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»Dumme Fragen machen so vieles deutlich«

Zwei geträumte Briefe von Hermann Mensing an den bedeutenden Schriftsteller Genazino zeigen, dass es machmal besser ist, einem Buchautor nicht zu begegnen.

Münster, 07.04.2002

Lieber Herr Genazino,
Buchcover: Abschaffelals ein Freund mir vor zwanzig Jahren die »Abschaffel« Trilogie empfahl, kaufte ich sie, begann darin zu lesen und legte sie wenig später beiseite. Vor zwei Monaten nahm ich sie erneut aus dem Regal und war schon nach der ersten Seite begeistert. Seitdem habe ich »Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz«, »Fremde Kämpfe«, »Ein Regenschirm für diesen Tag«, »Das Licht brennt ein Loch in den Tag« und »Die Kassiererinnen« gelesen. Ein paar Mal stieß ich auf Begebenheiten, die ich nicht glauben kann. Zum Beispiel schreiben Sie, Sie hätten beobachtet, dass ein Habicht einem anderen Habicht im Flug eine Maus übergibt. An anderem Ort beschreiben Sie die Reise zu einer niederländischen Insel, zu der man drei Stunden unterwegs sei, auf der nur wenige Menschen lebten und es kein Hotel gäbe. Ich wüsste gern, wo diese Insel ist. Ich kenne die niederländischen Inseln. Zu keiner ist man viel länger als eine Stunde unterwegs. Und dass es auf einer kein Hotel gäbe, ist Unsinn. So etwas sollten Sie nicht schreiben. Im Übrigen aber war es tröstlich, Ihre Bücher zu lesen. Ich werde Sie weiter empfehlen.
Unterschrift Hermann Mensing


Münster 21.05.2003 - Ein Nachruf

Lieber Herr Genazino,
Buchcover: Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman.gestern lasen Sie in der Buchhandlung Poertgen in Münster aus »Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman«. Als ich Ihnen vor einem Jahr, begeistert von der Lektüre Ihrer Romane, einen Brief schrieb, ahnte ich nicht, wie schnell Begeisterung umschlagen kann. Wie die Verehrung, die ich Ihnen entgegenbrachte, schon nach den ersten von Ihnen gesprochenen Sätzen grundlos würde und in Wut endete.
     Die wundervolle Melancholie, die mich in Ihren Romanen sonst so tröstlich stimmt, veränderte sich auf eine für mich unerklärliche Art und Weise und ließ die Grundmerkwürdigkeiten des Lebens nicht mehr liebeswert scheinen, sondern ausgestellt und lächerlich gemacht.
     Sie nannten das im anschließenden Gespräch »ironische Melancholie«.
     Sie sagten, der Abstand zu der erzählten Zeit stimme »heiter«, ich konnte aber von Heiterkeit nichts entdecken.
     Ich glaube nicht, dass ich Ihren neuen Roman lesen könnte, wie alle anderen zuvor. Auch bin ich jetzt fast sicher, dass der Umschwung meiner Haltung zu ihrer Arbeit mit der Art ihres Vortrages zu tun hat. Der Hochmut, von dem Sie an einer Stelle des Romans den Ich-Erzähler berichten lassen, dieser Hochmut ist offenbar Ihr eigener, uneingestandener Hochmut.
     Ironie hätte ihn unterlaufen, aber nichts davon habe ich gestern gespürt.

Auf meine Frage (zu Ihrem Roman »Das Licht brennt ein Loch in den Tag«) wo denn besagte niederländische Insel sei, zu der man drei Stunden unterwegs wäre, so gut wie unbewohnt und ohne Hotel, antworteten Sie nach kurzem Stocken: Das sei aber eine Buchhalterfrage.
     Ich verneinte.
     Ich beharrte auf die Präzision in der Fiktion, ich beharrte darauf, dass, wenn einer einen Roman schreibt, er alle Freiheit habe, aber nicht die, eine niederländische Insel zu erfinden, die es nicht gibt, es sei denn, er schreibe Märchen.
     Zu diesem Zeitpunkt hatten sich längst andere in die Diskussion gemischt.
     Jemand rief, dass so etwas in der Literatur schon seit ....(Fremdwort) nicht mehr nötig wäre, eine blonde Dame hinter mir, die vor Beginn der Lesung zu ihrer ebenfalls blonden Freundin gesagt hatte »ist das denn sein erster Roman?« belehrte mich und meinte, wenn ich eine präzise Schilderung wolle, solle ich mir einen Reiseführer kaufen.
     Es ging hin und her, nur Sie, Herr Genazino, von dem ich gehofft hatte, Sie würden meine Frage mit einem »da haben Sie mich aber kalt erwischt«, erledigen, sagten nichts.
     C., meine Frau, heizte die allgemeine Stimmung noch an, in dem sie sich verwundert darüber zeigte, wie aus einem Schriftsteller, der sie beim Lesen so verzaubert habe, plötzlich ein kleiner, dicklicher Mann werden könne, der übers »Herumficken bei Betriebsfesten« (Kap.3 des neuen Romans) schreibe.
     Breites Gelächter. Verdutztes Schweigen Ihrerseits.
     Ich zischte meiner Frau ins Ohr, wie stolz ich auf sie sei, wie sehr ihr mutiger Satz ins Schwarze getroffen habe, hier und da hörte man zustimmendes Murmeln, vielleicht gab es sogar den ein oder anderen zustimmenden Blick, aber natürlich blieben wir eine Minderheit.
     Die Lesung war vorüber und wir verließen sie mit einem schalen Nachgeschmack. Der Hochgepriesene, der von uns Verehrte, der Preisgekrönte, hatte nicht eine unserer Erwartungen erfüllt.
     Nun könnte man sagen, dass das auch nicht zu seinen Aufgaben gehört. Es ist nicht zwingend, dass ein Schriftsteller gut lesen kann, für mich aber gehört das Eine zum Anderen.
     Ich weiß nicht, ob ich noch einmal Genazino lesen werde.
     Ich fürchte, immer diesen etwas dicklichen Mann vor mir zu sehen, in der Sprache (wenn auch mit Mühe verschleiert) Herrn Kohl ähnelnd, aus Mannheim der eine, aus Oggersheim der andere, was bekanntlich dicht beieinander liegt.
     Sie sehen, ich bin voller Vorurteile. Wer offene Hemden mit feinen schwarz-weißen Streifen trägt, kann mein Freund nicht sein.
     Schade, Herr Genazino.

Ihr Ex-Verehrer
Unterschrift Hermann Mensing

PS:
Meine Frau und ich werden jetzt häufiger zu Lesungen gehen und dumme Fragen stellen. Dumme Fragen machen so vieles deutlich. Zum Beispiel, wie wenig Menschen bereit sind, selbst zu denken.

PPS:
Ja. Es ist abgemacht. Ich werde Sie nie mehr empfehlen. Ich glaube nämlich, dass Sie sich entlarvt haben. Ich glaube, Sie sind dieser kleine unentschlossene Spießbürger, der sich von der Frisöse Margot das Geschlecht lutschen lässt (Wilhelm Genazino »Ein Regenschirm für diesen Tag« S.54ff.).
     Verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde das nicht unmoralisch, es interessiert mich nur überhaupt nicht mehr.
     »Ich bin verwickelt in die widerliche Arbeit oder in die Arbeit an der Widerlichkeit oder in die Widerlichkeit des Wirklichen, ich kann diese Momente im Augenblick nicht auseinander halten.« (ebd. S. 171)
     Neidlos erkenne ich die Wahrhaftigkeit dieses Textes, aber die Enttäuschung darüber, dass seine Größe nicht unbedingt auch ihren Urheber läutert, sitzt zu tief, als dass ich noch weiter mit Ihnen kommunizieren möchte.
 

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Friedbert Stühler: Buchners Schulbibliothek der Moderne / Wilhelm Genazino, Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman: Text & Kommentar. Broschiert. 2009. Buchner, C.C. ISBN/EAN: 9783766139832. EUR 7,70 (Bestellen bei Amazon.de)

Hermann Mensing

Der Verfasser der Briefe: Hermann Mensing ist für regelmäßige Besucher des Literatur-Cafés sicher kein Unbekannter. Er setzte sich u.a. hier der Feigheit der Internet-Spanner aus und machte 113 Sätze zu Geschichten.
www.hermann-mensing.de


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