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Klein und Wagner oder Hesse und Tischer?
...wie wahnsinnig mühsam es ist, ein Verbrecher zu sein! Wolfgang Tischer las "Klein und Wagner" von Hermann Hesse
Tobias Freudenreich führte das Protokoll einer Lesung

Ort: Schiller Buchhandlung, Stuttgart
Datum: 20.06.2002

20:03 Uhr. Handybesitzer werden durch den Protagonisten des Abends freundlichst auf das Vorhandensein einer Ausschalttaste an ihrem Mobiltelefon hingewiesen.

20:06 Uhr. Mit sechsminütiger Verspätung leitet die Inhaberin des ortsansässigen Buchverkaufgeschäfts die literarisch-musikalische Veranstaltung ein. Freude ob der großen Zahl Anwesender (über 40), die sich trotz biergartentauglichem Hochsommerwetter eingefunden hatten, wird geäußert, sodann übernimmt das waldorfkompatible Gittarren-Flöten-Ensemble.

20:10 Uhr. Tischer schreitet zum Rednerpult. Es ist sein Terrain. Eigens hat er in liebevoller Kleinarbeit seine Internetadresse zwecks Eigenwerbung in klassischer Antiqua auf das mitgebrachte Rednerpult geklebt. Gleich einem Jäger späht er kurz in die Tiefe des Saals, um sich der Aufmerksamkeit aller Anwesender zu versichern, ehe er beginnt.
     Unterbrochen von Beiträgen der Musikanten trägt Tischer fortan in gewohnt gekonnter Art den interessanten Lesestoff vor.

20:22 Uhr. Die Innentemperatur steigt proportional zum literarischen Spannungsaufbau und lenkt die Aufmerksamkeit des Zuhörers vom Vortrag auf die eigene Transpiration. Teils fächernd, teils eisern ausharrend wird versucht, den tropischen Verhältnissen Herr zu werden. Tischer scheint unbeeindruckt. Beeindruckend professionell!

20:38 Uhr. Das Publikum akklimatisiert sich allmählich. Tischer läuft zu neuer Bestform auf und erlangt so wieder die volle Aufmerksamkeit der Anwesenden, das Unterhaltungsduo eingeschlossen.

21:07 Uhr. Tischer stolpert. Der bisher exzellente Vortrag wird kurzzeitig getrübt durch einen Versprecher. Tischer taumelt. Ob er zu Boden geht? Die anwesenden Ringrichter zücken schon die Armbanduhren. Doch der Vortragende findet zur alten Form zurück. Geschickt tribbelt er die Gefahrenstelle aus, liest fortan fehlerfrei. Das Publikum honoriert es ihm mit einem Lächeln.

21:28 Uhr. Erneute Ablenkung der Hörerschaft. Die großflächige Glasfassade des Veranstaltungsortes gibt den Blick frei auf eine junge Dame, die sich im rückwärtigen Einparken übt. Als sie mit dem rechten Hinterrad auf dem nicht gerade niedrigen Bordstein steht, entdeckt ihr Beifahrer das unfreiwillig in die Situation geratene Publikum. Nervosität bricht im Inneren des Kraftfahrzeuges aus. Obwohl letztlich beide rechten Reifen auf dem Bordstein stehen, verlassen die Insassen das Gelände fluchtartig. Tischer hat die volle Auffassungskapazität seiner Gäste wieder sicher.

21:45 Uhr. Noch während der Applaus der Massen über die Akteure des Abends hereinbricht, räumt Tischer eine Zugabe ein. Der Vorleser gibt sodann ein lyrisches Werk zum Besten und begeistert hiermit nicht nur das freudestrahlende Auditorium, sondern arbeitet zugleich ein altes Trauma auf, welches hier nicht näher erläutert werden soll.

21:51 Uhr. Ein gelungener Abend wird mit Applaus honoriert. Unstreitig bleibt unter allen Anwesenden, dass die nächste Lesung schon bald folgen sollte! 

Tobias Freudenreich

Protokollführer: Tobias Freudenreich (*1980), Designer und angehender Erfolgsautor hat von den bedeutenden Literaturpreisen in den letzen Jahren keinen einzigen gewonnen. Seine Werke blühen noch im Verborgenen. Freudenreich lebt im Internet unter der Adresse http://www.freudy.de.

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