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Mohnkuchen, mein Leben
von Sylvia Smuda

Früher hat man den Säuglingen einen Löffel Mohn in den Schnuller getan, damit sie ruhiger schliefen. Erst später fand man heraus, dass die Kinder davon dumm wurden, dumm und süchtig.
Vielleicht bin ich auch schon süchtig, auf eine gewisse Art.
Meine erste Begegnung mit Mohn hatte ich bei einer Hochzeit in Tschechien. Dort stapelten sich Unmengen von Mohnkolatschen in verschiedenen Räumen des Hauses, große, flache Hefeteigscheiben, die satt mit schwarzem Mohn bedeckt waren, Mohn, der nach viel Rum schmeckte, nach Anis und weiteren geheimnisvollen Gewürzen.
"Mohn muss gequetscht werden, nicht gemahlen", lernte ich als erstes und ließ mir das kleine Handgerät zeigen, mit dem der Vater der Braut den Mohn kiloweise per Hand vorbereitet hatte. Drei, vier, fünf Kolatsche fielen mir während dieser Woche mindestens zum Opfer.
Zurück in Deutschland durchstreifte ich auf der Suche nach meiner neuen Vorliebe sämtliche Bäckereien der Umgebung. Aber ach! Der Mohn war mit Gries gestreckt, schmeckte fade und völlig überzuckert. Zum anderen zeigten mir die kleinen schwarzen Körnchen, die zwischen den Zähnen stecken blieben, dass der Mohn völlig falsch verarbeitet worden war. Bald schon konnte ich vom bloßen Anschauen her sagen, ob ein Mohnkuchen den Versuch wert war oder nicht.
Einige Zeit verging, in der ich meine Leidenschaft nach Mohn fast gänzlich einstellte. Zu groß war die Enttäuschung. Bis ich eines Tages in einem zwanzig Kilometert entfernten Ort im Schwarzwald einen Bäcker fand, der wusste, wie man einen Mohnkuchen zu backen hatte. Leider buk er nur einmal in der Woche. Seine Mohnstrudelstücke waren in kürzester Zeit ausverkauft, so dass wir häufig dazu übergingen, einen ganzen oder halben Mohnstrudel zu bestellen.
Mit der Zeit vergrößerte sich meine Familie, zwei Söhne wuchsen heran, die ebensolche Mohnfanatiker wurden wie ich. Nun musste etwas geschehen. Meine hausfraulichen Fähigkeiten waren inzwischen wo weit gediehen, dass ich es mir zutraute, den Mohnkuchen aus dem Schwarzwald nachzubacken. Zwei, drei Versuche, dann war es geschafft.
Inzwischen hat mein ältester Sohn mich zumindest eingeholt, was das Gelingen des Meisterwerks angeht. Als er mich in diesem Jahr nach einem Weihnachtswunsch fragte, schlug ich eher im Spaß als ernsthaft einen selbstgebackenen Mohnstrudel vor.
Wie groß war meine Überraschung, als er gegen Ende der Bescherung ein Blech frischgebackenen Mohnstrudels hervorzauberte, mindestens achtzig Zentimeter herrlichsten Genusses.

© by Sylvia Smuda. Für die Rechtschreibung sind die Autoren verantwortlich.

 
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