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Hörtipp: Dshan von Lothar Trolle und Walter Adler

Gloria Endres de Oliveira spricht Aidym im Hörspiel »Dshan« von Lothar Trolle nach Motiven des Romans von Andrej Platonow, Regie: Walter Adler (Quelle: SWR/Monika Meier) [1]

Gloria Endres de Oliveira spricht Aidym im Hörspiel »Dshan« von Lothar Trolle nach Motiven des Romans von Andrej Platonow, Regie: Walter Adler (Bild: SWR/Monika Meier)

Am Sonntag, 20. September 2015 um 18:20 Uhr sendete SWR2 das Hörspiel »Dshan« nach Motiven der gleichnamigen Novelle von Andrej Platonow. Zudem steht »Dshan« in der Mediathek zum Download bereit.

Der Autor und Dramatiker Lothar Trolle und der Hörspielregisseur Walter Adler zeigen, wie sich aktuelle und literarische Hörspielkunst anhören kann.

Nach einem kurzen musikalischen Intro (Komposition: Pierre Oser) beginnt das Hörspiel mit einer brüchigen Märchenonkel-Stimme. Der das Hörspiel dominierende Erzähler berichtet von einem jungen Mann, der offenbar in die Region seiner Kindheit zurückkehrt, der Ustjurt-Steppe. Wir befinden uns noch im Reich der Russischen Sowjetrepublik.

Doch schon nach wenigen Sekunden merkt man, dass hier einiges nicht stimmt: Aus der Aufnahme wurden sämtliche Atmer herausgeschnitten. Der Text wird zu einem Redefluss ohne Pausen. Hinzu kommt, dass Passagen aus unterschiedlich gesprochenen Takes zusammengeschnitten wurden, sodass es beständig zu Brüchen im Sprachduktus kommt. Was normalerweise ein grober Schnittfehler ist, wird hier als künstlerisches Mittel eingesetzt. Ohne es vielleicht beabsichtigt zu haben, wirkt diese Art der hörbaren Schnitt- und Sprachbearbeitung sehr zeitgemäß, weil sie von vielen YouTubern eingesetzt wird. Es entsteht ein gut 70-minütiges atemloses Hörstück mit hochkarätigen Sprechern, zu denen neben Hans-Michael Rehberg als Erzähler u. a. Florian Lukas, Matthias Habich, Gloria Endres de Oliveira und Angela Winkler gehören.

Gloria Endres de Oliveira und Florian Lukas während der Aufnahmen zum Hörspiel »Dshan« von Lothar Trolle nach Motiven des Romans von Andrej Platonow, Regie: Walter Adler (Quelle: SWR/Monika Meier) [2]

Gloria Endres de Oliveira und Florian Lukas während der Aufnahmen zum Hörspiel »Dshan« von Lothar Trolle nach Motiven des Romans von Andrej Platonow, Regie: Walter Adler (Bild: SWR/Monika Meier)

Doch nicht nur der Sprachduktus bleibt angespannt. Beständig wechseln Orte, Zeiten und Perspektiven. Wer nicht konzentriert zuhört, kann nicht immer folgen und findet sich in Situationen wieder, von denen nicht ganz klar ist, wie die Geschichte dorthin geführt hat.

Der 1944 geborene und in der DDR aufgewachsene Autor und Dramatiker Lothar Trolle [4] schrieb das Hörspiel-Manuskript auf Basis der 1935 entstandenen Novelle »Dshan« des Schriftstellers Andrej Platonow (1899-1951). Dessen sowjetkritische Werke erschienen meist erst zur Zeit der Perestroika und danach. 1980 erschien Dshan im Suhrkamp Verlag in deutscher Übersetzung von Alfred Frank.

»Text, Sprache, Literatur pur.«

»Trolles Texte bieten erst einmal keinerlei situative Angebote, keine Rollen, keine Orte an. Sie sind Text, Sprache, Literatur pur«, sagt Walter Adler [5]. Adler (Jahrgang 1947) ist ohne Frage der bedeutendste und wichtigste Hörspielregisseur der Gegenwart. Egal ob Kunstkopfstereofonie oder Surround-Klang [6], immer wieder setzt Adler auch die technischen Aufnahmemöglichkeiten künstlerisch ein. Seine Hörspiele sind nicht selten größere Projekte und Mehrteiler. Er vertonte mit über 200 Sprechern die Tagebuchsammlung von Walter Kempowski zum Kriegsende 1945 genauso wie Ted Williams »Otherland« mit über 250 Sprechern. Auch Stieg Larssons Millennium-Trilogie bearbeitete Adler für einen Hörmehrteiler.

Dem gegenüber ist das 13-köpfige Sprecher-Ensemble für Dshan fast schon klein. Hinzu kommt der Gesang von Silvia Mödden.

Welch unglaubliche Arbeit in dieser Produktion steckt (Ton und Technik: Daniel Senger und Sonja Röder) erahnt man, wenn man einen Blick auf das Manuskript wirft. Der Autor Lothar Trolle hat es dem literaturcafe.de freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Es sind 31 dicht befüllte Schreibmaschinenseiten, ohne Absätze und nahezu ausschließlich in Großbuchstaben verfasst. Es gibt zahlreiche Einschübe in Klammern – und Einschübe in den Einschüben. Ein gewaltiger Textblock, aus dem Adler seine beeindruckende Hörfassung gemeißelt hat, die durch die Schnitttechnik nichts an seiner monumentalen Form verloren hat und die auf diese Weise hörbar bleibt.

Ausschnitt aus dem Hörspielmanuskript »Dshan« von Lothar Trolle, das uns der Autor zur Einsicht freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. [7]

Ausschnitt aus dem Hörspielmanuskript »Dshan« von Lothar Trolle, das uns der Autor zur Einsicht freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Online in der Mediathek des SWR anzuhören

»Dshan« ist alles andere als leichte Hörspielkost und verlangt beim Hören volle Konzentration – eigentlich sogar ein Mehrfach-Hören. Wie gut, dass das Hörspiel bis zum 27. September 2015 komplett in der Mediathek des SWR abrufbar ist.

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