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Zwei Buchkritiken von Ralf Hanselle

Doron Rabinovici: Papirnik

Die zehn Erzählungen, die der junge österreichische Autor Doron Rabinovici in seiner ersten Eigenveröffentlichung Papirnik im Suhrkamp Verlag vorlegt, und die im Untertitel mit dem lapidar klingenden Wort Storys daherkommen, gehören sicherlich zu den herausragenden Publikationen jener Autorengeneration, die man - oftmals zu Unrecht - mit Begriffen wie postmodern oder Dekonstruktion etikettiert hat.
     In seinen Erzählungen spielt er bewusst mit den Perspektiven, destruiert sowohl inhaltlich als auch formal die leicht zu erweckenden Erwartungen der Leser, um sie, dem Diktum der neueren, überwiegend französischen Philosophen wie Derrida oder Foucault folgend, mit neuen Geschichten zu überschreiben.
     Das, was auf diese Weise in den meisten Erzählungen erhalten bleibt, ist die Paradoxie, die Absurdität der Schilderungen, sowie die brüchige Welt der Protagonisten. Bereits die erste Erzählung Papirnik und die, mit dieser einen Rahmen bildende, letzte Lola veranschaulichen exemplarisch, wie diese Generation sowohl Literatur, als auch Wirklichkeit versteht. Es ist die Liebesgeschichte zwischen der Autorin Lola Varga zu Papirnik - einer Figur, über die der Leser erst im laufe der folgenden Seiten erfährt, dass es sich bei ihr eigentlich um ein Buch handelt. Papirnik nun zerstört sich selbst in jenem Moment, in dem Lola behauptet, sie würde ihn verstehen, und geht ähnlich der Bibliothek von Alexandria in Flammen auf. Hierauf nun beschließt Lola dieses Buch neu zu schreiben, es aus ihrem Verständnis heraus erneut zu erschaffen, und zwar so, dass sie sich selbst mit in die Geschichten einwebt. Besser könnte man den Begriff der Dekonstruktion in der Literatur nicht fassen und wenn Rabinovici über Lola schreibt, dass sie an einem Puzzlespiel der Erinnerung arbeitet, so gilt dies wohl auch für sein eigenes Buch.

Doron Rabinovici: Papirnik: Stories (edition suhrkamp). Broschiert. 1994. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518118894. EUR 9,00 (Bestellen bei Amazon.de) 

Der Goldttrinker
Max Goldt: Die Radiotrinkerin

Max Goldt gehört zweifellos neben Eckhard Henscheid, Wigalf Droste oder Robert Gernhardt zu den letzten literarisch ernst zu nehmenden Satirikern dieses Landes, und dass alle oben Angeführten vielleicht zufälligerweise ihre Wurzeln im Satiremagazin Titanic haben, muss nicht unbedingt etwas über die Qualität dieses Blattes aussagen. Möglicherweise ist dieses eher Ausdruck des Stellenwertes oder des Niveaus dieses einstmals so blühenden Genres.
     Die Versuchung ist groß, in Allgemeinplätze zu verfallen, doch es muss nicht erst den Lehrmeister Kurt Tucholsky beschworen werden, um ein Urteil über Goldts 1991 erschienenem Sammelband »Die Radiotrinkerin« fällen zu können. Wenn dieses hier nun doch geschieht, dann nur, um anzumerken, dass es in dem berühmten Tucholsky-Aufsatz »Was darf die Satire?« einen Gedanken gibt, welcher nicht vollends zu Ende geführt worden ist. Wenn es dort heißt, dass, kaum dass jemand in Deutschland eine gute Satire geschrieben hat, die halbe Nation auf dem Sofa sitzt und übel nimmt, so scheint Tucholsky die für die von Trash und Badtaste geprägten 90er-Jahre gültige Umkehrung nicht in Betracht gezogen zu haben. Diese müsste lauten: Kaum dass einer in Deutschland eine schlechte Satire schreibt, sitzt die halbe Nation auf dem Sofa und feiert den Satiriker als Kultautor.
     Dieses Phänomen jedenfalls dürfte bei Max Goldt Anwendung finden, denn, das sei an dieser Stelle bereits erwähnt, »Die Radiotrinkerin« ist an den meisten Stellen nichts als eine Anthologie der Oberflächlichkeiten. Und da, wo Goldt sich vorgenommen zu haben scheint, die Phrasenhaftigkeit und Inhaltsleere der Kommunikation aufzuzeigen, gelingt es ihm selbst nicht, über die angeprangerten Phänomen hinauszukommen. Zwar hat er in einigen Stücken, wie etwa in der dem Buch den Namen gebenden Erzählung »Gespräch mit der Radiotrinkerin« aus dem Jahre 1987 interessante Ideen zum Ausgangspunkt gewählt, doch schafft er es in den wenigsten der dreiundvierzig Prosatexte und Gedichte, diese zum Leben zu erwecken.
     Und dennoch hat es Goldt spätestens mit diesen »ausgesuchten schönen Texten«, wie es im Untertitel heißt, geschafft, sich aus der einengenden Subkultur der Grenzgänger herauszuschreiben, um sich einen gewissen Kultstatus zu erarbeiten, und dass selbst konservative Zeitungen wie die F.A.Z. den 156 Seiten eine positive Rezension zukommen lassen, mag auf den ersten Blick verwundern, wäre da nicht Tucholsky, der bereits 1919 der deutschen Satire attestierte, dass sie sich nicht einmal dem Landesfeind gegenüber herausgetraut hat. Gut achtzig Jahre später scheint sie vollends verstockt und kommt selten noch über die bloße Darstellung der kritikwürdigen Phänomene hinaus.
     Nun mag man möglicherweise mit Recht einwenden, solcherlei Schreibe habe im postmodernen Kontext durchaus ihre Legitimation. Eines aber scheint sicher: blutreinigend oder kathatisch wirkt diese Satire nicht mehr, und dort, wo Goldt einmal wirklich beißen will, wird er lediglich ausfällig oder vulgär (z.B. in »Blödmann« oder »Was für ein Elternhaus?«).
     Unterm Strich bleibt, mit Ausnahme der Goldt-Klassiker »Monolog des morganatischen Maurers« oder »Die symbolische Nachbarin« von diesem Buch nichts, als die Sorge um die deutsche Satire, oder anders gesagt: »Die Radiotrinkerin« schafft es durch die stilistische und inhaltliche Einfältigkeit tatsächlich, dass man über die Gehaltlosigkeit der Schreib- und Kommunikationskultur nachzudenken beginnt. Sie ist somit ein Schuss durch die Brust ins Auge.

Max Goldt: Die Radiotrinkerin: Ausgesuchte schöne Texte. Taschenbuch. 2005. rororo. ISBN/EAN: 9783499236853. EUR 7,99 (Bestellen bei Amazon.de)
Max Goldt: Die Radiotrinkerin. CD. Und die legendäre letzte Zigarette. Broschiert. 1994. Contraer Musik. ISBN/EAN: 9783932219184. EUR 16,81 (Bestellen bei Amazon.de)

Ralf Hanselle


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