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Morden mit Goethe, Hesse und Poe?

Darf Goethes Werther künftig erst ab einem Alter von 21 Jahren gelesen werden? Und sollte Hermann Hesse aufgrund seiner Sympathie mit einem Amokläufer nachträglich der Nobelpreis aberkannt werden? Unser Redakteur Johannes Näumann über den Einfluss der Medien und den politischen Aktionismus nach dem Erfurter Amoklauf. Mit Anmerkungen von Wolfgang Tischer über Teeny-Tränen.

Jugendfreie Auslage in einem WaffengeschäftKurz bevor der junge Werther seinen Leiden durch einen gezielten Pistolenschuss ein Ende setzte, hatte sich sein Lesegeschmack deutlich verändert. Statt wie bislang einem humanistischen Schulmeister wohlgefällige antike Verse von Homer zu rezitieren, stürzte er sich nun in die Werke des schottischen Dichters James Macpherson (1736 - 1796): »Ossian hat in meinem Herzen den Homer verdrängt« (Werther am 12. Oktober). Ob ihm das gut bekam oder nicht, lässt sich natürlich im Nachhinein nicht mehr beurteilen, aber interessant ist natürlich Frage, ob Werther sich aufgrund der Lektüre schottischer Herzschmerzlyrik umbrachte - oder ob er sie las, weil es ihm schlecht ging. Goethe traf im übrigen den Zeitgeist: Glaubt man seinen Kritikern, muss eine ganze Generation liebeskranker Jünglinge »Die Leiden des jungen Werther« auf dem Nachttisch und den Finger am Abzug von Papas Offizierspistole gehabt haben.

Der Vorwurf des schlechten Einflusses der Medien - wie in diesem Fall das Print-Medium »Buch« - auf die kindliche bzw. jugendliche Psyche ist so alt wie die Medien selbst. Es ist noch gar nicht lange her, dass in der Bundesrepublik eine heftige Diskussion darüber geführt wurde, ob »Comic-Strips« aus Gründen des Jugendschutzes nicht generell verboten werden sollten. Erika Schmidt war eine Persona non grata. Später verlieh man ihr das Bundesverdienstkreuz und erhob das Comic offiziell zur Kunstform.

Nach den Ereignissen in Erfurt - einem wohlgeplanten Amoklauf - ist unter Politikern und Medien blinder Aktionismus ausgebrochen. Der Täter kann nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden, durch seinen Selbstmord hat er der Öffentlichkeit das Ziel aller Entrüstung genommen. Man sucht sich den Schuldigen nun woanders. Der Täter hatte sich wohl kaum für James Macpherson oder Werther interessiert, auch ein übermäßiger Comic-Konsum war ihm nicht nachzuweisen, ein neues Bedrohungsszenario für die jugendliche Psyche wird aufgebaut: das Internet.

Robert spielte schlimme Spiele. Robert hörte schlimme Musik, die er sich im Internet besorgte. Robert plante seine schlimme Tat am Computer und kündigte sie in einem Chat an. Alles über das Internet. Die Spiele sind schlimm, weil man Blut sieht und virtuelle Menschen erschießen kann; die Musik ist schlimm, weil sie laut und aggressiv ist. Die Schuldfrage ist also geklärt: Lasst uns die Spiele verbieten und Zugangsbeschränkungen gesetzlich verordnen.

Politiker und Medien heizen, auch wenn sie es weit von sich weisen, die Stimmung ordentlich auf. »Warum die Macher solcher Seiten nicht aus eigenem Antrieb auf solche Texte verzichten, bleibt ein Rätsel mit nur einer einzigen Lösung: Auch sie haben keine ausgeprägte Moral und versuchen diesen Mangel mit aufgesetztem Humor zu überdecken« schrieb etwa der Spiegel. Der Bundeskanzler bildet »Arbeitskreise« (»Wenn ich nicht mehr weiter weiß....«), sein Münchner Gegenspieler betreibt fleißig Medienschelte, pikanterweise ohne jede Selbstkritik (welche Partei hatte eigentlich den »Niedergang des deutschen Fernsehens« maßgeblich vorangetrieben?). Spätestens nachdem die Programmdirektoren zum Rapport ins Kanzleramt zitiert worden waren, ist nur noch eine Sau übrig, die nun beliebig durchs Dorf getrieben wird: Lasst uns die Spiele verbieten und Zugangsbeschränkungen gesetzlich verordnen. Dann ist Ruhe im Karton und wir müssen uns keine weiteren Gedanken mehr machen.

Spätestens hier wird es absurd. Taten wie Roberts Blutbad hat es leider immer gegeben und häufig waren die Täter von irgendwelchen Vorbildern beeinflusst. Doch wer wäre auf die Idee gekommen, nach einem Ritualmord, begangen im religiösen Wahn, etwa die Bibel zu verbieten - oder sie zumindest um ihre blutrünstigsten Stellen zu kürzen? Immerhin wird dort fleißig gemordet, gemetzelt und im Detail eine brutale Hinrichtungsmethode beschrieben. »Kreuziget ihn!«, schrie der aufgebrachte Pöbel. Warum ist die Verbreitung und Aufführung der Opern Richard Wagners nicht schon längst verboten, wo es doch erwiesen ist, dass sie den Massenmörder Adolf Hitler maßgeblich beflügelt hatten? Er sah in seiner Jugend in Linz eine Aufführung von »Rienzi - der letzte der Tribunen«, später leitete die Ouvertüre regelmäßig die Reichsparteitage ein, auf denen unter anderem auch die Rassengesetze verkündet wurden. Wie steht es um die Schriften von Marquis des Sade oder Edgar Allen Poe, die bis in die böseste Verästelung menschlicher Boshaftigkeit blicken?

Am 4. September 1913, lange bevor Film, Fernsehen oder Computerspiele als Einfluss in Betracht gezogen werden konnten, ermordet der Lehrer Ernst Wagner in Degerloch bei Stuttgart mit einem Totschläger und einem Messer seine Frau und seine vier Kinder. Dann fährt er mit Fahrrad und Bahn in seinen früheren Wohnort und tötet dort mit gezielten Pistolenschüssen acht Menschen und verletzt weitere elf. Wie seinen Tagebuchaufzeichnungen zu entnehmen ist, plante Wagner die Tat jahrelang im Voraus. Sechs Jahre später verarbeitet der Nobelpreisträger Hermann Hesse die Tat in seiner Novelle »Klein und Wagner«. Hesse denkt sich zusammen mit seiner bürgerlichen Hauptfigur Klein in die Psyche des Lehrers Wagner hinein und sympathisiert mit ihm. Hesse schreibt: »Ja, und über diesen Wagner hatte er einst, in langvergangener besserer Zeit, sehr zornig und empört gescholten und ihm die grausamsten Strafen gewünscht. Und dennoch hatte er später selber, ohne mehr an Wagner zu denken, denselben Gedanken gehabt und hatte mehrmals in einer Art Vision sich selber gesehen, wie er seine Frau und seine Kinder ums Leben brachte. Und war denn das nicht eigentlich sehr verständlich? War es nicht richtig? Konnte man nicht sehr leicht dahin kommen, daß die Verantwortung für das Dasein von Kindern einem unerträglich wurde, ebenso unerträglich wie das eigene Wesen und Dasein, das man nur als Irrtum, nur als Schuld und Qual empfand?« Im Laufe der Novelle mutiert der brave Bürger Klein zum Mörder Wagner, der sich am Schluss, kurz nachdem er seine Geliebte töten will, selbst umbringt. Auch eines der bekanntesten Werke Hesses, Der Steppenwolf, ist voll von Gewaltfantasien. Der Steppenwolf ist dennoch z.B. in Baden-Württemberg im Lektüreverzeichnis des gymnasialen Lehrplans für die Klassenstufen 11, 12 und 13 enthalten.

Jede Generation war »schlechten Einflüssen« ausgesetzt, vor denen sie die Erwachsenen zu beschützen suchten. Selbstmorde, Blutbäder, Attentate, öffentliche Hinrichtungen, Sadismus: alles hat es immer gegeben und wird wohl leider auch immer ein Thema sein. »Wir erwarten aber von Jugendlichen, dass sie die Grenze jederzeit ziehen können. Und Hunderte, Tausende, Millionen können es erstaunlicherweise auch - einer konnte es nicht« schrieb Michael Althen in der FAZ. Die Diskussion um Verbote läuft ins Leere und nützt nur den Wahlkämpfern in Berlin und München. »Ich bitte Dich - siehst Du, mit mir ist's aus, ich trag es nicht länger« schrieb Werther am 4. Dezember. Hier sollten wir ansetzen!

Johannes Näumann

08.05.2002

Teeny-Tränen kommen gut

Nachrichten brauchen Bilder. Und wiederkehrende Ereignisse schaffen ritualisierte Bilder. Der Zuschauer weiß dann zunächst auch ohne erklärenden Text, um was es in der Meldung geht. Die Ereignisse und Personen sind nahezu zeitlos und beliebig austauschbar: händeschüttelnde Politiker im Blitzlichtgewitter, Menschen, die beim Schlussverkauf ein Kaufhaus stürmen, Schlauchbote zwischen Häusern bei Hochwasser, sich stauende Autos auf Autobahnen zum Ferienbeginn.
     Und so ist auch ein Bildmotiv zum Synonym für den Amoklauf (bislang vorzugsweise an US-amerikanischen Schulen) geworden: weinende und sich umarmende Teenager vor dem Ort der Tat. Immer jung, weiblich und mit langen Haaren.
SPIEGEL und STERN Titelbild 19/2002     Es ist erstaunlich festzustellen, dass, mit dem ersten größeren Amoklauf an einer deutschen Schule, selbst Medien, bei denen man in der Bildsprache eine differenziertere Darstellung erwartet hätte, mit diesem ritualisierten Standardmotiv als Titelbild aufwarteten. Da war interessanterweise der SPIEGEL sofort mit diesem Motiv präsent, bei dem man es nicht als Ausrede gelten lassen kann, dass die Tat - zum Glück für den SPIEGEL - knapp vor Redaktionsschluss erfolgte. Selbst die taz, die sich mit ihren Bildern ansonsten sehr bewusst und deutlich vom Agenturmaterial herkömmlicher Zeitungen abwendet, zeigte am Tag danach die langhaarigen weinenden Mädels auf der Titelseite (Interessanterweise brachte die taz das Motiv der heranwachsenden weiblichen Jugendlichen knapp 14 Tage später erneut auf die erste Seite. Sie trauerten allerdings nicht um die Opfer von Erfurt, sondern es sind laut Bildunterschrift Anhänger des erschossenen niederländischen Rechtspopulisten Pim Fortuyn). Die titelbildliche Hochglanzleistung vollbrachte jedoch der Stern: zwei blonde Teenys in Nahaufnahme, mit echter, dicker kullernder Träne.

taz vom 08.05.2002
Erfurt oder Hilversum?
     Da wird öffentlich über die angebliche Perversität von Computerspielern diskutiert, die sich virtuell in Wettkämpfen niedermetzeln, doch wie pervers und menschenverachtend kann man dann einen Bildredakteur erscheinen lassen, der mit dem teleobjektivierten Leid anderer Auflage erzielen will, um beim Betrachter - tja, was eigentlich - zu wecken? Mitleid? Beschützerinstinkt? Wohlichen Schauer, dass es andere getroffen hat? Gar sexuelle Gefühle bei männlichen Käufern einem hilflosen, weinenden Mädchen gegenüber? Oder alles zusammen?
     Tränen und deren Ritualisierung sind in den modernen Medien allgegenwärtig. Die TV-Boulevardmagazine zeigen fast täglich das trauernde Ehepaar auf dem heimischen Sofa, dessen Nachwuchs ermordet wurde, bei einem Unfall ums Leben kam oder selbst - wie auch immer - den eigenen Exitus auslöste. Das Fernsehteam arrangiert die Situation meist so, dass ein Elternteil mit den Tränen ringend redet, während der andere stumm daneben sitzt. Ein Bild des oder der Verstorbenen auf dem Wohnzimmertisch symbolisiert das »Aus-der-Mitte-gerissen-Sein« und sorgt beim Anblick durch die Eltern hoffentlich nochmals für mediengerechte Tränen.
Die Teeny-Tränengalerie
Tränen auf BaliHier sammeln wir laufend Bilder von Teeny-Tränen. Haben auch Sie ein Motiv entdeckt, so schicken Sie es uns mit genauer Quellenangabe an teenytraenen@literaturcafe.de.
[Zu den Bildern]
     Natürlich weiß der Betrachter, dass da ein tatsächliches Unglück passiert ist, doch wirkt sich diese Situation nicht anders aus als die inszenierte Wirklichkeit in einer Fernsehserie oder im Film. Der Medienkünstler Piero Steinle zeigt dies sehr anschaulich in seiner Video-Installation »Land der Tränen«, für die er auf die Suche nach echten Tränen in Fernsehbeiträgen gegangen ist. Reinhard Spieler schreibt darüber: »Tränen, die letztendlich von den gespielten dann nicht mehr zu unterscheiden sind, wenn sie einmal in den Mediensog der Öffentlichkeit geraten sind. Sobald Tränen, und das gilt ganz allgemein für Gefühle, öffentlich werden, sind sie nur noch Projektionsflächen, die sich vom Theater nicht mehr unterscheiden, da der öffentliche Betrachter keinerlei persönliche Beziehung zu Person und Vorgang hat und daher das Ganze auch wie ein Theaterstück auffasst.«
     Die Programmhefte dazu liegen an Ihrem Zeitungskiosk aus.

Wolfgang Tischer

08.05.2002

Lesen Sie zu diesem Thema auch die folgenden Beiträge:

»Für heute reicht's, Herr Heise« - Verläuft bei der Terrorbekämpfung eine zweite Front quer durch bundesdeutsche Kinderzimmer?
Wenn die Schüler hassen, und die Lehrer schmunzeln. - Ein Essay von Anant Kumar.

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