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Beitrag vom 7. September 2015 | Rubrik: E-Books, Self-Publishing

Hilft oder schadet eine E-Book-Veröffentlichung bei der Verlagssuche?

Verlagsvertrag

Hilft oder schadet es bei der Verlagssuche, wenn man als Self-Publisher sein Werk bereits in Eigenregie als E-Book veröffentlicht hat? Schmälert eine bereits vorhandene E-Book-Ausgabe die Chancen auf einen Verlagsvertrag?

Es kommt auf die Verlagsgröße an, meint Andreas Exner vom kleinen Storyhouse Verlag in einem Gastbeitrag fürs literaturcafe.de.

Die Frage, inwieweit eine bereits erfolgte E-Book-Veröffentlichung die Chancen auf einen Verlagsvertrag beeinflusst, hängt vor allem von den Geschäftsmodellen der Verlage ab. In großen Verlagen kann es durchaus Strategie sein, das selbst verlegte E-Book als Markttest zu betrachten. Wenn dieser positiv ausfällt, ist der Schritt zur Taschenbuchausgabe dann zumindest in Blickweite, da das verlegerische Risiko bzw. die verlegerische Chance besser vorhersagbar ist.

Eine Frage der Sichtbarkeit

In sehr großen Verlagen kommt vor der Chancen-Risiko-Bewertung eines Titels noch eine ganz andere Hürde, nämlich schlicht die Sichtbarkeit eines Titels. Ein E-Book hat eine ganz andere Chance auf Wahrnehmung und Sichtbarkeit als sein Pendant auf Papier über den klassischen Einsendeweg – und bevor man ein Manuskript bewerten kann, muss man es überhaupt erst mal auf dem Radar haben. Bekanntermaßen sehr früh in dieses Geschäftsmodell eingestiegen ist Droemer Knaur, die zugehörige Plattform heißt Neobooks und ist vielen Autoren, die mit dem elektronischem Self-Publishing liebäugeln, ein Begriff. Andere Große haben nachgezogen, stellvertretend sei die Beteiligung von Bastei Lübbe an Bookrix genannt.

Also kann eine Vorabveröffentlichung im E-Book-Format den Chancen auf einen Printbuch-Vertrag so abträglich nicht sein? Vor einiger Zeit hat Juliane Reichwein vom Neobooks-Team in einem Interview von ca. 80 Autoren gesprochen, die es in der Droemer Knaur Gruppe bereits vom selbstverlegten E-Book zum Printvertrag geschafft haben. Das ist ziemlich viel bei etwa 12.000 – 15.000 E-Books, die auf Neobooks derzeit lieferbar sind. Rein statistisch liegt die Chance für einen Neobooks-Self-Publisher auf einen Printvertrag damit bei etwa 1/150 bis 1/200. Das ist deutlich höher, als die Chancen über den klassischen Einsendeweg in der Belletristik sind. Für den gibt es naturgemäß keine verlässlichen Zahlen, weil niemand das Heer der abgelehnten Manuskripte zählen kann, und wenn man es doch versuchen würde, die Gefahr der Doppelzählung immens wäre. Aber selbst die positivsten Schätzungen kommen nicht über 1/1000 hinaus, und vermutlich sieht die Wahrheit eher noch einen Tick düsterer aus.

Kleine Verlage tun sich schwer

In der Tat ist damit dieser Weg für viele Autoren interessant und empfehlenswert. Es gibt aber auch eine Kehrseite. In vielen kleineren Verlagen sieht die Welt nämlich ein bisschen anders aus. So tut sich der Storyhouse Verlag – wie viele andere unabhängigen Verlage – zum Beispiel sehr schwer, ein Angebot für einen Printvertrag zu machen, wenn der Titel vom Autor bereits als E-Book veröffentlicht wurde.

Warum ist das so? Da gibt es verschiedene Gründe:

  • Der Buchhandel ist stark neuheitengetrieben. Deswegen auch der hohe Aufwand, den Verlage zwei Mal im Jahr in ihre Frühjahrs- bzw. in ihre Herbst-Verlagsvorschauen stecken. Taucht nun ein Titel sagen wir z. B. im Herbst 2014 im Verzeichnis der lieferbaren Bücher (VlB) als Neuheit im eBook-Format auf, wird es schwer, den gleichen Titel im Frühjahr 2015 nochmals als Neuheit an den Mann/die Frau zu bringen. Da hilft auch der Slogan »Jetzt auch als Taschenbuch« nur bedingt weiter. Und wenn der Verlag versucht, den Titel als Neuheit auf der Leipziger Buchmesse zu präsentieren, kann das ebenso zu Problemen führen, wie wenn er einen Slot im Novitäten-Katalog des Buchreport buchen möchte.
  • Der Freundes- und Bekanntenkreis ist ein wichtiger Faktor, um ein Buch bekannt zu machen und den Verkauf anzukurbeln – gerade bei unbekannten Autoren. Aus diesem Umfeld rekrutieren sich i. d. R. die ersten Käufer und Rezensenten. Wenn die aber schon bei Erscheinen des E-Book ihr Pulver verschossen haben, fehlt dieser Motor ggf. für die Printausgabe. Das wiegt besonders schwer für kleinere Verlage, die ihre begrenzten Marketing-Budgets zeitlich eng auf die Aktivitäten der Erstleser abstimmen. Ziel ist es ja, dass die Welle überschwappt, dass also in der Startphase so viel Schwung entsteht, dass auch der anonyme Leser, der vorher noch nie etwas von dem Autor gehört hat, auf seinen Titel aufmerksam wird.
  • Ein weiterer Punkt sind die Verkaufsrankings bei Amazon. Zwar finden in Deutschland nach wie vor mit Abstand die meisten Belletristikbuchverkäufe über den stationären Buchhandel statt, aber trotzdem ist Amazon für viele Titel der wichtigste Einzelvertriebskanal. Der Algorithmus, nach dem Amazon den Verkaufsrang eines Titels berechnet, ist ein streng gehütetes Geheimnis und wird auch kontinuierlich verändert. Aber neben der absoluten Zahl der Verkäufe spielen z. B. die Verkaufsgeschwindigkeit und die Änderungsrate der Verkaufsgeschwindigkeit eine wichtige Rolle. Der Hebel, mit welchen Stückzahlen man auf Amazon welchen Verkaufsrang erreichen kann, ist bei E-Books günstiger als bei Taschenbüchern – einfach weil die dahinterliegenden Grundgesamtheiten ganz andere sind (zur Erinnerung: Der E-Book-Anteil in Deutschland liegt noch immer im einstelligen Prozentbereich). Ein kleiner Verlag hat großes Interesse daran, dass der E-Book-Hebel genau zu der Zeit betätigt wird, in der auch die gedruckte Ausgabe erscheint.
  • Nicht zuletzt verdient ein Verlag i. d. R. am E-Book wesentlich mehr als an der gedruckten Ausgabe – zumindest, wenn man eine Betrachtung auf Deckungsbeitragsebene pro Stück vornimmt. Auch wenn es in absoluten Zahlen nur geringe Beträge sein mögen, so will und kann ein kleiner Verlag auf diese Einnahmen nicht verzichten, auch wenn es den Self-Publisher natürlich freut, diese Erlöse zunächst nicht mit einem Verlag teilen zu müssen.

Unter dem Strich führt daher in kleinen und mittleren Verlagen eine bereits veröffentlichte E-Book-Ausgabe in der Regel zur Ablehnung eines Projekts (Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel). In großen Häusern kann es genau umgekehrt sein. Hier ist ein erfolgreich veröffentlichtes E-Book mit interessanten Erstverkaufszahlen oftmals erst das Entree, um den Schritt in die analoge Buchwelt zu machen (wobei es auch hier genügend Ausnahmen von der Regel gibt).

Die Unterschiede kennen

Wichtig ist, dass sich Autoren der Unterschiede bewusst sind. Auf dieser Basis kann jeder das Vorgehen wählen, von dem er sich den größten Erfolg verspricht. Nicht zuletzt ist also für einen Autor die Frage interessant: Wo hat mein Manuskript seine Chance? Zu welchem Verlagstyp passt mein Projekt? Für wen ist meine Story interessant? Setze ich eher auf die Handvoll »Big Player« im Markt, oder versuche ich mein Glück bei den mehreren hundert kleinen und mittleren Häusern?

Man sieht: Die Arbeit eines Autors ist mit Abschluss des letzten Korrekturdurchgangs noch lange nicht zu Ende. Was das Thema Veröffentlichung betrifft, fängt sie gerade erst an!

Andreas Exner

Andreas Exner ist Geschäftsführer des Storyhouse Verlags, der 2010 in Stuttgart gegründet wurde. Der junge Belletristik-Verlag steht nach eigener Aussage »für flotte Unterhaltungsliteratur, die Spaß macht«. Ein Programm-Schwerpunkt sind Kurzgeschichten im modernen Gewand und innovative Episodenromane. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Romanen im Bereich Humor und Satire. Für das literaturcafe.de berichtete der Verlag bereits 2011 – lange vor dem Self-Publishing-Boom – über die ersten E-Book-Verkaufserfahrungen bei Amazon und 2013 über die Erfahrungen eines Kleinverlags mit Amazons Print-on-Demand-Service »Create Sprace«.

5 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Nika Lubitsch schrieb am 8. September 2015 um 12:39 Uhr

    Hier wird leider verschwiegen, dass es einem Newcomer wenig nutzt, über einen kleinen Verlag den Einstieg in den Buchmarkt zu bekommen. Denn die Printerzeugnisse kleiner Verlage liegen im Handel nicht da, wo die Käufer hinlangen. Geld regiert auch hier die Welt!

  2. Günter"YOGI"Lauke schrieb am 10. September 2015 um 17:40 Uhr

    ALSO! Ich halt NICHT viel von VERLAGEN resp. den LektorINNEN! Aufgeplusterte Hähne&Hühner…die glauben, die “Weisheit des Buchmachens” mit dem ganz grossen Löffel gefressen zu haben!
    Ihre Briefe mit dem:”…und wünsche Ihnen auf dem weiteren Lebenensweg…!” denn können die sich ALLE “wohin schieben!” Wenn/falls da noch Platz ist!

  3. Storyhouse schrieb am 18. September 2015 um 17:36 Uhr

    Lieber Nika Lubitsch, in unserem Beitrag ging es zunächst nur um die Frage, wie man überhaupt an einen Autorenvertrag kommt, und inwieweit eine Vorabveröffentlichung als eBook dem Projekt dabei nutzt oder schadet. Gleichwohl haben Sie recht, wenn die große Hürde “Autorenvertrag” genommen ist, sind damit noch lange nicht alle Hürden auf dem Weg zum Bestseller genommen. Und wie Sie richtig vermuten, kommt es hier vor allem auf das liebe Geld an, in diesem Falle in Form des Marketing-Budgets, der u.a. darüber entscheidet, wieviele Buchhändler sich den Titel direkt in ihr Barsortiment holen. Allerdings ist hier ein kleiner Verlag nicht unbedingt ein Nachteil! Die “Großen” haben zwar sehr viel mehr finanzielle Power, aber i.d.R. kommt maximal einer von zehn Titeln in den Genuss dieser Power; durchaus ein Thema, wenn Ihr Titel einer von den neun anderen ist. Sie merken schon, das ist ein Thema für sich… auch sehr spannend… und vielleicht mal ein eigenen “Backstage”-Beitrag wert… Viele Grüße. Ihr Andreas Exner.

  4. Leseratte schrieb am 25. September 2015 um 09:47 Uhr

    Ich möchte – im Gegensatz zu meinen Vorkommentatoren- gerne zum Inhalt des Artikels Stellung nehmen.
    Meine Erfahrung spiegelt das vom Autor Herrn Exner Aufgezeigte wider. Die Frage, ob man sein Manuskript zunächst als E-Book vermarkten sollte oder direkt den klassischen Weg wählt, kann sicherlich niemals pauschaul beantwortet werden. Hier ist nur eine Einzelfallbetrachtung sinnvoll. Sicherlich ist es tatsächlich so, dass durch eine Veröffentlichung per E-Book bereits “wertvolles Pulver” verschossen wurde, wenn es später noch zu einem Verlagsvertrag kommen sollte. Doch durch die o.g. Quoten / Wahrscheinlichkeiten, überhaupt einen Printvertrag zu ergattern, stellt diese Vorgehensweise aus Sicht -zumindest des noch unbekannten- Autors eine sinnvolle Alternative dar.
    Danke an Storyhouse für den klar verständlichen Beitrag zu diesem interessanten Thema!

  5. Schalkzunge schrieb am 30. Dezember 2015 um 16:18 Uhr

    Meine Überlegungen gehen noch ein Stück weiter: Schriftstellerin zu sein, ist eine Dauer Beschäftigung, d. h. man schreibt mehr, als nur ein Werk. Unter dieser Prämisse ist ein Titel, der schon als eBook veröffentlicht wurde, möglicherweise in mehrfacher Hinsicht interessant.
    Dass die Veröffentlichung die Sichtbarkeit des Autors erhöht, wurde im Artikel implizit bereits angesprochen. Die Verkaufszahlen liefern außerdem einen wichtigen Hinweis auf den potentiellen Erstkäuferkreis künftiger Werke.
    Und das ist der Punkt, an dem der Kauf der Rechte an einem bereits als eBook veröffentlichten Werk auch für einen Kleinverlag interessant sein könnte, wenn nämlich vorher oder gleichzeitig auch die Rechte an einem bisher unveröffentlichten Manuskript erworben werden. “Jetzt auch als Taschenbuchausgabe” bekommt m. E. nämlich ganz neue Zugkraft, wenn bereits ein anderes Werk als Printausgabe vorliegt.

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