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Kühlschrank

Cool Feelings
Die Weisheit der Lebensmittel

»Wo bin ich hier?« fragte die kleine gelbgrüne Zitrone.
     »Das Ding heißt Kühlschrank«, entgegnete das Kalbsschnitzel.
     »Kühlschrank?!« stutzte die kleine Zitrone, »ja wie komme ich denn in einen Kühlschrank!?«
     »Vermutlich wurdest du durch menschliche Hände hier hineingelegt«, meinte das Kalbsschnitzel und räusperte sich.
     »Du brauchst aber keine Angst zu haben«, blubberte es aus einem Gurkenglas, »der Kühlschrank hat den Vorteil, dass man sich in ihm länger hält. In der Sonne fault man schnell vor sich hin.«
     »Das mag zwar stimmen«, versuchte ein verdorbener Salatkopf einzuwenden, »ach, hätte man mich doch nur tiefgefroren! Ich würde mich heute noch meines saftigen Blattgrüns erfreuen!«
     »Du warst doch schon im Garten von Blattläusen befallen!« brüllte eine Primavera, worauf einige Scampis heftig protestierten. »Sie aus Küchenabfällen produziertes Teigsgesocks haben diesen schönen Namen nicht verdient!«
     »Seien Sie doch froh, dass sie nicht im Schweineeimer gelandet sind!« bekräftigte der um seine Existenz bangende Froschschenkel, und eine bengalische Schildkrötensuppe mahnte zur Bescheidenheit.
     »Also ich weiß überhaupt nicht, warum diese Aufregung hier herrscht,ich jedenfalls freue mich schon auf das Gebrühtwerden in heißer Bouillon«, gab das Suppenhuhn zum besten.
     »Dann gefällt es dir hier also nicht?« sagte die kleine Zitrone.
     »Doch doch«, erwiderte das Suppenhuhn, »Gegensätze ziehen sich eben an, kalt gesellt sich gerne zu warm, schwarz mag weiß, und grün wird irgendwann einmal braun werden - ökologisch natürlich, rein vom ökologischen Standpunkt aus betrachtet.
     »Bist du eine Studierte?« fragte die kleine Zitrone.
     »Nun«, meinte das Suppenhuhn, »ich will mich nicht brüsten, aber ich wuchs in einem gepflegten Hühnerstall auf. Mein Bauer ist wohlhabend und intelligent. Diese Anlagen übertragen sich notgedrungen auf ein Huhn mit Köpfchen, wie ich eines bin.«
     »Aber du hast doch gar keinen Kopf!« zwitscherte die Zitrone und schüttelte sich auch weil ihr Säuregehalt zu hoch war.
     »Natürlich habe ich keinen Kopf!« gackerte das Huhn und bekam eine Gänsehaut, »den hat der Bauer mir eigenhändig abgehackt, aber weißt du, wenn man älter wird, dann lebt man sowieso ganz aus dem Bauch heraus.«
     Eine im Türfach untergebrachte Dickmilch ließ daraufhin einige Gärblasen fahren. Ein Eiswürfel fühlte sich unanständig berührt und schmolz dahin.
     »Ich kann das nur bestätigen«, blubberte die Dickmilch, »ich zum Beispiel bin schon über hundertfünfzig Jahre alt und weiß immer noch nicht, was ein Kopf ist. Mir geht es gut. Über einen Kopf habe ich mir noch nie den Kopf zerbrochen, solange ich denken kann, ja ja«.
     »Köpfe sind blöde im Kopf!« entschlüpfte es einem
TWIST-OFF-Gurkenglas einer bekannten Einlegegesellschaft, und alle mussten lachen.
     Ein eigenartiges Poltern machte dem rührenden Gespräch ein rasches Ende. Die Türe wurde aufgerissen, grelles Licht flutete die kleine Kammer. Eine zittrige Hand grapschte wild darin herum, bis sie schließlich das Suppenhuhn und zwei betrunkene Bierflaschen ertastet hatte.
     Das Huhn verabschiedete sich höflich, den Bierflaschen war sowieso alles egal, und die kleine Zitrone weinte bitterlich.

© 1997 by Georg Rikken. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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