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Ein Buch für Onkel Wanja
Andreas Magg über ein Cechov-Buch und ein Geschenk für dessen literarischen Verwandten

Muss das Literatur-Café, wenn von Cechov die Rede ist, zum literarischen Salon umdekoriert werden? Geistesgegenwärtig haben wir mit Victor Pelewin in Generation P (P heißt Pepsi, ist deutlich drastischer als Golf) den Werdegang eines atemlosen Dichters zum haltlosen Werbetexter verfolgt. Für sich und für uns hat sich Wladimir Kaminer (siehe Interview) in der Russendisco den Mund fusslig und den Kopf schwindlig geredet. Jetzt ist uns ein bisschen nach frischer Luft zumute und wir sehnen uns nach den reinen, leisen Tönen. Wir greifen durch den Staub von vielen Jahren zu den seltsam matten Stücken und den zäh rinnenden Erzählungen von Anton Pavlovic Cechov. Frische Luft? Staub? Wie das zusammen geht, klärt Gerhard Bauer in »Lichtstrahl aus Scherben«. Cechov. Ein Stück Sekundärliteratur, an dem nichts sekundär ist, sondern alles erstklassig: ein Auftakt zu den Allgemeinplätzen der Literatur: »Lesen erhöht die Freiheit und Beweglichkeit der Gedanken« - da atmen wir lieber erst mal nicht auf, sondern durch. Dann: Cechov wird wie jeder zum Klassiker aufgestiegene Autor von seinem eigenen Ruhm verdunkelt. An diesem roten Faden hangeln sich viele Neuinterpretationen, Wiederentdeckungen, Revisionen entlang, bei deren Lektüre uns nie das Gefühl loslässt, sie seien da, um den Abverkauf von Klassiker-Restauflagen zu beschleunigen. Aber der Lichtstrahl aus Scherben ist bewegend, bohrend, blendend, ein Einzug der Lasertechnik in die Russendisco der Literaturwissenschaft. Cechov wusste vor 100 Jahren zu sagen, wie es ist, mit 1000 Worten im Kopf nicht einen einzigen Satz bilden zu können, beschreibt die Zustände, bemerkt die Abstände. Entfernungen vermisst er nicht allein in der Weite der Steppe - die es so nicht mehr gibt -, sondern die zwischen den Menschen, die es immer noch so gibt. Aber es ist kein langweiliges Vermessungshandbuch, Bauer schreibt einen perfekten Reiseführer zu den Seelenlandschaften Cechovs. Ein immer hellwaches Buch über einen Autor, der, wie sich zeigt, zu Unrecht als ermüdend gilt.
     Weil offen bleibt, ob der Lichtstrahl aus Scherben einer zerborstenen Wodkaflasche oder eines heruntergestürzten Leuchters in Baden-Baden stammt, brauchen wir auch das Literatur-Café nicht umzudekorieren.
     Wenn wir jetzt selbst schon wissen, was wir lesen, was würden wir dann Cechovs Onkel Wanja zum Geburtstag schenken? Es ist ein Buch von Peter Bieri, Handwerk der Freiheit. Onkel Wanja wäre vielleicht ziemlich enttäuscht, weil er lesen müsste, dass es nicht nur ein kurzer Fußweg zu einer immer schon bestehenden Freiheit ist wie der Umweg zu einem Aussichtspunkt, sondern ein mühseliges Handwerk, eigenständig zu erlernen und auszuführen: Freiheit wird von außen behindert und von innen, dabei sind, so sagt Bieri ganz modern, die inneren Hindernisse die größeren. Sein akribisches Vorgehen erinnert an diejenige Kasuistik, die darlegt, ob die tropfenweise Verwendung von Suppenwürze aus Fleischextrakt am Freitag gegen kirchliche Vorschriften verstößt. Ein breit angelegtes Exempel für Freiheit und Verantwortung statuiert er an Rodion Raskolnikow aus Dostojewsikijs Schuld und Sühne. Keine einfach als glücklicherweise anwesend oder leider abwesend - gerade, weil fehlend, besonders tief - empfundene Freiheit. Sondern die durch genaues Nachdenken erarbeitete, ist die Freiheit, die Bieri meint. Wieder einmal die Anstrengung des Begriffs. Ob Onkel Wanja dafür die Geduld aufbrächte? Die Lektüre würde ihm weiterhelfen, weil Lesen die Freiheit und Beweglichkeit der Gedanken erhöht, und wir finden nach 100 Jahren Antworten auf seine Fragen - er hatte es geahnt, dass es so sein würde. Also schenken wir das dann doch Onkel Wanja zum Geburtstag. Und wann hat er eigentlich Geburtstag? Ach wenn wir das nur wüssten!

Andreas Magg

Gerhard Bauer: Lichtstrahl aus Scherben. Cechov. Taschenbuch. 2000. Stroemfeld. ISBN/EAN: 9783861091561. EUR 24,00 (Bestellen bei Amazon.de)

Peter Bieri: Das Handwerk der Freiheit: Über die Entdeckung des eigenen Willens. Taschenbuch. 2003. FISCHER Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783596156474. EUR 13,95 (Bestellen bei Amazon.de)
Peter Bieri: Das Handwerk der Freiheit: Über die Entdeckung des eigenen Willens. Gebundene Ausgabe. 2001. Carl Hanser Verlag. ISBN/EAN: 9783446200708. EUR 24,90 (Bestellen bei Amazon.de)
Peter Bieri: Das Handwerk der Freiheit: Über die Entdeckung des eigenen Willens: Über die Entdeckung des eigenen Willens. Kindle Edition. 2012. (Herunterladen bei Amazon.de)
Johannes Vees: Philosophie der Freiheit: Peter Bieris "Handwerk der Freiheit" in der Diskussion. Taschenbuch. 2013. Grin Verlag Gmbh. ISBN/EAN: 9783656498834. EUR 14,99 (Bestellen bei Amazon.de)
Peter Bieri: Wie wollen wir leben? (Unruhe bewahren). Kindle Edition. 2011. Residenz Verlag (Herunterladen bei Amazon.de)

Buch

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