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Eisverkäufer - von Ralf Pommeranz

 

Viele Tage schon hatten die Wolken das Land verlassen. Die Urlaubszeit sorgte für leere Straßen. Nur einige wenige Daheimgebliebene wandelten hier und da durch die Stadt.
     Auf diese Gelegenheit hatte ein findiger Kopf schon seit einiger Zeit gewartet. Mit seiner Erfindung konnte er nun seine ersten Versuche starten.

Maria lief lustlos durch die Gegend. Ihre Freunde waren alle fortgefahren, und sie musste über zwei Wochen alleine zu Hause zubringen. Es war heute wieder so heiß, dass sie zu nichts Lust hatte. Eine kühlende Erfrischung- das wär's doch jetzt!
     Gestern hatte sie von einer neuen Eisbar in der Akazienstraße gehört. Geld hatte sie noch ein wenig. Der Weg war nicht weit, sie würde kaum fünf Minuten brauchen.
     Merkwürdig, dachte sie als sie um die Ecke bog. Gerade lief laut schimpfend eine ältere Dame davon. Sie hatte ein Eis in der Hand und in ihrer Aufregung fiel eine ganze Kugel von der Waffel herunter. Dann trat Maria an das geöffnete Fenster.
     Mindestens 20 Sorten Eis waren im Sortiment. Sie begann auszuwählen: Drei Kugeln.
     Nehm' ich Himbeer oder Brombeere und dazu Marzipan und Vanille? Sie überlegte lange. »Geben Sie mir bitte drei Kugeln: Himbeere, Brombeere und Vanille«, orderte sie dem Verkäufer. Nun schaute sie zum ersten Male nach oben. Sie war noch ziemlich klein daher musste sie sich dabei sehr anstrengen. Was war denn das? Ein roboterähnliches Wesen glotzte sie dumm an. »Na du kleiner Fratz, hast du denn überhaupt Geld dabei?« Das Gesicht des Roboters, das auf dem Bildschirm breit grinsend zu Maria schaute, begann fies zu lachen. »Reichen fünf Mark?« Maria war ganz eingeschüchtert. Trotzdem sah sie nicht ein, dass sie mit ihren immerhin neun Jahren vor so einem komischen Ding klein bei gibt. In der Schule war sie für ihren Mut bekannt.
     »Zeig erst einmal deine Piepen!« wies er Maria an. Die kramte in ihren Taschen: »Bitte!« konterte sie. »Na gut«. Skeptisch blickte er auf das Fünfmarkstück.
     Nun begann er auf akrobatische Weise seinen Eislöffel zu schwingen und in die betreffenden Eisbehälter zu tauchen. Der Löffel nahm geschickt die Kugel auf und gab sie bereitwillig in die Waffel. 1,2,3 Kugeln - fertig! So schnell hat Maria das noch nie gesehen. »Das Geld her!« herrschte er Maria an. Sie streckte sich, der Arm des Roboters hatte etwas Gefährliches an sich. Mit den äußersten Fingerspitzen hielt sie die Münze noch fest, da raffte der andere sie schon an sich.
     Plötzlich holte der Roboter ein mechanisches Gebiss hervor, schloss es an seinen Bildschirm-Kopf an, legte die Münze zwischen die Zähne - dann biss er einfach drauf.
     »Echt«, würgte er kleinlich hervor. Er öffnete seine Kasse und gab Maria zwei Mark zurück. Dann streckte er seine künstlichen Gliedmaßen so weit vor, dass Maria die Waffel greifen konnte. »Bitte.« Sichtlich depremiert zog der Roboter ein mieses Gesicht. Inzwischen hatte sich hinter Maria eine längere Schlange gebildet
     Mindestens fünf Leute standen hinter ihr. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie sich die neuen Kunden köstlich amüsiert hatten. »Der Nächste bitte!« Sein Blick richtete sich nun zu einer attraktive junge Dame, so Ende 20. Wie die Verwandlung einer Puppe in einen wunderschönen Schmetterling, ebenso wandelte sich blitzschnell das Gesicht des Roboters. Wenn es ein Idealfall für ein freundliches Gesicht geben würde, so hätte er es nun gehabt. »Ich glaube, ich lese Ihnen Ihre Wünsche von den Augen ab«, säuselte er ihr zu. »Wir hätten da noch ein Spezialeis für sie. Eine Komposition aus kalorienarmen und sehr schmackhaften Extrakten und aus verschönernden Hormonen.« Nun begannen seine virtuellen Wimpern zu klimpern. Ein leicht rötlich werdendes Gesicht blickte ihm entgegen. »Aber eine Kugel Schokoladeneis reicht mir schon«. Das Geräusch eines Druckers begann zu erklingen.
     Ein Ratsch - er gab ihr einen kleinen Zettel. Gleichzeitig wurde die gewünschte Kugel überreicht. Interessiert schaute die Kundin auf den Zettel: Eine Verabredung am morgigen Abend mit dem Eisverkäufer. Schnell entfernte sie sich daraufhin.
     An der Reihe war nun ein älterer Herr. »Na Opa, Diabetikereis habe ich aber nur eine Sorte.«
     Mitleidig blickte er über die Eistheke. »Pass mal auf, du kleiner Schrottkasten, entweder du lässt jetzt sofort fünf Kugeln Erdbeereis mit Sahne rüberwachsen, oder ich werde mich persönlich um die Herausnahme unter extremen Bedingungen sprich: Herausreißen, deiner mikrigen Prozessoren kümmern, die dann in meinem Hamsterkäfig als Spielzeug dienen können!«
     Der Bildschirm des Verkäufers begann auf einmal zu flackern, die Stimme wurde verzerrt und seine Arme fingen an zu zittern. Ein völliger Programmabsturz konnte gerade noch vermieden werden. Total verängstigt füllte er die Waffel mit dem gewünschten Eis. »War doch nicht so gemeint, bitte vielmals um Entschuldigung!« seine Stimme hatte sich wieder etwas beruhigt.
     Maria hatte die ganz Zeit zugeschaut. Sie hatte ganz vergessen, ihr Eis zu schlecken. Es lief ihr über die Hände herunter auf ihr Kleid.
     Das Schauspiel zog immer mehr Passanten an. In einem der hinteren Räume der Eisbar feierte jemand einen vollen Erfolg.
     Das Konzept des exzentrisch-launischen, mit menschlich schlechten Manieren ausgestatteten Eisverkäufer-Roboters hatte sich scheinbar bewährt.

© 1999 by Ralf Pommeranz. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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