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Hitler im Internet

Plötzlich haben es alle gemerkt: »Mein Kampf« wird auch über das Netz verbreitet

Dass nicht nur Kinderpornographen im Internet ihr Unwesen treiben, sondern auch alte und neue Nazis, ist als Erkenntnis weder neu noch besonders spektakulär. So lange der Zugang zu diesem Medium öffentlich und frei ist, wird als logische Folge natürlich auch jeder öffentliche - und private - Blödsinn im Netz zu finden sein. Das Internet ist nicht besser oder schlechter als die Gesellschaft, die es bedient.

Adolf Hitler: Mein Kampf - Kommentierte AusgabeNun wurde vor kurzem bekannt, dass es über das Internet auch möglich ist, Hitlers »Mein Kampf« zu beziehen, sei es als Dokument zum herunterladen oder gebunden in englischer Übersetzung bei den großen amerikanischen Versandbuchhandlungen. Mahnend wird daher wieder laut darüber nachgedacht, welche Instrumente so etwas zukünftig verhindern könnten. Ließe sich per elektronischer Zensur erreichen, dass »Mein Kampf« nicht mehr auf deutschen Bildschirmen erscheint?
     Abgesehen von der Tatsache, dass so etwas technisch wohl kaum realisierbar wäre, ist dies aber genau der falsche Weg.
     In der Tat ist »Mein Kampf« (Auflage 11 Millionen) ein schlechtes Buch. Sprachlich eine Katastrophe und inhaltlich pervers und niederträchtig. Wie viele es nun wirklich gelesen haben, ist bis heute unklar. Ihre weite Verbreitung verdankt die nationalsozialistische Ersatzbibel überwiegend ihrer Funktion als staatliches Hochzeitsgeschenk junggermanischer Ehepaare. Hätten es wirklich alle gelesen, so mutmaßen einige, wäre Europa vermutlich einiges Leid erspart geblieben. Die Allierten verboten »Mein Kampf«, seitdem ist es in Deutschland nur noch unter dem Tresen schmieriger Militariahändler oder aus den Giftschränken historischer Seminare zu haben.
     Man könnte das Problem »Mein Kampf« sehr einfach lösen: In dem man dieses Verbot aufhebt und das Buch durch eine kritische Veröffentlichung entmystifiziert. Wer sich mit Nazipropaganda zudröhnen will, kann dies schon lange völlig legal: Goebbels Tagebücher mögen stilistisch etwas anspruchsvoller sein (jedenfalls teilweise), ihr Gehalt an perversen Ideologemen unterscheidet sich nicht von Hitlers »Werk«. Dennoch war ihre Veröffentlichung wichtig. Sie entlarven nämlich »den Doktor« und Intellektuellen Goebbels als frustrierten und verklemmten Spießer, der an notorischem Verfolgungs- und Größenwahn litt. Deshalb sollte auch das Buch seines »Führers« in Deutschland gedruckt werden: mit einem verantwortungsvollen Begleittext und Anmerkungen versehen. So kann ihm der Reiz des Verbotenen genommen werden und einem breiteren Publikum anschaulich demonstriert werden, an welch primitive Instinkte Hitlers Ideologiegebräu appellierte.
     Dies ist aber Aufgabe unserer Gesellschaft, von der das Internet nur der Spiegel ist.

Alexander Wolff
23.08.1999


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