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Nach Aufräumarbeiten durchaus vorzüglich
Unser Kritiker Malte Bremer über den Roman »Die Reise nach Jerusalem« von Jan Ulrich Hasecke.

Im Kinderspiel »Reise nach Jerusalem« bleibt immer einer auf der Strecke. Damit hat der Roman trotz Titel nichts zu tun: niemand bleibt auf der Strecke, nicht einmal des Protagonisten Freundin Aline, denn der wird ein würdiges Denkmal gesetzt. Dass dieses Kinderspiel am Ende eine kurze Erwähnung findet, erklärt den Titel auch nicht: er legt eine falsche Fährte (oder ich habe sie nicht gefunden); überhaupt wird am Ende allerlei überflüssigerweise »aufgeklärt«: warum diese Reise überhaupt stattfindet; woran Aline gestorben ist (wo doch ihr Sterben und des Protagonisten Probleme damit so eindringlich geschildert werden); worin der Sight-Seeing-Wahn seine Ursache hat (den mitzumachen ein Leser landschaftsübergreifend gezwungen wird, wobei er sich durch kitschlastige Sprachmanierismen zu schlagen hat: »Wie unendliche Vergeblichkeit rauschte es über unseren Köpfen in Bändern blau und weiß hinweg.« (S. 38) – »Die Nacht mit ihren giftigen Sehnsüchten wartete noch vor den eisernen Toren.« (S. 41) – »rechts blökte der steinige Grund des kever dunkel herauf« (S. 65) - »Das Panorama aus Weite, Fels und Dunst schwankte zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Ausdörrendes Land oder aufkeimender Boden?« (S. 80) - »Wie Narretei eines wahnsinnigen Gottes lag Safed malerisch verwunschen vor mir.« (S. 93) und dergleichen mehr, zum Glück nur selten dicke Abschnitte voll). Erwartungsgemäß erzählt am Ende Herbergsvater Blumenthal von seinen Nazi-Erlebnissen, was er am Anfang selbstverständlich ablehnt: »Verzeihen Sie, daran werde ich nicht gerne erinnert.« (S. 26); dabei stört mich nur die triviale Begründung seines Sinneswandels: »Sie haben mir viel von sich erzählt. Es ist wohl fair, dass ich auch etwas von mir erzähle.« (S. 128) – da hätte ja jeder kommen können!
     Wer in einer »Wer wird Millionär«-Show gewinnen will, sei gehalten, all die nicht erläuterten Begriffe nachzuschlagen: Bohas & Jakim, Ner Tamid, Chasan, Zawlazaw, Gilgul, Ya'ar, Beygele... und ganz allein muss er aufklären, was der Unterschied ist zwischen einem symmetrischen siebenarmigen Leuchter und einer Menora. Ich gestehe: es macht mir überhaupt nichts aus, all das nicht zu wissen und auch nicht wissen zu wollen: es dient dem Roman überhaupt nicht.
     Ich schäme mich auch nicht, nur einen Bruchteil der eingestreuten und durch Kursivschrift gekennzeichneten (meist literarischen) Zitate wiedererkannt zu haben: lediglich Wieland & Hölderlin & Celan konnte ich dingfest machen; doch hätte ich Brechts und Arno Schmidts und Jelineks Verfahren vorgezogen, Zitate ohne Kennzeichnung zu verwenden: wer es weiß, kann sich freuen, wer es nicht weiß, muss sich nicht schämen – schließlich verwenden diese drei (und nicht nur die) Zitate als integralen Bestandteil, nicht zur Demonstration: warum nicht am Ende die Quellen offen legen? Vielleicht freut sich ja jemand dank eines Zitates an Wielands »Agathon« oder an Celans Liebesgedicht »Der Tauben weißeste flog auf«.
     Ärgerlich schließlich auch die Satz-Fehler: unvermittelte Zeilenumbrüche mitten im Satz, Einrückungen links manchmal, meistens nicht, aber immer da, wo sie nicht hingehören – nämlich nach einer Leerzeile, Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler (aber da ist das Buch in bester Gesellschaft: es ist beinahe schon tragisch, wie die Satz- und Schreibkultur selbst berühmter Verlage vor die Hunde kommt...).

But now for something completely different: denn mit einigem Aufwand ließe sich alles Bemängelte bereinigen, ohne Verluste bestimmt ein Fünftel des Textes tilgen – dazu gehörte auch die sudelbuchig-großartige Abrechnung mit gewissen Glaubensinhalten (S. 97ff): die will & will zu dem Übrigen so gar nicht passen! Was bliebe dann?
     Eine vorzügliche Erzählung! Wie der Protagonist vor Alines Tod flieht und überall von ihr & ihm und von der deutschen Vergangenheit eingeholt wird, wie das durch Rückblenden aufeinander bezogen und miteinander verwoben wird anlässlich bestimmter Ereignisse (wie z.B. Teetrinken, Beerdigung-Grab) oder Gegenstände (schartiges Holz-Dielen), wie die Ebenen sich vermischen, Aline & Isabelle & Rona eins werden, des Protagonisten Sicht und Denken sich klärt: das ist überaus einfühlsam, spannend, humorvoll – schlicht: gekonnt erzählt!

Ich wünsche mir und vor allem Jan Ulrich Hasecke eine zweite, überarbeitete und viel gelesene Auflage: er hat es verdient, gelesen zu werden!

Malte Bremer

Jan Ulrich Hasecke: Die Reise nach Jerusalem. Kindle Edition. 2013. Jan Ulrich Hasecke (Herunterladen bei Amazon.de)
Jan U Hasecke: Die Reise nach Jerusalem. Taschenbuch. 2000. Books on Demand. ISBN/EAN: 9783831103218. EUR 10,12 (Bestellen bei Amazon.de)

Weiterführende Links zum Thema:
Im Cafe: - Vom Internet ins Buchregal. Jan Ulrich Hasecke berichtet von seinem Buchprojekt.
Cover: »Die Reise nach Jerusalem«
Ende des Jahres 2000 veröffentlichte Jan Ulrich Hasecke seinen Roman bei Libri-BoD, nachdem er zuvor im Internet zu lesen war und jeder aufgefordert war, den Text zu kritisieren. Eine öffentliche Lektorierung sozusagen.
     Über die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte berichtete Hasecke auch im Literatur-Café.
     Nun hat sich Malte Bremer den Roman angesehen, und vielleicht ist das Ergebnis symptomatisch für die besten der bei BoD erschienenen Bücher: eine professionelle Lektorierung könnte durchaus noch mehr aus dem Werk machen.

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