. Die Glotze läuft. Sie arbeitet wie jeden Abend, unterhält mich und zeigt mir, was ich jeden Tag versäume.
     Den halben Abend schon bin ich auf der Jagd nach dieser einen Mücke. Aber ich bin zu langsam für das hungrige Stachelbiest. Morgens kann man sie prima erledigen. Morgens, wenn sie sich an meinem Blut sattgesoffen hat. Dann erledige ich sie. Zurück bleibt nur ein roter Fleck an der Wand. Mein Blut. Mein Blut, aufgelöst in gerinnungshemmenden Stoffen eines zerborstenen Mückenleibes. Freiwillig würde ich mein Hämoglobin niemals an irgendeine Wand schmieren. Meine Abendmücke muss sich erst noch vollsauge, bevor ich sie erwische.
     Dankbar schlage ich auf die Mücke ein, stehe konzentriert wie ein Samurai mitten im Zimmer. Mein Schwert ist die Fliegenpatsche. Ich fixiere einen Punkt irgendwo auf der Wand und warte.
     Die Mücke ist ein perfekter Gegner. Sie will mir Böses -- sie will mein Blut. Das macht es leicht, zuzuschlagen. Und sie ist kleiner als ich -- das macht es auch leicht.
     Hier läuft irgendetwas schief. Es läuft immer etwas daneben, wenn ich mich intensiv mit dem Töten von Insekten auseinandersetze. Routine kills -- schlecht für die Mücke.
     Morgen geht es wieder an die Arbeit: Rettungsdienst, 8 Stunden. Wie jeden Montag bis zum letzten Montag. Hoffentlich trete ich nicht an einem Montag ab. Und hoffentlich bin ich dann nicht alleine. Ich will nicht anderthalb Wochen auf meinem Bett liegen mit Tennissocken an den Füßen, erbrochenem Blut im Gesicht und Fliegenlarven im Körper. Alle Ästhetik, alle Erotik, alles, was den Menschen schön macht, verblasst, wenn Fliegen über einem verwesenden Körper kreisen. Alles menschliche verschwindet, löst sich auf in einem Geruch, den eine noch lebende Nase nie vergisst.
     Ich verscheuche, ich erschlage jede Fliege -- so als wäre sie schuld an der Vergänglichkeit. Was kann ein Insekt dafür, dass ein Körper verwest. Für sie ist es gute Nahrung. Ich will nie wieder so ein Biest auf meinem Käsebrot sehen.
     Für das Fernsehen wäre diese Leiche gefundenes Fressen. Ein guter Schocker im Vorabendprogramm. Kurzer Closeup -- hat die Leiche noch Augen? Auf dem Wohnzimmertisch lag noch aufgeschlagen das Fernsehprogramm -- 2. Juli… Wir hatten den 11. Juli.

Fliege

Das italienische Web-Magazin »Le Nuvole« fand »Fliegen« so interessant, dass sie ihn ins Italienische übersetzt hat.

© 1997 by Martin Goldmann. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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