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»Das Fernsehen ist zu doof für Literatur«

Ein Interview aus dem Jahre 2002 mit der Autorin Elke Heidenreich über die Ideale der Jugend, die Leidenschaft im Alter, das Schreiben und die Literatur im Fernsehen

Bei allem, was sie tut, ist Elke Heidenreich immer mit Leib und Seele dabei: als Moderatorin, Drehbuchautorin, Rezensentin, Kolumnistin, Vorleserin. Doch ihre Liebe galt immer der Literatur. So erschien im Jahr 2001 ihr Buch »Der Welt den Rücken«, eine von subtilem Witz geprägte Sammlung melancholischer und zugleich herzerfrischender Kurzgeschichten. Das Interview führte unsere Redakteurin Eileen Stiller.

Bücher von Elke HeidenreichLiteratur-Café: Frau Heidenreich, Ihre Protagonisten sind meist um die 40 oder 50 Jahre alt und Zeugen der schon sprichwörtlich gewordenen 68er-Ideale. In Ihrem aktuellen Werk »Der Welt den Rücken« haben diese Menschen ihre Rebellion zwar kurzzeitig verloren, doch im hohen Alter wieder entdeckt…

Heidenreich: Das ist ja ulkig, dass Sie das so beobachtet haben. Also, ich glaube, dass ich so ein Rebellentum gar nicht hatte. Wie mir heute bewusst ist, war es einfach eine Zeit, in der sich viel verändert hat. Wir haben zum ersten Mal aufgemotzt gegen Autoritäten, gegen die Erwachsenen, haben uns politisch interessiert. Zwar immer noch nicht für Deutschland und seine Vergangenheit, aber für den Krieg in Vietnam zum Beispiel. Das wirkt bis heute nach, hat uns fürs ganze Leben geprägt.

Literatur-Café: Im Gegensatz dazu scheinen die nachfolgenden Generationen ziemlich prüde und brav, oder?

Heidenreich: Ja, das ist aber immer so. Nach den wilden Zwanzigern kamen die Nazis, und nach den wilden 68ern… Ich weiß noch, wie meine Generation ihre Kinder großgezogen hat. Da haben die Kinder die Eltern mit Vornamen angeredet, der Vater hatte lange Haare und daheim sein Hasch geraucht. Die Kinder haben damals gesagt : »Wir wollen aber nicht Otto sagen, sondern Papa, und schneid Dir doch mal die Haare.« Wahrscheinlich kippt das alles immer mal zurück, von diesem Extrem wieder ins andere Extrem. Was ich heute bedauere ist, dass viele Jugendliche wirklich nur noch auf Konsum und Äußerlichkeiten aus sind, sich politisch überhaupt nicht mehr interessieren, gar keine richtige Sprache mehr haben, nicht mehr lesen. Das bekümmert mich. Ich will das nicht verallgemeinern, aber es begegnet mir oft.

Literatur-Café: Die Loveparade ist dafür wahrscheinlich das passendste Beispiel…

Heidenreich: Ja, das ist furchtbar. Ich kenne keinen 68er, der die Loveparade auch nur ertragen kann. Das ist was ganz anderes als das, was damals in Woodstock war.
     Aber das ist ja auch normal, die Dinge entwickeln sich weiter. Zwar nicht immer zum Besten, aber das haben unsere Eltern damals auch schon gesagt, als wir mit den Rolling Stones ankamen. Wahrscheinlich ist das das Zeichen dafür, dass man alt ist.

Literatur-Café: Aber ich denke ja mal, dass Sie damit kein Problem haben…

Heidenreich: Nein, das ist ja was ganz demokratisches und gehört zum Leben dazu. Ich habe gerade die letzten beiden Abende mit zwei wunderschönen Frauen verbracht. Montag mit meiner Freundin Senta Berger, und gestern war ich den ganzen Abend mit Isabella Rosselini zusammen. Die sind beide so wunderschön, dabei ist Senta auch schon 60 und Isabella 50. Wir werden also alle älter, wir kriegen alle kleine Falten, und die haben wir uns auch redlich erworben.

Literatur-Café: Ihre Figuren zeichnen Sie auch im reifen Alter sehr erotisch. Das wirkt sicherlich auf manche befremdlich, ist doch Sexualität in diesem Alter ein gesellschaftliches Tabuthema.

Heidenreich: Ich habe mir als Kind auch nicht vorstellen können, dass meine Eltern miteinander schlafen. Aber sie haben natürlich, sonst gebe es mich ja gar nicht. Ich weiß, dass ich damals, als ich über meine Eltern nachdachte, darüber entsetzt war und dachte »Na, das werden die doch nicht machen.« Na klar haben die 's gemacht! (lacht)
     In langen Beziehungen, wenn man älter ist, verschwindet manchmal die Leidenschaft, darum wirken manche Ehen so langweilig. Das heißt aber nicht, dass die Leidenschaft nicht an anderen Orten durchaus wieder aufflammen kann, was sie bis ins hohe Alter auch tut. Die Altersheime sprechen davon eine beredte Sprache. Da finden Eifersuchtsdramen statt, verlieben sich 80-Jährige ineinander und heiraten noch. Ich glaube, das lässt ein ganzes Leben lang nicht nach, nur definieren wir im Laufe unseres Lebens Erotik und Sexualität anders.

Literatur-Café: Wie waren die Reaktionen besagter Nachfolgegeneration auf Ihre Geschichten?

Heidenreich: Viele sagen, das sie sich gerade im Verhältnis zur Mutter wieder finden. Mütter und Töchter sind heute noch genauso kompliziert wie vor 100 Jahren, ebenso das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen. Darüber haben viele geschrieben - Christa Wolf, Gabriele Wohmann - das kommt immer wieder in der Literatur vor. Manchmal kann man das erst mit dem Abstand des Alters niederschreiben. Wenn man jung ist, schreibt man in sein Tagebuch, und wenn man älter ist, werden Geschichten daraus. Ich glaube, dass sich Jüngere auch darin wieder finden. Zu den Lesungen kommen jedenfalls auch Jüngere.

Literatur-Café: Dann beleuchten wir jetzt mal die private Seite der Elke Heidenreich. Mir ist bewusst, wie ungehalten Sie inzwischen bei Else Stratmann reagieren…

Heidenreich: Gar nicht, also das ist ein Gerücht! Der Taxifahrer hat mich auch gerade danach gefragt. Else Stratmann war ein großer Teil in meinem Leben, die hab ich lange gemacht. Ich habe einfach nur aufgehört, damit man mich nicht als Kabarettistin abstempelt. Irgendwann wollte ich mal was anderes machen und hab gesagt, jetzt ist Schluss mit Else Stratmann, genauso, wie ich das nach 17 Jahren bei der Brigitte-Kolumne getan habe. Es war schön, es hat Spaß gemacht, aber es ist vorbei.

Literatur-Café: Und können Sie die heutige Elke Heidenreich in wenigen Sätzen skizzieren?

Heidenreich: Ach, das ist schwer. Man selber beobachtet sich ja nicht dauernd, das weiß man immer erst ein paar Jahre später. Ich bin gelassener geworden, auch in vielem trauriger über den ganzen Zustand der Welt. Über die Dummheit, die Kriege, die Dummheit der Politiker, über die ganze Korruption, die Art, wie mit Tieren und der Natur umgegangen wird. Das erlebe ich zunehmend schmerzlicher. Ich bin froh, dass ich die Kurve geschafft habe aus dem Fernsehen und den Talkshows weg zum Schreiben. Das macht mich sehr viel glücklicher, gibt mir Halt und Kraft. Mich jetzt im Fernsehen mit Politikern rumzuzanken, wie ich das damals in der Alten Oper in Frankfurt gemacht habe, das könnte ich nicht mehr. Ich würde ihnen eine knallen und gehen.

Literatur-Café: Das Schreiben schenkt Ihnen demnach am meisten Erfüllung.

Heidenreich: Das hat sich so entwickelt. Als ich aufhörte zu studieren, hat mich das Radio unheimlich gekitzelt, und als ich damit anfing, war ich sehr glücklich. Als sich das dann aufs Fernsehen erweiterte, war das wieder Neuland. Das sind immer kleine Schritte, mit denen man sich weiterentwickelt. Ich habe dann aber irgendwann gespürt, dass dieses Öffentliche nicht mein Ding ist und heimlich angefangen zu schreiben. Dass ich mit dem Fernsehen aufhören musste, wenn ich jetzt mit dem Schreiben anfangen will, war ganz klar. Sonst hätten man mich womöglich nicht ernst genommen und es hieße nur: »Ach, die Fernsehtante schreibt Bücher.« Ich wollte das getrennt haben, habe nur noch geschrieben, und das ja Gott sei Dank mit Erfolg.
     Insofern bin ich jetzt am glücklichsten, weil die Entwicklung ein Schrittchen weiter ging und nicht ein Schrittchen zurück.

Literatur-Café: Wobei Sie letztes Jahr angeregt haben, im Fernsehen eine neue Literatursendung zu machen, und das nicht wie gewohnt in den späten Abend hinein verschoben, sondern zur besten Sendezeit.

Heidenreich: Ich glaube, dass wir da gar keine Chancen haben, da das Fernsehen zu doof dafür ist. Die haben nicht begriffen, dass viele Leute so etwas sehen würden. Aber zugegeben, im Moment ist die Schmerzgrenze hoch, denn seit Reich-Ranicki weg ist und überhaupt nichts mehr mit Literatur passiert, werde ich von allen Seiten gefragt. Ich zögere noch, denn ich bin sehr glücklich ohne Fernsehen, und was ich da angeboten bekomme, ist nicht das, was ich gerne machen möchte. Wenn ich einen erwische, der mich die Sendung so machen lässt, wie ich sie mir vorstelle, dann würde ich’s tun. Aber der war bisher noch nicht da.

Literatur-Café: Sie haben schon wieder Berge von Notizheftchen für neue Geschichten voll geschrieben. Was haben Sie denn zuletzt notiert?

Heidenreich: Zuletzt einen Satz, den ich gestern im Fernsehen gehört habe. Ich habe zufällig einen Börsenbericht geguckt und hatte die Fernbedienung nicht in der Hand- Börsen interessieren mich nicht und ich wollte umschalten, hatte aber die Katze auf dem Bauch liegen. Dann dachte ich, dass ich vielleicht noch was lernen könnte. Der Börsenmann hat gegrinst und gesagt: »Das wissen wir doch. Das Geld wird nicht verdient mit dem Graben nach Gold, sondern mit dem Verkaufen der Schaufeln.« Das fand ich eine klasse Bemerkung, und wer weiß, vielleicht kann ich die mal irgendwo brauchen.
     Vorher habe ich eine Urlaubsreise gemacht, da schreibe ich Eindrücke auf, wo ich bin, was ich sehe. Einfach für mich zur Erinnerung, so wie man früher Tagebuch geschrieben hat. Manchmal auch einfach nur Zitate oder Sachen aus Büchern, um sie nicht zu vergessen. Das hilft mir, mich zu erinnern und mich zu ordnen.

Literatur-Café: Wir haben in einem letzten Interview Ulla Hahn nach ihrem Lieblingswort gefragt, uns sie sagte ohne große Überlegung »Liebe«. Haben auch Sie ein Lieblingswort?

Heidenreich: Lieblingswort? Nein, habe ich keines. »Liebe« ist mir zu platt und zu konstruiert, das wäre sicher nicht mein Lieblingswort, das müsste schon ein witzigeres sein. Ich entdecke immer mal wieder schöne Wörter, und ich liebe sie alle. Ich liebe einfach Bücher und Geschichten, ich mag nicht nur einzelne Wörter, sondern schöne Sätze.

Literatur-Café: Marcel Reich-Ranicki hat Goethes »Faust« als das Buch bezeichnet, was ihn sein Leben lang begleitet und geprägt habe. Haben auch Sie ein solches Buch?

Heidenreich: Das finde ich auch so platt. Der »Faust« begleitet uns alle, weil er mit uns zu tun hat, mit dem ewigen Eifern und Streben und weil er fantastisch geschrieben ist. Das ist Standard, etwas wie Atmen und Essen und Trinken. Man müsste doch etwas nennen, was mit dem eigenen Leben zu tun hat. Meines ist »Das Herz ist ein einsamer Jäger« von Carson McCullers, das lese ich alle zehn Jahre wieder, und es ändert sich, so wie ich mich ändere. Die Hauptperson ist immer eine andere. Heute weiß ich, wer wirklich die Hauptperson ist.

Literatur-Café: Im Anschluss an dieses Interview haben Sie noch eine Lesung vor Publikum. Lesen Sie eigentlich gerne?

Heidenreich: Sehr gerne. Zwar nicht zu oft und nicht andauernd, aber es ist immer wieder anders, neu und überraschend. Für mich ist das mein Kontakt zum Publikum, um zu sehen, wie die Geschichten ankommen, ob der Rhythmus und die Erzählhaltung stimmen.

Literatur-Café: Gibt es irgendein prägendes, witziges, peinliches Erlebnis, an das sie sich zurück erinnern?

Heidenreich: Nein, das ist immer ganz normal. Eine Lesung ist immer eine große Konzentration, eine große Anstrengung, hinterher ist man ganz ausgelaugt. Dann kommt immer noch das Signieren, dabei passiert dann mal, dass einer einen nett oder dumm anredet. Einmal habe ich meine Brille vergessen, da wurden mir aus dem Publikum lauter Brillen angereicht, bis schließlich eine dabei war, die mir passte, weil ich meine Stärke nicht wusste. Aber dann konnte ich in Ruhe anfangen zu lesen.

Literatur-Café: Frau Heidenreich, wir bedanken uns für das Gespräch.

29.04.2002

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