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28 Minuten im Mai
von Dagmar Könner-Schütt

Sie erwachte von einem undefinierbaren Geräusch.

Marie hielt sekundenlang die Luft an und lauschte mit weit aufgerissenen Augen angestrengt in die Dunkelheit. Nein, da war nichts mehr zu hören. Nur ihr pochendes Herz, das zu stolpern schien … und natürlich das gleichmäßige Atmen des neben ihr schlafenden Ehemanns. Leider beruhigte es sie heute nicht, denn sonst hätte sie sich umgedreht, sich in ihr Kopfkissen gekuschelt, glücklich - ja, glücklich - an ihr zur Zeit besonders ausgefülltes Leben gedacht und wäre selig lächelnd wieder eingeschlafen.
     Es war die erste laue Nacht in diesem nasskalten Frühjahr. Wie lange hatte Stadt und Land auf dieses bisschen Wärme warten müssen. Der freie Mai-Feiertag lag vor Marie. Sie hatte den halben letzten Tag im April damit verbracht, ihren kleinen Balkon sommertauglich zu machen. Ordentlich geschrubbt hatte sie ihn, alle Terrassenmöbel abgeseift, Lavendel, Kletterhortensie und Efeuranken gestutzt, Zitronenmelisse beschnitten, die Pflanzen liebevoll gewässert und gedüngt und sich abends wohlig müde auf ein allererstes Sonnenbad am nächsten Nachmittag gefreut. Ein Kleinod war ihr dieser Balkon. Und ein Refugium. Die Tür hatte sie abends sperrangelweit offen stehen lassen.
     Marie zog ihr knappes T-Shirt länger. Sie fröstelte ein wenig, trotz schlafwarmer Bettdecke. Hatte sie die merkwürdigen Geräusche denn geträumt? Sie sich nur eingebildet? Die Jüngste war sie zwar nicht mehr, aber Hörprobleme hatte sie nun wahrhaftig noch nicht zu beklagen. Jedenfalls keine, die der Rede wert waren. Da setzte ihr die nachlassende Sehkraft schon eher zu. Sie richtete sich auf und versuchte krampfhaft, sich an irgendwelche Traumfetzen zu erinnern. Ihr wollte partout nichts einfallen. Nichts Bedrohliches zumindest, das dieses ungewöhnliche und beängstigende Geräusch erklären, irgendwie rechtfertigen würde. Dass es real war, fühlte sie nun sehr deutlich. Eigentlich hatte sie gar nicht geträumt.
     Kurz dachte sie daran, ihren Mann Christian zu wecken, entschied sich dann aber anders. Widerstrebend erhob sie sich, schlich leise in die kleine Diele und von dort in das angrenzende Wohnzimmer. Die Lichtschalter ließ sie unangetastet. Einen Moment lang horchte sie in Richtung Kinderzimmer - alles schien ruhig -, dann setzte sie sich behutsam auf die Couch, bestrebt, nur ja keine Geräusche zu machen und legte ihre Beine hoch. Ihr war nach einer Zigarette. Entspannen, ruhig durchatmen und eine rauchen. Das hatte ihr schon sehr häufig geholfen in beängstigenden Situationen. Das Ende der Zigarette glühte bei jedem Zug hellrot auf in der Dunkelheit. So rot, wie die Standby-Anzeige des Fernsehers, die irgendjemand aus ihrer Familie mal wieder vergessen hatte, abzuschalten. Umweltbanausen, alle miteinander. Marie musste plötzlich lächeln und fühlte sich viel entspannter. Ach was. Sie hatte wohl doch nur geträumt. Basta.
     Die digitale Uhr des Videorekorders leuchtete 3:31. Sie leuchtete grün.

3:31

Beruhigt und mit den Gedanken schon ganz woanders, beschloss sie, in ihr Schlafzimmer zurückzukehren. Nicht mehr leise und gar nicht mehr schleichend durchquerte sie die Diele in wenigen Schritten, spähte einmal mutig durch den Türspion, erblickte nur Schwärze wie erwartet, drehte beherzt den Wohnungsschlüssel herum - die Tür war wie immer nicht abgeschlossen, nur zugezogen -, drehte ihn noch einmal herum …
     Etwas wie ein Schrei störte plötzlich diese milde, stille Nacht - es war ihr eigener. Verzerrt und ungewöhnlich fremd klang er. Für einen kurzen, schrecklichen Moment, der ihr wie eine grausame Ewigkeit vorkam, glaubte sie, ohnmächtig zu werden. Jemand hatte sie von hinten gepackt und ihr eine grobe Männerhand vor den Mund gepresst. Die andere Hand und ein massiger Männerkörper - instinktiv spürte sie, dass es ein Mann sein musste, ein gewaltig großer und starker Mann - zwangen Marie, in ihrer Stellung zu verharren. Sie konnte sich nicht rühren. Panik und diese Masse von Mensch hinter ihr lähmten sie. Nikotingestank, vermischt mit dem Geruch eines teuren Eau de Parfum, wie ihn eigentlich nur ein gepflegter Mann verströmen kann, stieg ihr empfindlich in die Nase. Sie unterdrückte einen hochsteigenden Würgreflex.
     Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf … Wie ist er hereingekommen? Warum heute? Was will er von dir? Warum ausgerechnet von dir? Wieso wacht verdammt noch mal Christian nicht auf? Er hörte doch sonst jede Fliege husten! Geht es den Kindern gut? Ist was mit Nicolas? Hat er womöglich Adeline …? Entsetzt versuchte sie, zu sprechen, Laut zu geben. Es gelang ihr nicht.
     Der Mann stieß sie roh ins Wohnzimmer zurück. Er tat ihr weh. Sie wehrte sich nicht. Konnte sich nicht wehren. Wut, ohnmächtige Wut, wallte in ihr auf, die sie beinahe stärker empfand als ihre Angst, die jedoch machtlos blieb. Der Mensch bemerkte die offene Tür, durch die ein Hauch von duftender Mainacht herein wehte, zögerte einen Moment. Sekunden später fand Marie sich mit ihm auf ihrer schmucken Balkonterrasse wieder. Die Glastür hatte er zugestoßen. Immer noch hielt ihr diese widerlich riechende Pranke Mund und die halbe Nase zu. Sie hatte Mühe mit der Atmung.
     Plötzlich hob er sie hoch. Eine Leichtigkeit für ihn. Er hielt sie fast einen Meter über dem Boden. Marie wurde schwindlig. Ihr wurde nun auch übel, speiübel. Sie ahnte Furchtbares, Grauenvolles, Ungeheuerliches … und sie hatte Angst. Nie in ihrem Leben hatte sie eine so vernichtende Angst empfunden. Der Mann wuchtete sie jetzt auf den Rand der Balkonbrüstung. Er ließ ihr mit seinem unnachgiebig festen Griff nicht die geringste Chance, dieser schrecklichen Situation zu entkommen.
     In Sekundenschnelle spulte das eigene Leben vor ihrem inneren Auge ab. Kindheit - Tränen, Besuche bei den geliebten Großeltern, erste heilige Kommunion, Geschwister, Schulzeit, Ferienglück. Dann die Zeit danach - Jobs in Hotel, Supermarkt, Flughafen …, ihre Ausbildungsjahre, der Beruf, ihre Hochzeit, die Kinder - sie hatte nicht immer glücklich, aber intensiv gelebt. Der Film endete mit dem Tag, an dem sie sich schwor, niemals wieder mit dem Feuer zu spielen. Aus Liebe zu ihrem Mann und ihrer Familie. War sie das denn wert gewesen? Diese Geschichte mit Richard? Die doch im Grunde genommen nur ein Flirt war, absolut harmlos und flüchtig, ein Spiel eben!?! Ihre uralte andere Eskapade war doch so gut wie verjährt. Schnee von vorvorgestern. Oder vielleicht doch nicht? Sollte Christian wegen dieser …? Noch während sie nach Antworten suchte, konnte sie endlich wieder frei atmen. Für einen letzten, kostbaren Augenblick empfand sie wohltuend die Nacht dieses ersten Mai. Dann ließ die andere Hand sie los. Sie fiel - immer schneller, immer leichter …

Hinter dem Fenster zum Wohnzimmer bewegte sich ein Schatten. Christian klappte sorgfältig seine Brieftasche zu und öffnete die Balkontür. Der Mann ließ ein zentimeterdickes, blaues Bündel in seine Jackett-Tasche gleiten. Beide hatten es nun sehr eilig.
     Die digitale Uhr des Videorekorders leuchtete 3:59. Sie leuchtete grün.

3:59

© 2001 by Dagmar Könner-Schütt. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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