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Abtauchen in neue Hörwelten
Wolfgang Tischer über akustische Hörexperimente und die Hörspielproduktion »20.000 Meilen unter den Meeren« von Jules Verne in 5.1 Mehrkanalton

Seit es Hörspiele gibt, wird nicht nur mit den dramaturgischen, sondern auch mit den technischen Möglichkeiten experimentiert. Stereo-Ton ist nichts Besonderes mehr. In den 70er-Jahren experimentierte man mit Kunstköpfen, und heute ist es die Dolby 5.1 Technik, die den Hörer mitten ins räumliche Hörgeschehen versetzen will. Mit Jules Vernes »20.000 Meilen unter den Meeren« erschien die erste aufwändige Hörspielproduktion in der neuen Technik als DVD zum Anhören.

Sennheiser Kunstkopf-Mikrofon MKE-2002
Räumlich hören dank Plastikkopf: Das Sennheiser Kunstkopf-Mikrofon MKE-2002 (Foto: Tischer)
Das Ding sieht aus wie ein Kopfhörer, nur der merkwürdige Kinnbügel fällt zunächst auf. Aber das Gerät erfüllt genau das Gegenteil, denn es ist ein Mikrofon, das die Firma Sennheiser in den 70er- und 80er-Jahren verkauft hat. Erhältlich war es auch zusammen mit einem Plastikkopf, sodass man es nicht am eigenen Kopf tragen musste. Genauer gesagt waren es zwei kleine Mikrofone, die jeweils genau vor dem Gehörgang platziert waren.
     Dass ein Mensch feststellen kann, ob ein Geräusch von links oder rechts, von vorn oder hinten, oben oder unten kommt, liegt daran, dass er zwei Ohren hat. Durch die unterschiedliche Laufzeit, die die Klangwellen benötigen, bis sie beide Ohren erreicht haben, und durch natürliche Filter wie z.B. die Ohrmuscheln, kann das Gehirn ziemlich genau bestimmen, von wo ein Geräusch ertönt. Die normale Stereotechnik reduziert leider diese räumliche Klangfülle auf einen rechten und linken Lautsprecher. Die Klänge werden also in der Regel nur auf einer Linie vor dem Hörer wiedergegeben und gehört. Setzt man sich einen Kopfhörer auf, so wandern plötzlich ganze Symphonieorchester oder Hörspiel-Szenen in den Kopf.
     Die Idee von Sennheiser - aber auch anderer so genannter Kunstkopf-Aufnahmetechniken in den 70er-Jahren - war einfach, aber im Ergebnis verblüffend: Nimmt man den Ton mit genau zwei kleinen Mikrofonen exakt an der Stelle auf, an der er in den Gehörgang gelangt, also im Innenbereich der Ohren, so besitzt die Aufnahme sämtliche räumlichen Informationen. Gibt man dann die Aufzeichnung exakt an dieser Stelle wieder, was mit einem guten Kopfhörer einfach und problemlos möglich ist, so eröffnen sich plötzlich ganz neue Hörwelten. Die Stimmen der Schauspieler sind nicht mehr im Kopf, sondern sie wandern um den Hörer herum, oben und unten ist auf einmal unterscheidbar. Jeder, der zum ersten Mal eine Kunstkopfproduktion hört, ist verblüfft und irritiert, was da scheinbar um ihn herum passiert. Der Nachteil ist klar: dreht man den Kopf beim Hören, so dreht sich die ganze akustische Welt mit. Und mit ganz normalen Lautsprechern wiedergegeben, wird die Produktion zur normalen Stereoversion, die zum Teil auch noch akustisch schlechter sein kann.
     Es gibt eine ganze Reihe mehr oder weniger experimenteller Hörspiele aus den 70er und 80er-Jahren, in denen man mit dem Kunstkopf-Verfahren experimentierte. Die wenigsten davon sind heute noch bekannt. Nur Produktionen, die auch inhaltlich überzeugten, sind noch erhältlich. Ein Klassiker aus dieser Zeit ist das gesellschaftskritische Science-Fiction-Hörspiel Centropolis aus dem Jahre 1975. Walter Adler führte hier Regie. »Wäre der Walkmann einige Jahre früher auf den Markt gekommen, hätte sich die Kunstkopftechnik längerfristig durchgesetzt«, meint der Pionier der Kunstkopf-Hörspiele Ulrich Gerhard. Allerdings darf dies durchaus bezweifelt werden, denn obwohl nur mit zwei Mikrofonen aufgenommen, erfordert das Kunstkopf-Hörspiel einen ungeheuer hohen Aufwand, da fast alle Situationen plötzlich räumlich echt gespielt und aufgenommen werden müssen. Bei einer normalen Stereoproduktion kann man ein Auto per Schieberegler von links nach rechts fahren lassen, und verschiedene Hallräume lassen sich digital erzeugen, aber das geht nur sehr schwer im notwendigen dreidimensionalen Raum, den die Kunstkopftechnik erfordert.
     Ebenfalls erfolglos blieb auch ein anderes Verfahren der räumlichen Wiedergabe: die Quadrophonie. Sie wurde bereits Anfang der 70er-Jahre entwickelt und benötigte vier getrennte Kanäle statt zwei wie bei der normalen Stereoaufnahme. Aber wer würde schon sein Wohnzimmer mit einem Lautsprecher in jeder Ecke ausstatten?

Ironischerweise war es nicht das akustische Medium Hörspiel, sondern das visuelle Medium Film und die DVD, die dreißig Jahre später erreichen sollten, dass tatsächlich immer mehr Menschen nicht nur 4, sondern ganze 6 Lautsprecher in ihrem Wohnzimmer platzieren. Drei davon befinden sich dabei vor dem Zuschauer oder Zuhörer und zwei hinter ihm. Dass es vorne drei Lautsprecher sind, dient dazu, die Mittenposition zu stärken,

Cover der Hör-DVD: 20.000 Meilen unter den Meeren
Unterwasserlandschaft mit 5.1 Mehrkanalton: 20.000 Meilen unter den Meeren
wenn man im Kino oder daheim nicht direkt vor Leinwand oder Bildschirm sitzen sollte. Zu diesen fünf Lautsprechern kommt noch ein sechster Tiefton- oder Effektlautsprecher. Er ist - logisch - für die tiefen Töne, also das Wummern von Explosionen oder Automotoren zuständig. Da der Mensch bei tiefen Tönen nicht in der Lage ist, sie räumlich zu orten, muss der Tieftöner nicht unbedingt zentral vor dem Zuschauer platziert sein. Aufgrund der sechs Lautsprecher wird dieses von der Firma Dolby entwickelte Verfahren 5.1 genannt. Ein DVD-Player mit entsprechendem Lautsprecher-Set ist heutzutage bereits für um die 100 Euro zu haben. Das mag zwar noch nicht für Klangfetischisten reichen, doch um den Raumeindruck wiederzugeben reicht es allemal.
     Allerdings machen Filme nur sehr eingeschränkt von den Möglichkeiten dieser 5 + 1 Tonkanäle Gebrauch. In der Natur der Sache liegend, kommen hier nun mal die meisten Klänge aus der Richtung, in der sich auch die Leinwand befindet, also von vorne. Einfliegende Hubschrauber, reitende Boten, die Querschläger einer Schießerei oder die Stimme des Monsters lassen ab und zu die rückwärtigen Lautsprecher zum Einsatz kommen.
     Es wird also Zeit, dass sich das Hörspiel diesen neuen Klangraum erobert, der fest um den Hörenden herum platziert ist. Ein Drehen des Kopfes, wie bei der Kunstkopfwiedergabe, lässt den Klangraum stabil, und obwohl die fünf Lautsprecher keine vollkommene Räumlichkeit in allen drei Dimensionen abbilden, sind sie doch nahe dran.
     Interessanterweise ist es wieder eine Regiearbeit des wohl bekanntesten und sicherlich auch eines der besten deutschen Hörspielregisseure, Walter Adler, die ein Hörspiel in 5.1 Mehrkanalton ins Wohnzimmer bringt. Und es ist die Umsetzung eines literarischen Stoffes, die Helmut Peschina vorgenommen hat: Jules Vernes Science-Fiction und Abenteuerroman »20.000 Meilen unter den Meeren«, der 1875 erstmals auf Deutsch erschien. Neben der insgesamt 140 Minuten langen Stereofassung für die Radioausstrahlung wurde zusätzlich eine über 170 Minuten lange 5.1-Fassung produziert. Beide Versionen sind auf einer DVD beim Hörverlag erschienen. Hörspiel-Liebhaber können sich aber nicht nur über die beiden Versionen freuen: ebenfalls auf der DVD enthalten sind ein Making-of-Video, wie man es schon lang von Filmproduktionen kennt, und ein Hör-Essay über Jules Verne. Sehr löblich und interessant ist es auch, dass das komplette Hörspielmanuskript und ein Produktionstagebuch mit auf der DVD zu finden sind. Ebenso sind 110 Illustrationen der französischen Erstausgabe als Bilddateien enthalten. Eine üppige Ausstattung also, die den Mehrpreis gegenüber der normalen CD-Version durchaus rechtfertigt.
     Darüber hinaus ist die Produktion u. a. mit Gottfried John und Ernst Jakobi hochkarätig besetzt. Ein Hörspiel, das ganz auf die Stimmen und die Kraft des literarischen Originaltextes vertraut und auch in der 5.1-Version keine Effekthascherei betreibt. Im Gegenteil: man taucht förmlich in diese Unterwasserwelt ab und ist mittendrin, ohne dass dies zur technischen Audio-Show verkommt. Raumsituationen sind gut abgebildet und die Klangwelten - auf Neudeutsch Soundscapes genannt - werten das Hörspiel zusätzlich auf. Im Vordergrund bleiben aber die Stimmen der hervorragenden Sprecher. Adler hat keine reine Abenteuergeschichte inszeniert, sondern setzt auch auf die weltanschauliche Dimension des Verne-Textes. Es ist die Geschichte eines Genies, das die Technik für einen persönlichen Rachefeldzug verwendet, anstatt sie zum Wohle der Menschheit einzusetzen. Dies Thema ist 100 Jahre nach dem Tode von Jules Vernes aktueller denn je.

Fazit: Für Hörspielfans mit DVD-Player und 5.1-Mehrkanaltonanlage ein Muss und ein überzeugendes Hörerlebnis. Eine Produktion, die die Mehrkanaltechnik genau richtig dosiert zum Einsatz bringt. Man darf sich auf weitere 5.1-Produktionen freuen. Demnächst wird die Hörspielfassung des Bestsellers »Artemis Fowl« als Hör-DVD bei Ullstein erscheinen.

Wolfgang Tischer

Jules Verne: 20.000 Meilen unter den Meeren. Hörspiel. DVD-Audio. 178/141 Minuten. Sprecher: Gottfried John, Ernst Jacobi u. a. Regie: Walter Adler. MDR/Radio Bremen 2003. ISBN 3-89940-286-3. Der Hörverlag. 29,95 EUR (unverbindlicher Richtpreis)


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