Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons

Buchtipps in Kürze (19)

Das Geisterhaus

Hey, ihr da draußen, ich musste in Deutsch eine 25-minütige Buchvorstellung machen. Als erstes sagte ich warum ich das Buch »Das Geisterhaus« gewählt habe, und jetzt kommt der entscheidende Satz: Da ich selbst eine total verbaute Kindheit hatte, d.h. mein Vater hat mich total runtergemacht, meine Mutter litt an Magersucht und hat ein Doppelleben geführt, und ich selbst hatte zu der Zeit Selbstmordgedanken, hab es auch einmal probiert, hab mich in die Arme geritzt, Tabletten genommen und noch viele Dinge mehr, damit ich über den Tag gekommen bin und mein Leben ertrug.
     Ich habe dieses Buch gewählt, weil ich es Blanka (der Tochter) einer der Hauptpersonen, nachfühlen konnte wie sehr sie unter ihrem Vater leidet. Außerdem hat mich fasziniert wie eine so spiritistisch und sensibel veranlagte Frau einen solch kalten und hartherzigen Mann lieben konnte.
     Ich erzähl euch jetzt mal eine Stelle. Der Vater hat der Mutter so eine runtergehauen, dass sie Nasenbluten hatte. Seitdem sprach die Mutter nicht mehr mit ihm, nie wieder. Eines Tages weinte die Tochter wegen ihres Vaters, weil er sie so schlecht behandelte. Da kam die Mutter und sagte: »Nein, du darfst deinen Vater nicht hassen, er liebt dich, kann es nur nicht zeigen!!!!!!!!!«
     Dieser Satz war es der mich vom 4zehnten bis zum 8zehnten Lebensjahr weiter leben ließ. Dieser Satz und eine Person, welche mir sehr wichtig war und jetzt auch noch ist, haben mich vor dem Tod bewahrt!!!!!!

Sarah

Isabel Allende: Das Geisterhaus. Taschenbuch. 1989. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518381762. EUR 10,00 (Bestellen bei Amazon.de)
Isabel Allende: Das Geisterhaus: Roman (suhrkamp taschenbuch). Gebundene Ausgabe. 2012. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518463857. EUR 10,00 (Bestellen bei Amazon.de)

Buch

Frau Sartoris

In Icherzählform beschreibt eine einfache Frau, Frau Sartoris, Stationen ihres Lebens. Dem Textstil und der Erzählform kann man entnehmen, dass es sich um eine Begebenheit handelt, die in kürzlich vergangener oder sogar in der jetzigen Zeit spielt. Beschrieben wird die traurige Erfahrung von Frau Sartoris' erster Liebe mit einem Mann, der sie nach kurzer Affäre aus Standesgründen nicht heiratet.
      Es bleibt offen, ob für ihn die Beziehung von Beginn an nur als passagere Erfahrung aufgefasst wurde, oder ob möglicherweise seine Familie, die dem Geldadel angehört, eine solche Heirat als unopportun ansieht. Die Täuschung gegenüber dieser Frau ist echt, da der Mann, Philip, ihr viel von seinem unglücklichen Leben, seiner Familie, erzählt hat. So musste sie den Eindruck gewinnen, dass er Heimat und Geborgenheit bei ihr gesucht und gefunden hatte. Als er die Beziehung abrupt und unvorhergesehen beendet, ist sie tief geschockt.
      Sie hatte früher schon hochfliegende Pläne mit einem Studium oder Schauspielunterricht begraben. Schließlich heiratet sie einen überaus durchschnittlichen Menschen, zu dessen Mutter sie sich besonders hingezogen fühlt. Sucht auch sie nur häusliche Geborgenheit und Versorgung? Sie arbeitet, bekommt eine Tochter, hat zu niemandem eine echte innere Beziehung und nimmt ein langweiliges, im Gleichmaß erstickendes Leben mit Vereinsabenden, Kegeln und anderen Mittelmäßigkeiten auf sich. Dann erlebt sie ein intensives Aufleben ihrer verloren gegangenen Gefühle: Sie verliebt sich und glaubt fest, dass sie mit diesem Mann noch eine Wende in ihr Leben bringen könnte. Sie verführt mit immer neuen Methoden ihren Liebhaber, der ganz willenlos hingerissen scheint - aber natürlich Frau und Kinder hat! - und betrügt ihren Mann, lügt und plant intensiv ihren Ausstieg mit ihrem Liebhaber aus ihrem bisherigen Leben.
     Am Ende wird nichts daraus, er entpuppt sich als steter Liebhaber von kleineren oder größeren Abenteuern, ist dafür schon stadtbekannt. Stillschweigend wird sein Verhalten von der eigenen Frau geduldet, und er denkt nicht im Traum daran, sein gesichertes Leben im Kreise seiner Familie aufzugeben. Schließlich versackt alles im Mittelmaß.
      Die Ehe von Frau Sartoris ist noch um ein gutes Stück leerer geworden, alles verläuft in einem todlangweiligen, eingefahrenen Trott. Schlussendlich erfährt Frau Sartoris, dass ihre Tochter einem üblen Macher aus der Halbwelt zum Opfer gefallen ist, indem sie diesem hörig ist und zu üblen Sexpraktiken angehalten wird. Verzweifelt ergibt sich ein Augenblick, eine Sekunde nur, in der Frau Sartoris die Gelegenheit sieht, diesen wie einen Zuhälter sich gebärdenden Mann, der er vielleicht auch ist, an einer Ampel zu Tode zu fahren.
      Es ist dieses mittelmäßige Milieu, die Langeweile, das Gleichmaß, der tiefe Abgrund, der sich zwischen Menschen auftut, gleichzeitig die zunichte gewordenen Hoffnungen und Träume der jungen Jahre, die diesen Roman bemerkenswert machen. Es scheint ganz so, dass das wahre Leben in dieser Form ablaufen kann. In gewisser Weise erinnert die trostlose, hoffnungslose Geschichte an Romane von Stewart O'Nan, der z. B. in der »Speedqueen« das Abgründige gleichzeitig mit den auch in diesen Milieus vorhandenen menschlichen Regungen zu beschreiben vermag.

Claudine Borries

Elke Schmitter: Frau Sartoris: Roman. Taschenbuch. 2012. Deutscher Taschenbuch Verlag. ISBN/EAN: 9783423141703. EUR 8,90 (Bestellen bei Amazon.de)
Elke Schmitter: Frau Sartoris: Roman. Kindle Edition. 2014. Deutscher Taschenbuch Verlag (Herunterladen bei Amazon.de)

Buch

Papa, was ist ein Fremder?

Sehr empfehlenswert ist das Buch von Tahar Ben Jelloun: »Papa, was ist ein Fremder?«. Tahar Ben Jelloun lebt als einer der führenden Intellektuellen des Maghreb in Paris. Sein Herkunftsland ist Marokko. Er hatte selbst unter der Verfolgung extremistischer Islamisten zu leiden und weiß, was es heißt, verfolgt zu sein. In seinem Buch werden auf detaillierte Fragen seiner etwa zwölfjährigen Tochter Antworten gefunden, was das »Fremdsein« ausmacht und warum Menschen Abneigung gegen Fremde empfinden. Das bezieht sich auf die Hautfarbe, die Andersartigkeit in Kleidung, Habitus, Lebensformen, Religion und auf die Angst vor dem »Anderssein« überhaupt. Die Antworten sind einfach und verständlich, ebenso wie die Fragen der Tochter.
      Vorurteile werden auf diese Weise aufgezeigt und die Absurdität (aber auch die Ursache für diese Ängste!) wird anschaulich. Es ist ein aufklärerisches und weises Buch, das viel zur Überwindung von Fremdenfeindlichkeit beitragen kann. Außerdem ist beispielhaft und liebenswert, wie ausführlich, geduldig und nachdenklich der Vater auf die Fragen seiner Tochter eingeht.

Claudine Borries

Tahar Ben Jelloun, Tahar BenJelloun, Tahar Ben Jelloun: Papa, was ist ein Fremder?, m. Audio-CD. Gebundene Ausgabe. 2000. Rowohlt, Berlin. ISBN/EAN: 9783871344060. EUR 19,90
Tahar BenJelloun: Papa, was ist ein Fremder? Broschiert. 2000. Rowohlt Taschenbuch Verlag 2000

Buch

Erste Liebe, letzte Riten

Schon in seinen Romanen deutet sich an, dass Ian McEwan ein Meister des Szenischen ist, und in seinen hier versammelten Erzählungen beweist er sein Können in der Kurzform. In den meisten Geschichten nähert er sich behutsam und stilistisch beeindruckend sexuellem und seelischen Missbrauch, Tabuthemen wie Inzest und Pädophilie, ohne jedoch die Moralkeule zu schwingen.
      Oft aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen, mal als Opfer, aber auch als Täter, konfrontiert er mit der verwirrenden, hässlichen und unverständlichen Welt der Erwachsenen und den ersten erwachenden körperlichen und emotionalen Bedürfnissen. Die Gefühlswelt erscheint den Protagonisten dabei dunkel, ungreifbar und unkontrollierbar, oft enden alle Bemühungen in einer Katastrophe.
      Die Übersetzung von Harry Rowohlt transportiert dabei gelungen die verschiedenen Stilarten des Autors, jeweils angepasst an den intellektuellen und kulturellen Hintergrund der Figuren. Die Sprache der Kinder und Jugendlichen wirkt angemessen einfach, aber nicht infantil, die Reflexionen sind jedoch deutlich reifer, als deren Alter vermuten lassen würden. Insgesamt ein äußerst empfehlenswertes Buch!

Christiane Kömmling

Ian McEwan: Erste Liebe - letzte Riten. Taschenbuch. 1982. Diogenes Verlag. ISBN/EAN: 9783257209648. EUR 10,90 (Bestellen bei Amazon.de)

Buch

Licht

Folgende Worte schrieb mir eine Freundin, nachdem ich ihr Meckels Liebesgeschichte »Licht« geschenkt habe: »...was für ein Buch, was für eine Geschichte, was für eine Sprache und die Bilder... die vielen Erinnerungen, so sauber und unverfälscht und so detailliert, aufgefädelt wie Perlen an einer Schnur, unendlich lang und ohne Knoten dazwischen. Ich habe es in Nullkommanichts ausgelesen, in jeder freien Minute, immer zwischen Tür und Angel, und war minutenlang immer gefesselt und ganz woanders als hier. Und war erschrocken am Ende. So ein Ende! Was bleibt davon? Vielleicht die Erkenntnis, dass jeder alles immer ganz anders erlebt und für sich.«
      Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Annette Wolf

Christoph Meckel: Licht. Erzählung. Taschenbuch. 1980. FISCHER Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783596221004. EUR 6,95 (Bestellen bei Amazon.de)
Christoph Meckel: Licht: Erzählung (Sonderreihe). Kindle Edition. 2013. Nymphenburger (Herunterladen bei Amazon.de)

 

Kassandra

Ich habe gerade »Kassandra« von Christa Wolf gelesen und fand es faszinierend, wie sich sich dem Thema nähert, welch eine Nähe sie herstellen kann zu einer Figur aus der Mythologie, die hier nicht wie eine Frau aus den grauen Zeiten behandelt wird, sondern eher wie eine Freundin, die man aus den Augen verlor und zu deren Andenken man schreibend wieder die Nähe herstellen möchte. Gleichzeitig werden aber auch viele Parallelen gezogen, zwischen dem alten und dem neuen Griechenland und Gründe vieler heutiger Bräuche in der Vergangenheit gefunden.

Anja

Christa Wolf: Kassandra: Erzählung (suhrkamp taschenbuch). Taschenbuch. 2008. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518460528. EUR 7,00 (Bestellen bei Amazon.de)
Christa Wolf: Kassandra: Erzählung (Suhrkamp BasisBibliothek). Taschenbuch. 2011. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518189214. EUR 8,00 (Bestellen bei Amazon.de)
Christa Wolf: Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra: Frankfurter Poetik-Vorlesungen (suhrkamp taschenbuch). Taschenbuch. 2008. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518460535. EUR 8,50 (Bestellen bei Amazon.de)
Barbara Schubert-Felmy: EinFach Deutsch Unterrichtsmodelle: Christa Wolf: Kassandra: Gymnasiale Oberstufe. Taschenbuch. 2004. Schöningh Verlag im Westermann Schulbuch. ISBN/EAN: 9783140223935. EUR 19,65 (Bestellen bei Amazon.de)
Christa Wolf: Kassandra: Erzählung (suhrkamp taschenbuch). Kindle Edition. 2010. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518460528 (Herunterladen bei Amazon.de)
Mario Leis: Lektüreschlüssel zu Christa Wolf: Kassandra. Broschiert. 2008. Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag. ISBN/EAN: 9783150154069. EUR 3,60 (Bestellen bei Amazon.de)
Christa Wolf: Königs Erläuterungen und Materialien, Bd.372, Kassandra. Taschenbuch. 2008. C. Bange Verlag. ISBN/EAN: 9783804417663. EUR 5,90 (Bestellen bei Amazon.de)
Christa Wolf: Kassandra. Hörbuch-Download. 2012. Der Audio Verlag. EUR 19,99 (Bestellen bei Amazon.de)

Buch

Effi Briest

Dieses Buch ist der größte Scheiß, der mir je untergekommen ist. Stinklangweilig wie Hulle, da ist die ganze Zeit eigentlich überhaupt nichts los. Fontane soll ja auch 95 gewesen sein, als er das geschrieben hat. Mein Opa hatte in dem Alter mehr Storys am Start.

Sebastian Kleist

Theodor Fontane: Effi Briest. Roman. Taschenbuch. 1986. Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag. ISBN/EAN: 9783150069615. EUR 4,60 (Bestellen bei Amazon.de)

Buch

»Neger, Neger,
Schornsteinfeger!«

Erst vor kurzem habe ich das Buch »Neger, Neger, Schornsteinfeger!« von Hans-Jürgen Massaquoi aus den Händen gelegt. Ich hatte vor einiger Zeit in der TV-Sendung »B. trifft« den Autor und seine bewegende Biografie kennen gelernt. Hans-Jürgen Massaquoi kam als farbiges Kind 1926 in Hamburg zur Welt. Seine Mutter war Deutsche, aber sein Vater kam aus Liberia, wo er einen hohen Posten hatte. Der Großvater väterlicherseits war sogar König der Vai, eines Stammes in Liberia. Ich konnte mir bis dahin gar nicht vorstellen, wie ein Farbiger als deutsches Kind im damaligen Hitlerdeutschland aufgewachsen sein könnte. Ich wollte mehr über diesen Menschen wissen.
     Dass und wie er mit dem Leben durch die Kriegszeit kam, seine Erlebnisse, seine Trauer, kein echter deutscher Hitlerjunge sein zu dürfen, sondern immer nur Nicht-Arier, all das liest sich auf eine faszinierende Weise. Automatisch baut man eine Beziehung zum Buchhelden auf, versteht, warum er als Zwanzigjähriger Deutschland verlassen und nach Amerika auswandern wollte.
     Ich habe das Werk regelrecht verschlungen. Es ist so verständlich geschrieben, dass man meint, dabei zu sein und ihn beschützen zu müssen. Der Hauptteil des Buches bezieht sich auf seine Jugenderlebnisse. Nur auf den letzten Seiten schildert der Autor seine Eindrücke zur heutigen Zeit, von seinen Besuchen in Deutschland und seiner alten Heimatstadt Hamburg.
     Nebenbei enthält das Buch viele Fotos über Hans-Jürgen Massaquoi, seine Familie und Freunde, sodass man sich ein Bild von seinem Leben machen kann.
     Ich kann dieses Buch nur weiter empfehlen, vor allem auch an all die Menschen, die sich bis heute mit dem Thema Rassismus nie befasst haben. Denn vieles hat sich von den Schilderungen des Autors Massaquoi bis in die heutige Zeit nicht geändert, auch in Deutschland nicht - die Einstellung in den Köpfen der Menschen.

Elke Däbritz

Hans J. Massaquoi: »Neger, Neger, Schornsteinfeger!«: Meine Kindheit in Deutschland. Taschenbuch. 2012. Fischer. ISBN/EAN: 9783596180295. EUR 9,95 (Bestellen bei Amazon.de)
Hans J. Massaquoi: »Neger, Neger, Schornsteinfeger!«: Meine Kindheit in Deutschland. Kindle Edition. 2010. Fischer E-Books (Herunterladen bei Amazon.de)
Volker Frederking, Axel Krommer: Texte.Medien: Hans J. Massaquoi: "Neger, Neger, Schornsteinfeger!" Meine Kindheit in Deutschland: Textausgabe mit Materialien. Taschenbuch. 2002. Schroedel Verlag GmbH. ISBN/EAN: 9783507470026. EUR 7,95 (Bestellen bei Amazon.de)

Buch

Ausweitung der Kampfzone

Über Houellebecqs »Ausweitung der Kampfzone« lässt sich hervorragend streiten. So hervorragend, dass man das Buch dazu gar nicht gelesen haben muss. Die Thesen sind ja auch schnell erklärt: Wir leben in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der Sex so ungerecht verteilt ist wie Geld. Die einen sind schön und haben viel Sex, die anderen sind hässlich und haben deshalb keinen. Darum sind die Hässlichen unglücklich und die Schönen nicht, haben die Hässlichen Angst und die Schönen nicht, entwickeln die Hässlichen einen schlechten Charakter und die Schönen nicht. Wie ungerecht.
     Nun macht ja viel Geld allein bekanntlich noch nicht glücklich. Analog dazu: viel Sex auch nicht. Wer viele Partner haben kann, so die Argumentation, der hat auch viele und verliert schon bald die Fähigkeit zu lieben. Also sind doch die Hässlichen die Glücklichen, da sie, haben sie zueinander gefunden, treu und glücklich leben und lieben können? Nein. Natürlich nicht, strebt doch jeder hässliche Mensch danach, einen schönen Menschen zu besitzen, da die Werbung ihnen Schönheit als einzige wertvolle und anstrebenswerte Eigenschaft vorgaukelt. An diesem Streben scheitert er natürlich, denn wer will schon einen Hässlichen?
     Alles Mist, dein Michel. So weit, so altbekannt. Jeder darf mitstreiten, denn jeder kennt das Problem oder jemanden, der es hat. Wenn nicht, belegen Umfragen: Die meisten Frauen und Männer hätten gern mehr Sex. (Lakonische Antwort einer Zeitschrift: »Wir wüssten da eine Lösung...«) Es dreht sich also mal wieder alles um das altbekannte Thema Nummer eins. So neu und revolutionär, wie dieses Buch tut, ist dieses Problem ja wohl beileibe nicht. Es wird nur beispiellos pessimistisch und zynisch abgehandelt. Und beispiellos engstirnig. Man möchte dem Icherzähler und seinem bemitleidenswert hässlichen Freund Tisserand die ganze Zeit zurufen, sich ein verfluchtes Hobby zu suchen, irgendwas, was sie beschäftigt und von ihrer Notgeilheit ablenkt. Es macht einen ganz verrückt. Man ist versucht, beim lieben Doktor Sommer-Team anzurufen, und ihm die sexuellen Nöte der Herrschaften zu erzählen, damit sie ihnen raten, sich einer Stärkungskur ihres Selbstbewusstseins zu unterziehen. Sich einen Sinn im Leben zu suchen, irgendeinen. Man möchte ihnen den guten Rat geben, dass ein Mann, dessen einziges Interesse der Geschlechtsverkehr ist, möglicherweise auch nicht allzu anziehend aufs andere Geschlecht wirkt.
     Außerdem: Warum muss es denn nun ausgerechnet eine Schönheit sein, wenn man nun mal selbst eher Ähnlichkeit mit einem Frosch hat? Wieso tun sich die Einsamen Seelen dieses Buches nicht zusammen? Das würde vielleicht zu einem liebe- und lustvolleren Zusammensein führen, als das mit einem übersättigten Discomädchen... Aber um Lösungen geht es Houellebecq - wie den meisten modernen Autoren - ja gar nicht. Nur ums »Sezieren«, wie der Buchrücken verspricht. Ich habe es mehr als Rumjammern empfunden.

Julia Büttner

Michel Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone. Taschenbuch. 2012. Verlag Klaus Wagenbach. ISBN/EAN: 9783803126894. EUR 9,90 (Bestellen bei Amazon.de)

Buch

Faustinas Küsse

Gleich vorweg! Es ist einer meiner Lieblingsromane. Hanns-Josef Ortheil führt uns nach Rom. Das Rom Ende des 18. Jahrhunderts. Genau gesagt, er beginnt mit dem 29. Oktober 1786 an der Piazza del Popolo mit einem Teller Makkaroni.
      Es ist alles wie immer. Giovanni Beri genießt seine Nudeln, als ein Fremder, der gerade in der ewigen Stadt angekommen ist, seinen großen Reisehut lüftet und ihn immer wieder hoch in der Luft schwenkt und sich dabei im Kreise dreht. Ein merkwürdiger Mensch. Ein Ausländer, ein Verrückter? Aus dem Norden kommt er. Das sieht man schon an seiner Gestalt. Groß gewachsen, und eine bleiche Haut hat er. Er! Wer ist Er? Giovanni Beri, der gerade wieder einmal keinen Job hat, versucht dies herauszufinden. Vielleicht ist es ja auch in höheren oder höchsten Kreisen von Interesse, wer in dieser heiligen Stadt angekommen ist.
      Beri bietet sich dem Vatikan, ja dem Heiligen Vater selbst als Spion an - jedoch nicht nur aus Gottesfurcht, sondern des Profits wegen - und er folgt diesem geheimnisvollen »Maler Filippo Müller« auf Schritt und Tritt. Langsam lüftet sich das Geheimnis um diesen Mann aus dem Norden. Es ist der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe.
      Einst trennten sie Welten, und am Ende dieses Buches ist Giovanni Beri dem Erschaffer des Werther so nahe wie kaum ein anderer. Obwohl oder gerade weil ihm sein Geliebte Faustina verfallen ist.

Wolfgang Dehn

Hanns-Josef Ortheil: Faustinas Küsse. Roman. Taschenbuch. 2000. btb Verlag. ISBN/EAN: 9783442724765. EUR 10,00 (Bestellen bei Amazon.de)
Hanns-Josef Ortheil: Faustinas Küsse: Roman. Kindle Edition. 2013. Luchterhand Literaturverlag (Herunterladen bei Amazon.de)

Buch

 


Wenn Sie ein gutes Buch gelesen haben, das Sie weiterempfehlen möchten: Schreiben Sie uns eine kurze Kritik. Egal, ob es nur zwei Sätze sind oder es eine ausführliche Besprechung ist. Egal, ob das Buch eine aktuelle Neuerscheinung ist oder schon seit Jahren erhältlich ist. Einzige Bedingung: Das Buch sollte noch über den Buchhandel erhältlich sein.

ZurückSeitenanfangWeiter