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Drei Buchbesprechungen von Julia Büttner

Zur Spinne, zum Mann, zur Ratte:
Nika Bertram monstermäßig locker im »Kahuna Modus«

Ein wildes, fantastisches Buch, das sich durch konsequente Missachtung aller Genregrenzen jeder Einordnung entzieht - das ist Nika Bertrams Debütroman »Der Kahuna Modus«. Lustig anarchistisch wirft die 34-jährige Autorin dabei in ihren Hexenkessel, was sich so findet an literarischen und sonstigen Motiven: Ovids Metamorphosen und virtual reality, Computerspiele, Nick Cave, Kafka und so einiges, was man eher in einem Horrorschocker erwarten würde - auf wundersame Weise fügt sich dieser bunte Ringelreihen zu etwas völlig Neuem.
     Die lesbische Comiczeichnerin Nadine, von Zeit zu Zeit unglücklich liiert mit der Freundin ihres Bruders, sitzt in einer Zelle und soll ihr Leben aufschreiben. Dieses allerdings gerät aus den Fugen, seit Nadine selbst immer bizarrere Formen annimmt. Die notorisch lebensunfähige Zeichnerin beginnt erst unfreiwillig und für kurze Zeit, dann immer häufiger und zuletzt aus eigenem Willen, zu mutieren.
     Zur Spinne, zum Mann, zur Ratte und so weiter: Es ist kein Drogenrausch und keine Halluzination, hier finden noch echte Verwandlungen statt, ganz wie im Märchen.
     Allerdings sind Nadines Erlebnisse in den fremden Körpern (und Gehirnen!) ganz und gar nicht märchenhaft. Mit unglaublicher Fantasie und Begabung versetzt die Autorin ihre Figur und damit ihren Leser beispielsweise in die unterirdische Welt der Kanalisationsratten. Man spürt das Rattenfell kribbeln und den Überlebensgier flackern, so gruselig echt wirken Monster-Nadines fantastische Abenteuer.
     Doch so unterhaltend der Roman auf der Handlungsebene ist, es geht um mehr. Nadine, Prototyp einer völlig neuen Art, ist gerade wegen ihrer Einzigartigkeit umso stärker angewiesen auf den Schutz ihrer Umgebung. Hilflos ist sie einer Menschheit ausgeliefert, die auf das vermeintliche Monster mit Sensationsgier, Hass und Mordlust reagiert. Nicht auf die Tränendrüse drückend, nicht moralinsauer, sondern leise durch die Hintertür schleichen sich Betrachtungen über unsere Zeit ein, und das, was sie mit uns macht. Und siehe da: Im Anbetracht der Möglichkeiten, die Medizin, Computertechnologie und Biotechnik uns heute schon bieten, wirkt ein Mensch im wandelbaren Körper plötzlich gar nicht mal so deplatziert und abwegig. Nur: Sehr einsam.
     Nika Bertrams Roman sprengt nicht nur formale Grenzen. Für allzu bodenständige Naturen ist dieses Buch sicher nichts. Es braucht schon etwas Mut und Spaß am Gedankenspiel, um sich auf so viel Fabulierkunst, so viele Motive, Stile, Perspektiven und Philosophien einzulassen. Und doch bleibt das ganze durchgängig überschaubar, unterhaltsam und dabei tiefgründiger, als es anfangs den Anschein haben mag. Es scheint, als wolle uns die Autorin gar nicht zum Grübeln bringen. Lieber schickt sie uns noch in ein weiteres, diesmal virtuelles Abenteuer auf ihre selbst programmierte Web-Seite (www.kahunamodus.de). Und dann kommt es doch  wieder, dieses Gefühl: Da war doch ein wichtiger Gedanke! Nur: Man kriegt ihn nicht zu fassen.

Julia Büttner

Nika Bertram, Lillian Mousli: Der Kahuna Modus: Roman. Gebundene Ausgabe. 2001. Eichborn. ISBN/EAN: 9783821806976. EUR 19,90
  

Buch
Buch

Bekokstes Stakato
Bettina Gundermann: Lines.

Ein reicher Mann lädt einen Fremden auf sein Schloss ein. Einen Tag und eine Nacht koksen die beiden in einem Ausmaß, das sich nur in Romanen überleben lässt. Zwischendurch wird auch getrunken und »fette Joints« geraucht. Dabei erzählt  der Gastgeber die Geschichte von Pedro und Rebecca, zweier Heimkinder, die auf Umwegen zueinander finden. Folgende Personen überleben diese Liaison nicht: Pedros ebenso verhassten wie unglücklichen Adoptiveltern, sein bester Freund, dessen Mutter. Rebeccas Mutter stirbt schon zu Anfang der Geschichte auf dem Klo ihres Dealers. Das kurze Glück des jungen Paares findet ein jähes Ende, als Rebecca bei einem Autounfall stirbt.
     Bettina Gundermann schreibt im Stakkato Stil über die böse, triste Welt, über (nicht wirklich kompliziert) miteinander verflochtene Schicksale. Daher der doppeldeutige Titel: »Lines« ist nicht nur im Sinne von Kokslinien, sondern auch als Lebenslinien zu verstehen. Dabei werden die beiden Aspekte praktisch miteinander gleichgesetzt. In dieser düsteren Welt ist die »weiße Magie« nicht nur der einzige Lichtblick, sondern symbolisiert die lebenswerte Seite des Lebens an sich.
     Sehr merkwürdig wirkt dabei die Sprache des Buches. Die Dialoge und  inneren Monologe der Figuren stehen im krassen Kontrast zum düsteren Realismus der Handlung . (Wir haben es längst geahnt: Der Gastgeber erzählt natürlich seine eigene Geschichte.) Die Personen sprechen  vorzugsweise im epischen Präteritum und verdrehen dabei poetisch ihre Sätze: »Wie ein Kind bist Du« sagt Pedro zu Rebecca, oder auch »Immer werde ich Dich lieben.«
     Da gibt es dann unheilschwangere Passagen wie: »Aber als die Liebenden das Haus betraten, da ward es plötzlich Nacht. Die Sonne verschwand hinter den Wolken. Wie damals kam ein Sturm auf. So musste Mara alle Fenster schließen. Und sah durch ihren verweinten Blick ihren Sohn schimmern.« Ist das jetzt Ironie? Wohl kaum, denn einige Sätze später hat Pedro seine Adoptiveltern umgebracht.
     Immer wieder bricht Kitsch in die Düsternis ein, beispielsweise als Pedro und Rebecca sich endlich finden: »Heute komme ich mit.« »Ich lass dich auch nicht mehr gehen.« »Tanzt du heute Nacht mit mir?« »Nur deshalb bin ich in diesen Park gekommen.«
     An anderen Stellen wird versucht, genau diese schwülstige Schicksalsschwere zu ironisieren. Zum Beispiel als Georg, Pedros Adoptivvater, stirbt: »Georg: Ich hätte irgendetwas anders machen sollen. Irgendwas stimmte nicht mit meinem Leben. Wenn ich doch nur wüsste, was. Wenn ich doch wenigstens jetzt eine Erleuchtung hätte. Erleuchtung: Fick dich, du Sau. Mara: Endlich Ruhe.« Auf Dauer ist das genau so anstrengend zu lesen, wie die Stakkato Passagen, in denen vergeblich versucht wird, durch Sätze, die selten mehr als 3 Wörtern haben, Dynamik und Spannung zu erzielen. » Sie fahren. Nacht. Autobahn. Leer. Pedro am Steuer. Regen. Ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Rebecca singt. Scheibenwischer auf Hochtouren. Pedro schweigt. Ist konzentriert. Bekokst konzentriert.« So geht es seitenlang. Die Handlung spult sich ab, ohne Überraschungsmomente und ebenso ohne emotionale Beteiligung des Lesers.  Zwischendurch lässt sich die Autorin, durch den Mund des Gastgebers, auch immer wieder zu Lebensweisheiten hinreißen, wie:
     »Nur die Ängstlichen schlafen nachts. So wie auch die Ängstlichen keine Drogen nehmen. Aus Angst, sich selbst zu erkennen, hinter all dem, was der Tag aus ihnen macht.« Oder » Du weißt ja, wie das so ist mit dem Leben. Es wird dir oft dann genommen, wenn du es am meisten liebst.« Oder auch: » Frauen sind die Würze des Lebens. Und sie sind dein Untergang, wenn du das Leben nicht zu nehmen weißt.« Aha.

Julia Büttner

Bettina Gundermann: Lines. Gebundene Ausgabe. 2001. Frankfurter Verlagsanstalt. ISBN/EAN: 9783627000806. EUR 14,90
Bettina Gundermann: lines. Sondereinband. 1118. Frankfurter Verlagsanstalt, OPPbd., OU, original verpackt, minimale Gebrauchsspuren
  

Sich pervers gut benehmen.
Ariane Sommers »Benimmbibel«

Ariane Sommer hat ein Buch geschrieben. Jetzt kommt die gute Nachricht: Es ist einigermaßen amüsant. Überflüssig ist es leider trotzdem.
     Denn obwohl es hier um die großen Themen Geburt, Liebe und Tod, Ruhm und Ehre geht, handelt es sich nicht um einen Roman, nein ausgerechnet eine »Benimm Bibel« hat das Partygirl der Nation verfasst, einen Ratgeber für gutes Benehmen!
     Allzu streng geht es in selbigem denn auch nicht zu, schließlich handelt es sich ja (siehe Untertitel) um »Ultimatives für moderne Menschen«. Und für die gilt im Zweifelsfall: »Erlaubt ist, was gefällt.« Da drängt sich einem doch spontan eine Frage auf: Wozu dann noch ein solches Buch? Wenn darin schon Kapitel zu finden sind mit Überschriften wie: »Pervers? Aber gerne!«
     Aber so einfach ist es natürlich auch wieder nicht. »Wer nicht das Glück hatte, über eine Mutter zu verfügen, die einem ständig mit der Handtasche eins über den Rücken zog, wenn man sich nicht gerade hielt, dem wird es als Erwachsenem schwer fallen, nicht wie der Glöckner von Notre-Dame zu laufen.« weiß Frau Sommer. Och , danke, es geht schon...
     Auf keinen Fall fehlen dürfen natürlich: »Die weißen Socken. Grauenvoll bei Männern wie bei Frauen.« Wer das nicht weiß, guckt vermutlich auch in keine Benimmbibel.
     Viel Fantasie beweisen dafür die Namenskreationen, mit denen Frau Sommer die verschiedenen Typen schlechter Liebhaber betitelt. Da gibt es den Tackerer, die Reißzwecke, den Eigenanhängselfan oder, besonders schön, Rückelnlagen-Ralf.
     Einige gute Tipps hält das Buch dennoch bereit: »Sie könnten bei anderen in Erklärungsnotstand gerate, wenn bei Anruf Ihrer Geliebten kopulierende Schweinchen erscheinen...«
     Schließlich hat die Dame, die das Jenny-Elvers-Kunststück wiederholte (fürs Berühmtsein berühmt zu sein) noch ein Kapitel für sich selbst geschrieben. Es heißt »Der öffentliche Mensch« und besteht im Wesentlichen aus zwei Ratschlägen: 1. Ziehen Sie sich nicht so an wie die im Fernsehen und 2. Benehmen Sie sich nicht wie die im Fernsehen.
     Ist gebongt, Ariane! Machen wir nicht...

Julia Büttner

Ariane Sommer: Die Benimm-Bibel: Ultimatives für moderne Menschen. Taschenbuch. 2002. FISCHER Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783596156504. EUR 7,90
Ariane Sommer: Die Benimm-Bibel. Gebundene Ausgabe. 2001. Argon Sauerländer Audio. ISBN/EAN: 9783870245467. EUR 16,90
Ariane Sommer: Die Benimm-Bibel - Ultimatives für moderne Menschen. Sondereinband. 1121. Argon, Berlin 2001, 223 S., OPPbd., OU, fast wie neu

Buch

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