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Die Nörgelei am Café-Tisch
Oktober 1999 - Diesmal von Wilhelm Weller


Krass die Verhöhnung, nobel die Versöhnung
Wilhelm Weller

Frohe Kunde, die Glocken läuten.
     Mit der Verleihung des Literaturnobelpreises an Günter Grass konnte der bittere Streit zwischen unserem ersten Literaten und seinem ersten Kritiker Reich-Ranicki glücklich beigelegt werden.
     »Die Nachricht hat mich außerordentlich erfreut«, schrieb der alte Literaturpapst nach Bekanntgabe der letztgültigen Stockholmer Weihe des von ihm zuvor in Grund und Boden Kritisierten.
     Und Kollege Pavel Kohut freut sich gar »auf den Kniefall der deutschen Presse, die ihn (Grass) zwanzig Jahr niedermachte«.
     Auch ich freue mich und falle auf die Knie - schließlich war die tönende »Blechtrommel« die erste große Literatur, die sich meinem noch 15 Jahre pubertätsjungen und lesehungrigem Geist ebenso einbrannte wie meine erste, große Liebe meinem aufgewühlten Herz.
     Alles verziehen, »Rättin« und »Weites Feld«, alle versöhnt, Günter und Marcel, nobel geht das Jahrtausend in Deutschland zu Ende.
     Tränen der Rührung umfloren meinen sonst so klaren Blick.

Wäre da nicht ein anderer Streit zwischen zwei weisen Geistern, der mich, ein ihnen kongenial verbundener Freund, tief betrübt.
     Ich spreche von der Schlammschlacht zwischen Habermas, ergrautes Haupt der kritischen Theorie und Sloterdijk, füllig gewordener Kritiker der zynischen Vernunft.
     Worum geht es? Nun es geht um uns, um den Menschen als solchen, um unser Sein in der Zeit, um Heidegger, um Nietzsche und um Dolly, das geklonte Schaf.
     Sollen wir in Zukunft unsere Kinder gewissermaßen nach vorgefertigtem Rezept »backen«, oder sollen wir es weiterhin dem schlichten Zufall überlassen, wie klug oder dumm, böse oder gut, krank oder gesund die neuen Erdenbürger sind?
     Sloterdijk vertritt hier eine dezidierte Position, die er auch im Umgang mit seinen Kritikern exekutiert sehen möchte:
     »Wenn ich an meine völlig naturbelassenen Denunzianten denke, würde ich allerdings wünschen, die Kunst gebildete und sympathische Menschen hervorzubringen, wäre doch schon ein wenig weiter.«
     Verständlich, sicher, wer hat sich noch nicht den gebackenen Lebens- oder Gesprächspartner gewünscht. Und bei aller Umweltliebe, alles wollen wir nun doch nicht naturbelassen belassen.
Ich zum Beispiel trinke prinzipiell keine Frischmilch, sondern nur pasteurisierte Milch. Aber das nur am Rande.
     Habermas hält mit guter Kritik theoretisch dagegen. Wer kontrolliert die Bäcker und Züchter? Man stelle sich einen mächtigen Unhold vor, der mordlüsterne Bestien züchtet, einen Frankenstein, dessen böser Truppe kein James Bond noch Einhalt gebieten kann.
     Heute nicht denkbar? Aber vielleicht schon in hundert Jahren praktizierbar.
     Der linke Habermas sieht sich im Einklang nicht nur mit der katholischen Kirche:
     Lassen wir diese wackeligen, menschlichen Wesen wie sie sind, die Natur oder Gott wird es schon richten.
     Und bleiben wir bei der mühseligen zivilisatorischen Anstrengung, jede neue Generation neu und immer besser zu erziehen. Mit zugegeben sehr mäßigem Erfolg.
Und nochmals zugegeben: auch ich kann diesen fundamentalen Streit nicht schlichten.
     Aber einen Vorschlag zur Güte will ich machen:
     Lieber Sloterdijk, geben Sie sich und Habermas doch zunächst die Chance, auch ohne Eingriff in Ihre jeweiligen Keimbahnen zu einem sachlichen und fairen Streitgespräch zurückzukehren.

Hochachtungsvoll

Ihr Wilhelm Weller


November 1999SeitenanfangAugust 1999