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Foto von Ulrich Struve Bernt Engelmanns Alltagsgeschichte — 1933 bis 1948
Notizen am Rande - Buchbesprechungen von Ulrich Struve Schon in den 80er-Jahren hat Bernt Engelmann seine solide recherchierte, flüssig geschriebene und ausgesprochen spannende Alltagsgeschichte Deutschlands von 1933 bis 1948 veröffentlicht. Jetzt hat sie der Göttinger Steidl-Verlag dankenswerterweise als günstige Taschenbuchausgabe in drei Bänden neu aufgelegt.
     Engelmann berichtet auf der Basis von mehr als 100 Interviews über die persönlichen Erfahrungen von Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten, ergänzt diesen bewusst privaten Blick aber durch Informationen über politische Rahmenbedingungen und den Kriegsverlauf. Der Untertitel der ersten zwei Bände, »Wie wir die Nazizeit erlebten«, ist keine poetische, den Leser zwangsumarmende Floskel, denn einen beträchtlichen Teil des Berichts machen Engelmanns eigene Erlebnisse aus. Seine Alltagsgeschichte ist gleichermaßen Autobiografie wie groß angelegte Archäologie privaten Erlebens und Erleidens in den Jahren der NS-Terrorherrschaft und der Restauration in den Westzonen.
     Aus politischen oder »rassischen« Gründen Verfolgte des Nazi-Regimes kommen dabei ebenso zu Wort wie Gestapo-Beamte oder die mit einem SS-General verheiratete Cousine des Autors. Auf wessen Seite der Verfasser steht, der während des Dritten Reiches in verschiedenen Widerstandsgruppen als Fluchthelfer für Juden und Kommunisten aktiv war und das Kriegsende, abgemagert auf 36,5 Kilogramm, in Dachau erlebte, ist zu keiner Zeit ungewiss. Ungeachtet des nüchternen Berichtstons ist die Trilogie einem klaren, politisch linken Standpunkt—fast könnte man von einem Klassenstandpunkt sprechen—verpflichtet. Die Enttäuschung und Entrüstung über die Wiederherstellung kapitalistischer Eigentumsverhältnisse in den Westzonen sowie die Allgegenwart von Persilscheinen oder die eilfertige Rehabilitation selbst hoher Nazi-Beamter wie Globke treten deutlich zu Tage.
     Dennoch gleitet Engelmanns Trilogie nicht in Polemik ab, sie bleibt eine auf Vielschichtigkeit angelegte Reportage. Das Bemühen um offene Berichterstattung zeigt sich etwa an Schlüsselbegriffen wie »Hitlers Machtantritt«. Engelmann signalisiert damit Distanz zur landesüblichen Sprachregelung von der »Machtübernahme«, einer Formulierung, bei der die Wählerstimmen und die Mittäterschaft großer Bevölkerungsanteile rhetorisch unterschlagen werden, setzt sich aber auch von der »Machtübertragung an Hitler« ab, einem Begriff aus DDR-treuer, orthodox marxistischer Faschismustheorie, mit welchem Hochfinanz und Großkapital die Alleinschuld am Hitlerismus zugewiesen werden sollte.
     An manchen Lücken und besonders am dritten Band, der über die Zustände und politischen Entwicklungen in der SBZ kaum ein Wort verliert, ist dann doch zu spüren, dass bei Engelmann der Wind von Osten weht. Wenn die Teilung Deutschlands allein der geschickten »Konferenzregie« der Westmächte angelastet wird, schlägt linkes Wunschdenken durch. Kam denn für Stalin jemals ernsthaft etwas anderes in Frage, als den neu hinzugewonnen Herrschaftsbereich SBZ/DDR als Pufferzone gen Westen zu halten? Ein vereintes Deutschland in freier Selbstbestimmung stand in Moskau jedenfalls nicht vor Gorbatschow zur Debatte. Vermutlich hat das Beharren auf manchem der linken Mythen auch mit der politischen Situation zur Zeit der Abfassung der Trilogie zu tun, als die »geistig-moralische« Wende Fuß fasste und Helmuth Kohl sich als Dauerkanzler einzurichten begann.
     Potenziell problematischer ist die an gewissen Punkten hervortretende narrative Geschlossenheit des Werkes. Mitunter stößt man auf sprechende Details, die einfach zu treffend sind, um glaubwürdig zu sein. Wenn Engelmann nach dem Krieg einen Alt-Nazi ins Gespräch verwickelt, der mittlerweile seine Leidenschaft für die Gärtnerei entdeckt hat und dieser dann in Gegenwart des Autors dem Ungeziefer auf seinen Rosensträuchern mit einer Giftspritze zu Leibe rückt, dann ist die Anspielung auf die Gaskammern der Nazis einfach zu dick aufgetragen. Man kann sich des Verdachts schwer erwehren, Engelmann habe hier ein wenig nachgeholfen. Selbst wenn sich die Szene genauso zugetragen haben sollte und nicht journalistischer »Abrundung« des Berichts zu verdanken sein sollte, wäre Engelmann besser beraten gewesen, auf sie zu verzichten. Das Thema ist zu wichtig, um es durch eine solche Pointe zu schmälern.
     Dennoch ist die Trilogie, auch wenn man Engelmanns Wertungen nicht immer zustimmen kann und das eine oder andere Detail fragwürdig bleibt, ein wertvoller Beitrag zur Geschichte Deutschlands. Sie bietet eine Perspektive, die im politischen und kulturellen Leben der Bundesrepublik eher randständig ist, aber ebenso zu unserem Erbe gehört; man sollte sie nicht verdrängen, sondern im demokratischen Diskurs prüfen. Der aufrechten und mutigen Haltung des jungen Mannes, der sein eigenes Leben gemeinsam mit einer bunten Schar von Juden, Quäkern, Katholiken und Kommunisten zu Rettung Verfolgter riskiert hat, gebührt uneingeschränkt Respekt. Dem Autor, der er seither geworden ist, kann man diesen am besten erweisen, indem man seine Bücher liest und ernst nimmt.

Ulrich Struve

  • Bernt Engelmann, Im Gleichschritt marsch: Wie wir die Nazizeit erlebten, Bd. 1: 1933-1939. Göttingen: Steidl, 1997. Pb., 220 S., 16,80 DM/8,59 EUR (Preisangabe ohne Gewähr). ISBN 3-88243-502-X.
  • Bernt Engelmann, Bis alles in Scherben fällt: Wie wir die Nazizeit erlebten, Bd. 2: 1939-1945. Göttingen: Steidl, 1997. Pb., 272 S., 16,80 DM/8,59 EUR (Preisangabe ohne Gewähr). ISBN 3-88243-503-8.
  • Bernt Engelmann, Wir haben ja den Kopf noch fest auf dem Hals: Die Deutschen zwischen »Stunde Null« und Wirtschaftswunder, Bd. 3: 1945-1948. Göttingen: Steidl, 1997. Pb., ill., 256 S., 16,80 DM/8,59 EUR (Preisangabe ohne Gewähr). ISBN: 3-88243-504-6.

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