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Arc de Triomphe von Friedemann Schulz

Er hatte sie genau in seinem Blickwinkel, drei Ärzte mit Dreitagebärten, alle so um die Zeit von »Satisfaction« geboren.
     Er sah sie alle ganz genau mit seinen für immer offenen Augen.
     Sie sprachen sehr laut und schienen keine Rücksicht darauf nehmen zu wollen, dass er Ruhe brauchte.
     An den strengen Blicken, die sie auf ihn richteten, merkte er, dass sie ein ernstes Problem mit ihm hatten.
     Dabei hätte er ihnen die Sache ruhig und in ganz einfachen Worten erklären können.
     Es war nämlich längst nicht alles so schlimm, wie sie taten.
     Eigentlich war er sogar ganz in Ordnung, nur dass er nicht mehr sprechen und sich nicht bewegen konnte, und dass sie ihn für tot hielten. Seinen erigierten Penis, der die weiße Bettdecke anhob und sie wie das Mont Blanc Massiv in einer schneebedeckten Modelleisenbahnlandschaft aussehen ließ, schienen sie nicht als ausreichenden Beweis von Leben anzusehen.
     Diese Leute hatten keine Ahnung.
     Sie sollten ihn nicht stören, er brauchte seine Zeit, dringend.
     Zeit war natürlich der falsche Ausdruck. Alles hatte sich zu einem einzigen, unendlichen Augenblick ausgeweitet, Begriffe wie vorher oder nachher entbehrten jeglichen Sinns.
     Deswegen passte auch nicht der Begriff Erinnerung.
     Es kam irgendwie von außen, sie kamen irgendwie angeflogen.
     Diese kleinen Filme, an denen er sich erfreute.
     Gerade noch hatte er dem Vogel nachgesehen.
     Es war wahrscheinlich eine Möwe, höchstwahrscheinlich sogar die Möwe Jonathan.
     Er hätte gerne noch gesehen, ob sie zurückkam und sich wieder auf dem Bett niederließ, wo sie die ganze Zeit gesessen hatte, bevor diese Milchgesichter mit den Dreitagebärten sein Zimmer betreten hatten, ohne anzuklopfen.
     Okay, vielleicht tauchte die Möwe in einem anderen seiner Filme wieder auf, wenn er Glück hatte, sogar in seinem Lieblingsfilm.
     Dieser Film, auf den er meistens vergeblich wartete, schien dem ersten Satz eines Buches, das er als Junge mal gelesen hatte, entflogen zu sein.
     Der Satz lautete: »Die Frau kam schräg auf Ravic zu, sie ging schnell, aber sonderbar taumelig.« An den Titel des Buches konnte er sich nicht erinnern, nur an den Klang des Satzes in seinem Kopf und an die Lichtverhältnisse und das Wetter, die Straßen glänzten nass.
     Wer war dieser Ravic?
     Vielleicht er selber?
     Immerhin hatte er tatsächlich einmal in einer Bar gesessen, in der Nähe der Champs Elysée, nachts.
     Er wollte noch was zu trinken haben, aber der Barkeeper hatte sich geweigert.
     Je regrette, hatte er gesagt und dabei Gläser gespült.
     Dann ging er raus und es regnete.
     Die Straße glänzte nass, genau wie im Film.
     Der l’Etoile wurde von Scheinwerferlicht angestrahlt und er ging darauf zu.
     Wie Ravic.
     Schräg von vorne kam eine Gestalt auf ihn zu und schlug ihm den Schädel mit einem länglichen Gegenstand ein, ohne besonderen Grund.
     Das war’s.
     Nur der Titel des Buches wollte ihm nicht einfallen.
     Einer der Ärzte beugte sich über ihn und betrachtete sein Gesicht, als wenn es dort irgendwas Besonderes zu sehen gäbe.
     Die anderen verschwanden aus seinem schmalen Blickwinkel, aber sie waren noch im Zimmer und schienen an irgendwas zu hantieren.
     Er hatte plötzlich das Gefühl, einen tiefen Lungenzug aus einer Gitane genommen zu haben, der ihm die Luft nahm.
     Der Druck in seiner Brust ließ erst nach, als der Vogel aufstieg.
     Es war die Möwe Jonathan, sie war zurückgekehrt.
     Er verfolgte ihren schönen Flug am Himmel.
     Dann blieb sie in der Luft stehen und stürzte torkelnd durch den unendlich blauen Himmel der Erde zu.
     Exitus, sagte das Arschgesicht über ihm.
     Als sie rausgingen und das Licht dimmten, fiel ihm endlich der Titel ein: Arc de Triomphe.

© 2006 by Friedemann Schulz. Unerlaubte Vervielfältigung oder
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