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Na, hören Sie mal!
Zwei Hörbuchbesprechungen von Volker Wilde
Kopfhörer
Klaus Bednarz & Anton Cechov

Man fühlt sich wie ein Paläontologe, spricht man über Klaus Bednarz: Sind solche Menschen nicht längst ausgestorben, wenn es sie je wirklich einmal gab? Klaus Bednarz, geboren 1942 in Berlin,  verkörpert den wahrhaftigen Typus des Journalisten, der mit redlichem, verliebtem Blick die Welt anschaut.
     Als Leiter der Redaktion »Monitor« hat er es auf die Mächtigen und Starken abgesehen, da er weiß: Die machen ihre Mitmenschen allzu leicht ohnmächtig und allzu gerne schwach. Genau an dieser Stelle träufelt Bednarz' »Monitor« seine wohlrecherchierten Tröpfchen auf den heißen Stein.
     Oft schon versuchte die ARD ihren »Monitor« durch den schmalen Schlitz in den Altplastik-Container zu quetschen. Die Zuschauer stemmten sich mit Faxen, Anrufen und Briefen von innen dagegen. Es ist ein Wunder, dass das ausreichte, dass es diesen »Monitor« noch gibt, dass Klaus Bednarz, Volker Happe & Co noch da sind, um im Garten der politischen Ungerechtigkeiten herum zu spazieren und weiter böse Blumen zu pflücken.
     Wir kennen Klaus Bednarz auch als ARD-Sonderkorrespondenten in Russland; ein Job, der ihm Material liefert für seine ebenso redlichen wie tief gehenden Bücher »Fernes, nahes Land. Begegnungen in Ostpreußen« und »Ballade vom Baikalsee. Begegnungen mit Menschen und Landschaften«. Hier widmet er sich mit Hingabe den so genannten »kleinen Leuten«.
     Und trotz kommerziellem Erfolg gibt sich Bestseller-Autor Bednarz bescheiden: Bei Lesungen antwortet er berührend offen auf die Fragen seiner Zuhörer. Hier scheint der Journalist und Autor zum begeisterten Jungen zu werden. Ehrlich bis hinter beide Ohren.
     Und so klingt er auch, wenn er Anton Cechovs Erzählungen liest, »Die Dame mit dem Hündchen«, die den Hang der Menschen zum Doppelleben beschreibt und »Rothschilds Geige«, die verkrustete Menschen, zu denen wir alle auch gehören, samt Antisemitismus darstellt.
     Anton Cechov, 1860-1904, dessen Texte Reich-Ranicki für die Krone der Erzählkunst hält, der für Andrzej Szczypiorski »der größte Geist der ganzen Weltliteratur« ist, der, so liest man zwischen den Zeilen, hat eine Menge gemein mit unserem Klaus Bednarz: Die Redlichkeit und Wahrhaftigkeit, der Hang zum Aufdecken und Wahrheiten aussprechen.
     Gleichzeitig schwingt bei beiden im Angesicht der Boshaftigkeit der Menschen die Liebe für sie mit. Und so scheint eines klar: Klaus Bednarz & Anton Cechov, sie wären Freunde gewesen.
     Berührende Erzählungen grandios gelesen!


Anton Tschechow, Anton Cechov, Anton Chekhov, Klaus Bednarz: Die Dame mit dem Hündchen und andere Erzählungen. Audio CD. 1999. Hörbuch Hamburg. ISBN/EAN: 9783934120020. EUR 16,00

 

Literatur in lila

Vor genau 10 Jahren kam ich von einem ost-westfälischen Dörfchen nach Köln, um hier zu studieren. Ich dachte, Homosexualität sei ein Gerücht, ebenso wie die angeblich kannibalistische Neigung unseres Dorf-Metzgers. Bald schon erlebte ich, dass Homosexualität mehr ist als ein Gerücht: Schon im 3. Semester bestand beinahe mein kompletter Freundeskreis aus Homosexuellen – beinahe, wenn da nicht noch meine Freundin gewesen wäre.
     Im Café küssende Männer oder Frauen anzutreffen, das wird in Köln -Gottlob- als »et is escht normal« empfunden. Ein homosexuelles Thema ist die homosexuelle Literatur. Und mit einer Lesung erotischer Häppchen haben wir es hier zu tun. Und mit was für einer!
     Der Wiener Schauspieler Peter Gerhard (1908 bis 1994) las im olympischen Sommer 1972 in München eine Auswahl von Kurzgeschichten, in denen der Penis bis tief in den Mund gesaugt und die Zunge in den After geschoben wird. So deutlich geht es hier ab, dass man manchmal den Ohren nicht trauen will.
     Oscar Wilde mit seiner Erzählung »Teleny« beschreibt aufs Detail einen geilen Ritt bis zur Erschöpfung. Jaques Pierre mit »Süßer«, Casimir Dukahz mit »Knabenliebe«, Udo J. Erlenhardt mit »Bekenntnisse eines Homosexuellen« gehen da nicht weniger explizit zu Werke. Kein Pardon also für Hörer, die das Wort Selbstbefriedigung nicht laut aussprechen können.
     Dabei beginnt die CD ganz harmlos. Ein abgewandeltes »Vater unser« weist darauf hin, dass Gott uns doch alle gemacht hat: Heteros und Homos. Ab Track 2 folgt, wie erwähnt, keine Randgruppen-Heulerei, sondern ein steifer Angriff – ja wogegen eigentlich?
     Eigentlich, das wird mir eben klar, ist die CD nicht als Angriff gegen sich entrüstende Heteros gemeint, sondern ein lustvoller Springbrunnen voller Geilheit für Homosexuelle. Und wer dazwischen steht, der hat eben Glück gehabt.
     Denn Peter Gerhards kulinarisches Lesen, sein Wienerischer Singsang, sein schlüpfriges Auslutschen der turbulentesten Stellungen sind Stellungsnahme genug: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit - für den Vorleser und Entfacher homosexueller Lust.
     Wer schwul ist, wird diesen Rundflug über Männerdaunen appetitlich finden; wer, wie ich vor 10 Jahren, Homosexualität für ein Gerücht hält, auch der höre hier mal rein!
     Für manche rote Ohren, für andere pralle Lust.


Erlenhardt, Rechy, Wilde, Pyerre, David: Die andere Liebe - Literatur in lila: Vater unser, Knabenliebe, Berührungen, Die Sache, Süsser, Teleny, Auch wenn die Götter schweigen, u.a. Audio CD. 1999. Preiser, Otto. ISBN/EAN: 9783902028594. EUR 18,00

 


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