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anders
von Joachim Meißner



Rogar war wie jeden Morgen früh aufgestanden. Nach einem kurzen Frühstück und den Nachrichten im Fernsehen bereitete er für seine Frau das Essen zu: Haferschleim mit Quark, eine Scheibe Toast und das alles in einer kleinen Schüssel zu einem Brei verrührt. Die Johannisbeermarmelade färbte den Brei lila. Er stellte die Schüssel auf ein Tablett, wo schon der vor einer Stunde aufgebrühte Kaffee stand. Mit dem Tablett in der Hand betrat er Debrahs Zimmer, nachdem er zögerlich geklopft hatte. "Guten Morgen, Debrah", begrüßte er seine Frau, das Tablett auf den Nachttisch stellend.

"Morgen", antwortete sie. Früher, bevor ihr richtig bewusst geworden war, dass er anders war und sich von ihm getrennt hatte, hatte sie viel geredet, war gesprächig gewesen, doch seitdem sie ihren Schlaganfall gehabt hatte und linksseitig gelähmt war, beschränkte sie sich meist auf das Nötigste, war richtiggehend einsilbig geworden.

Rogar ließ den Rollladen hoch und zog einen Stuhl an das Bett, damit er seine Frau - sie hatte sich nie von ihm scheiden lassen, obwohl er anders war - besser füttern konnte.

"Mein Knie tut so weh", klagte Debrah.

"Ich reib es dir ein, wenn ich dich wasche, wie jeden Morgen", antwortete Rogar, eigentlich Roger Arkright, doch er zog das Akronym aus seinem Vor- und Nachnamen seinem eigentlichen Namen schon seit seiner Kindheit vor, vielleicht weil er in Deutschland aufgewachsen war und seinen englischen Vater nur selten zu Gesicht bekommen hatte.

Er füllte Kaffee und Milch in die Schnabeltasse und legte seiner Frau ein Lätzchen an, damit sie sich nicht zu sehr bekleckerte, wenn ihr Kaffee oder Brei aus ihrem schlaffen linken Mundwinkel floss. Schließlich goss er noch etwas Kaffee in den Brei und rührte ihn gut unter.

"Hochholen", forderte Debrah, als er gerade anfangen wollte, ihr Essen zu geben. Ihr rechter Arm ruderte, wie meistens, ziellos in der Luft herum.

"Ach ja", murmelte er, verärgert über seine Nachlässigkeit. Er führte ihren rechten Arm zu dem Griff, der vom Bettgalgen hing, griff unter ihre Schultern und zog sie etwas höher, sodass sie etwas bequemer lag. Bevor er anfing sie zu füttern, stellte er noch das Kopfteil ihres Bettes höher, sodass sie leichter schlucken konnte.

Debrah schmatzte schon, in Erwartung des Essens. Rogar konnte sich zwar nicht vorstellen, dass der Brei wirklich schmeckte, doch Debrah wollte ihn so. Bisher hatte er sich nicht getraut, davon zu kosten.

Löffel für Löffel schob er in ihren Mund, fing den größten Teil dessen auf, was ihr wieder aus dem Mund tropfte und wischte den Rest mit Zellstoff von ihrem Kinn. Zwischendrin gab er ihr auf ihr Verlangen hin den Schnabelbecher mit dem Kaffee.

Als er sie nach ihrem Schlaganfall bei sich aufgenommen hatte, dachte er, er würde sich ekeln, sie zu pflegen, zu füttern, zu waschen und ihre Windel zu wechseln. Doch als sie schließlich da war und der junge Mann vom Pflegedienst ihm die notwendigen Handgriffe und Fertigkeiten beibrachte, war es plötzlich ganz normal. Nur dass ihr immer das Essen aus dem Mund floss und der Brei, den sie morgens aß. Das weckte manchmal unbehagliche Gefühle in ihm. Auf jeden Fall konnte sie den Brei mit den ihr verbliebenen Zähnen besser essen, als den Haferschleim und das Toastbrot getrennt.

Debrah war immer stolz auf ihre Zähne gewesen, nun hatte sie nur noch elf und selbst die waren in einem bedauernswerten Zustand. Eine Prothese konnte sich kein normaler Mensch mehr leisten und selbst wenn Rogar das Geld dafür hätte aufbringen können, wären die Sitzungen beim Zahnarzt eine zu schlimme Tortur für sie gewesen.

Debrah war nicht nur auf ihre Zähne stolz gewesen, sondern auf ihren ganzen Körper, auf ihr schönes Gesicht und darauf, dass sie sich so gut pflegte. Und sie war wirklich eine Schönheit gewesen, ein Grund, warum er sich nach zehn Jahren noch gefragt hatte, warum sie ihn ausgewählt hatte. Er war in sie verliebt gewesen, damals als er sie kennen gelernt hatte, zumindest ein paar Wochen lang. Sie hatte sich für ihn interessiert und sie war so unglaublich schön gewesen, mit ihrem schlanken, durchtrainierten Körper, ihrem schönen Gesicht mit den schönsten grünen Augen, die er je gesehen hatte und mit dem flammendroten Haar, das ihr in unglaublichen Locken auf den Rücken fiel. Anfangs hatte er geargwöhnt, ihre Haare wären gefärbt gewesen, doch als er das erste Mal mit ihr schlief - für ihn war es, immerhin schon dreißig Jahre alt, das allererste Mal - sah er, dass auch ihr Schamhaar rot war. Jahre später wurde ihm bewusst, dass sie eitel genug gewesen wäre, sich all ihre Haare Rot zu färben, nur um ein passendes Gesamtbild zu liefern. Jetzt, wo sie neunundsiebzig war, waren ihre Schamhaare die einzigen roten Haare, die noch an ihre schöne Lockenpracht von einst erinnerten.

Als er ihr die letzten Löffel Brei in den Mund führte, erinnerte er sie daran, dass ihre Kinder sie heute besuchen würden, deswegen würde er sie heute etwas früher waschen. Sie antwortete nur mit einem knappen "Ja". Auf die Frage, ob er ihr bis dahin den Fernseher oder das Radio einschalten sollte, schüttelte sie nur den Kopf.

Er verließ ihr Zimmer und setzte sich an den Computer. Zuerst ging er die Mails aus seiner Firma durch, unterschrieb zwei Verträge und schrieb dem Geschäftsführer ein, wie er hoffte, aufmunterndes Mail, in dem er der Hoffnung, die Firma würde schon noch einen ordentlichen Auftrag an Land ziehen, Ausdruck verlieh. Das war natürlich reiner Zweckoptimismus. Schließlich verzichtete Rogar auf den größten Teil seines Einkommens, nur um drei Hilfsarbeiter nicht auf die Straße schicken zu müssen. Rogar hatte gerade genug für eine kleine Zweizimmerwohnung und ein Verbundticket übrig gelassen. Wenn er die Seniorenkarte holte, spielte er meistens seinen Enkel, nur um kein Aufsehen zu erregen; nur zu gut konnte er sich daran erinnern, wie der Schalterbeamte reagiert hatte, als er nach seinem achtzigsten Geburtstag sein erstes Seniorenticket kaufen wollte - fast hätte der ihn als Sozialhilfebetrüger festnehmen lassen - nur weil er anders war. Er konnte doch nichts dafür, dass Männer ab Achtzig nicht mehr arbeiten durften, um niemanden einen Arbeitsplatz wegzunehmen.

Und das Pflegegeld für seine Frau reichte gerade für die nötigen Medikamente, die Windeln und die vier Stunden Pflegehilfe im Monat, damit Rogar das Haus auch Mal länger als für ein oder zwei Stunden verlassen konnte. Aber er beklagte sich nicht, denn schließlich hatte er selbst sein Einkommen gekürzt und seine Frau nach fast dreißig Jahren wieder bei sich aufgenommen.

Eines der zwei privaten Mails dieses Morgens kam von seinem Sohn, in dem er mitteilte, er würde seine Schwester um 11:30h vom Bahnhof abholen und um etwa zwölf Uhr seine Mutter besuchen.

Sie besuchten immer nur ihre Mutter, schon seit über dreißig Jahren. Rogars Sohn Robert war der erste, der gemerkt hatte, dass Rogar anders war. Er brach daraufhin den Kontakt ab. Rogars Tochter Mirjana, die ihn nur wenige Jahre später fallen ließ, rief ihn wenigstens hin und wieder an. Seine Frau hatte nur fünf Jahre länger an seiner Seite ausgeharrt, bis auch Sport, Kosmetik und Medizin den Unterschied zwischen ihnen nicht mehr ausgleichen konnten.

Als er Debrah vor einigen Monaten bei sich aufgenommen hatte, sah er seine Kinder das erste Mal seit der Beerdigung seines Vaters wieder - das war fünfundzwanzig Jahre her gewesen. Besonders Robert hatte ihm vorgeworfen, sie nur deswegen zu pflegen, damit sie ihn besuchen mussten. Auf Rogars Entgegnung, was daran so schlimm gewesen wäre, wenn es denn wahr wäre, war Robert beinahe handgreiflich geworden. Seitdem beschränkten sie die Kommunikation bei den ohnehin seltenen Besuchen auf das Nötigste. Jeder Besuch drückte den eisigen Klumpen in seinem Bauch schmerzhaft zusammen, wenn er daran dachte, wie sehr es ihn verletzt hatte, als sich seine Kinder von ihm abgewandt hatten, ihm das Gefühl gaben, ein Monster zu sein, nur weil er anders war. Wie oft hatte er geweint, wenn Robert einfach wieder aufgelegt hatte, sobald er bemerkte, dass sein Vater am Apparat war oder wenn Mirjana am Phon nur mechanisch antwortete, sich unehrlich nach seinem Befinden erkundigte und so erfolgreich jeden Versuch Rogars unterband, ein Gespräch aufkommen zu lassen - nicht einmal eines über das Wetter.

Aber das Wetter war ja sowieso immer Scheiße, dachte Rogar. Entweder regnete es Staub, Regen oder beides oder die UV-Strahlung ätzte einem Melanome in die ungeschützte Haut. Das Projekt der UN, die Ozonschicht wieder aufzufrischen, zeigte bislang noch keine Wirkung, zu viel CO2, Methan und FCKW aus dem letzten Jahrtausend in den oberen Schichten der Stratosphäre. Und die Wiederaufforstungsprogramme scheiterten an der starken UV-Strahlung - ein verdammter wechselseitiger Effekt.

Rogar vertrieb die fruchtlosen Gedanken über seine lieblosen Kinder, das Wetter und die unfähigen UN-Beamten und sah auf die Uhr. Es war langsam Zeit, seine Frau zu waschen.

Mit einer Schüssel voll Wasser, einem Waschlappen und einem Handtuch bewaffnet betrat er ihr Zimmer.

"So, Debrah, es ist jetzt Zeit, dass ich dich wasche."

Sie war wieder eingenickt, öffnete müde ihre Augen. Er wiederholte seinen letzten Satz, statt einer Antwort sah sie ihn nur erwartungsvoll an. Rogar schlug die Decke zurück und zog ihr das Nachthemd aus. Wie immer versuchte er, ihr rechtes Bein von ihrem linken zu nehmen, das schon Druckstellen aufwies, aber wenn sie es nicht unbewusst hin- und herbewegte lag es leicht angewinkelt auf dem anderen Bein, das sie gar nicht bewegen konnte. Er hatte wie immer Schwierigkeiten, das Nachthemd von dem linken Arm zu streifen, denn er war seltsam verkrümmt, besonders die Finger, und es tat ihr weh, wenn man versuchte auch nur einen Finger zu strecken. Der Arzt hatte gesagt, das käme daher, dass sie ihre linke Seite solange nicht benutzt hatte, die paar Monate im Krankenhaus, dadurch hätten sich die Sehnen verkürzt. Als Rogar, mit einer guten Portion medizinischem Grundwissen im Hinterkopf, den Arzt fragte, ob es vielleicht auch daher kam, dass niemand Krankengymnastik mit ihr betrieben hätte, um ihrem Gehirn die Möglichkeit zu geben, andere Wege zu finden, die Kontrolle über Debrahs Glieder zu gewinnen, sah der Mediziner nur betreten zu Boden und murmelte etwas über zu kleine Budgets und Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Methodisch wusch Rogar seiner Frau erst das Gesicht, die Arme und so weiter, zog ihr die Windel aus, wusch auch ihren Unterleib und legte ihre eine neue Windel an.

Nachdem er ihr Knie mit einer Salbe eingerieben hatte, die lediglich die Schmerzen bekämpfte, reine Symptombehandlung, zog er sie an und setzte sie in den Rollstuhl, mit Blick aufs Fenster. Er sagte ihr noch einmal, dass ihre Kinder bald kämen und sie ihre Mutter heute ja mal füttern konnten. Wieder antwortete sie nur mit einem "Ja". Er wollte gerade die Tür von außen schließen, als sie "Hochholen!" sagte, also ging er noch einmal zurück, griff unter ihre Schultern und zog sie etwas höher, sodass sie bequemer saß, fragte noch einmal, ob jetzt alles recht war und verließ ihr Zimmer.

Sie zu waschen war immer sehr anstrengend und er freute sich schon auf eine Tasse Kaffee, etwas Kuchen, den er sich in der Nacht zuvor gebacken hatte. Während er an dem vier Stunden alten Kaffee nippte und den Kuchen aus Fett-, Mehl- und Eierersatz und künstlich hergestellten Zucker in sich reinschob, las er das andere private Mail.

Es war von Gandhi, seiner Freundin, aus Zeiten, in denen man noch unter freiem Himmel schwimmen gehen konnte - wenn es bewölkt war. Sie war die einzige, die sich nicht von ihm abgewandt hatte, als auch für den letzten seiner Bekannten klar war, dass er anders war - die einzige jedenfalls, die noch lebte und nah genug bei ihm lebte, um sich manchmal mit ihm zu treffen. Sie war seine erste große und leider auch unglückliche Liebe gewesen - unglücklich, weil die Liebe nicht von ihr erwidert wurde, sodass ihm nur eine, wenn auch tiefe, Freundschaft blieb und Sehnsucht nach Nähe und Schmerz, die noch jahrelang anhielten, bis Debrah kam.

Seitdem Gandhi ihr Studium beendet hatte, war sie seine Ärztin gewesen, ein Umstand, den seine Frau, die Gandhi, ihre Vorgängerin, immer gehasst hatte, nicht verstehen konnte. Gandhi war seit zwei Jahren im Ruhestand. Sie hatte Glück gehabt, ein Monat nach ihrem Eintritt ins ruhige und bescheidene Rentenleben wurde die Mindestarbeitszeit für Frauen von sechsundsiebzig auf achtzig Jahre erhöht. Jetzt hatte sie nur noch ein paar Stammpatienten.

In dem Mail wies sie ihn darauf hin, dass seine letzte Routineuntersuchung schon ein paar Monate her war - in seinem Alter eine ausgesprochene Nachlässigkeit, fügte sie noch hinzu. Ein Witz, den sie immer wieder komisch fand, denn wer wüsste besser um Rogars Andersartigkeit Bescheid als seine Ärztin.

Rogar freute sich schon auf die Sprechstunde, denn die Routineuntersuchungen endeten seit über fünf Jahren immer in hemmungslosem Sex. Er wunderte sich jedes Mal, wie viel Energie sie dabei immer wieder aufbrachte, konnte sie doch an manchen Tagen ohne Gehhilfe kaum stehen.

Nachdem sie das erste Mal miteinander geschlafen hatten, sie war damals gerade vierundsiebzig geworden, sagte sie, sie hatte immer gedacht, er stehe auf jüngere Frauen. Er sagte, er wäre eben anders und sie lachten beide darüber, kriegten sich gar nicht mehr ein vor Lachen. So hatte Rogar lange nicht mehr gelacht und es war das erste Mal, dass er über sein Anderssein gelacht hatte.

Als er sich in sie verliebt hatte, war sie gerade siebzehn gewesen und er sechs Jahre älter und als er sechzig Jahre später mit ihr schlief, sah er jung genug aus, um ihr Enkel sein zu können. Und er sah nicht nur so jung aus, er war es körperlich und geistig auch. Kein Arzt der Welt, den meisten war er allerdings auch aus dem Weg gegangen, hatte dafür eine Erklärung finden können - er war eben anders.



© 1997 by Joachim Meißner. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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