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Hermann Mensing in Wien: Pop Life am Zentralfriedhof

Leselokation in WienDer Autor Hermann Mensing ist auf Lesetour mit seinem neuen Roman »Pop Life [1]«. Unlängst war er in Leipzig [2] und jetzt war er in Wien. Hier sein neuer Reisebericht:

Wien bockt, als die zweimotorige Turboprop anfliegt.
Wien hüllt sich in Wolken, Wien schickt Turbulenzen, aber das Flugzeug tanzt sie aus. Selbst die letzten, von rechts kommenden, die versuchen, den Touchdown in einen Crash zu verwandeln, pariert sie geschickt, dann ist man am Boden und atmet tief durch.

Ein schöner Tod hätte das werden können, man wäre gewiss keine schöne Leiche gewesen, aber bis zum Zentralfriedhof hätte man es nicht weit gehabt. Standesgemäß hätte man sich eingefügt in die unüberschaubaren Reihen der todesverliebten Wiener, die es schwarz mögen, weil sie sich nicht lieben und den Zerfall der Donaumonarchie [3] nicht verwinden.

Am Abend erfährt der Schriftsteller M. Erstaunliches.

Nicht die Deutschen sind schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges, sondern ein österreichischer Aristokrat, der dem Erzherzog Franz Ferdinand damals sein Automobil lieh, auf dass er durch Sarajevo fahren könne, was bekanntermaßen dazu führte, dass man ihn erschoss und das Schlamassel begann.

Wieso er das erfuhr?

Den Nachfahren dieses aristokratischen Autoverleihers gehört das Gebäude, in dem heute die österreichische Gesellschaft für Literatur residiert. Sothebys ist ebenfalls Mieter. Das österreichische Innenministerium ist gleich nebenan.

Die Adresse sagt viel: Herrengasse.

Wer logisch gedacht hat, weiß jetzt, dass Automobile nichts Gutes sind und dass vielleicht alles ganz anders gekommen wäre, hätte dieser Aristokrat seine Karosse nicht verliehen.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Schriftsteller M., gerade gelandet, verschwindet in der B-Ebene und erreicht mit dem CAT seine Destination. Er ist nicht allein. Er muss sich also nicht fürchten.

Nachmittags erforscht er den Ort seines abendlichen Auftrittes und ist schwer enttäuscht. Er hatte geglaubt, ringsum müssten Plakate kleben, er hatte erwartet, die Österreichische Gesellschaft für Literatur, seit 1961 in diesem Palais residierend, künde sich großartig an, aber nichts da, das verblichene Messingschild wird erst nach längerem Suchen im Hinterhof entdeckt und die Tür ins Gebäude ist alt, ihr Lack blättert, das alles erzeugt Wehmut.

Was tun?

Selbstmord scheidet aus, das überlässt er dem Wiener, der – die Statistiken beweisen es -, als Österreicher die Selbstmordstatistik der Welt anführt, zumindest aber auf Platz 2 hinter den Finnen residiert, so genau weiß es der Schriftsteller M. nicht, aber das ist auch nicht so wichtig.

Essen wäre nicht schlecht, denn so ein Flug ist immer ein Abenteuer.
Als er das Flugzeug sah, das ihn in diese Metropole fliegen sollte, hatte er die aufkommende Angst seiner Frau gespürt, die wohl glaubte, ein kleines Flugzeug sei weniger sicher als ein großes, was natürlich ein Irrtum ist. Kein Flugzeug ist sicher, kein Tag bietet irgendeine Garantie für das Überleben, insofern ist es egal, ob man fliegt, geht, Rad fährt oder sonst etwas tut, das Damoklesschwert hängt immer und überall.

Die beiden schlendern durch den ersten Bezirk. Das Diglas Café macht einen Vertrauen erweckenden Eindruck. Sie kehren ein. Er isst eine Kürbiss-Tomatensuppe, gefolgt von einer Raviolivariation mit Blattspinat-, Schafskäse- und roter Rübenfülle, dazu Räucherkäse, sie isst Tafelspitz, gefolgt von einem Scheiterhaufen mit Schnee.

Wien, Wien, nur du allein, heißt es.

Es ist frisch, aber die angekündigte heilige Dreifaltigkeit aus Regen, Hagel und Schnee bleibt aus. Stattdessen Rudel von Russen und italienischen Halbwüchsigen, die von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hasten.

Der Schriftsteller M. und seine Frau hasten nicht. So dumm sind sie nicht. Sie sind ein eingespieltes Team, sie haben vier Augen und berichten einander. Hast du die gesehen? Schau, da, der. So viele Österreicher auf einen Haufen, das ist hart, da hilft nur eine Melange.

M. steht noch ein wenig unter dem verstörenden Eindruck der jungen Russin an der Rezeption seiner Pension, die, weil sie lieber telefoniert, statt frischen Kaffee zu brühen, ihre Pensionsgäste mit freimütig zu Schau gestellten melonengroßen Brüsten abzulenken versucht.

Beim Flanieren fällt auf, dass jedes Wiener Café Wert darauf legt, zumindest einen Schriftsteller als Stammgast für sich zu reklamieren. Man hängt einfach ein Foto des Betreffenden in die Auslage. M. überlegt, welches Café seines sein könnte. Er wird das später entscheiden, posthum.

Jetzt aber fällt der Abend über die Stadt, eine halbe Stunde früher als im Westen Westfalens. M. und seine Frau machen sich auf den Weg zum Palais der Österreichischen Gesellschaft für Literatur.

Außer M. liest eine weitere Autorin des Luftschacht Verlages, Ruth Cerha [4], die, M. und seine Frau stiegen die marmornen Treppen ins zweite Stockwerk empor, vor ihnen lief, sich mehrfach umschaute, sodass M. schon glaubte, er habe Verehrer, was aber ein Fehlschluss war. Frau Cerha hatte ihn als Kollegen erkannt, nicht als Objekt der Begierde.

Ob mehr als zwei Zuhörer kämen? Die Verleger waren sich nicht sicher.
Unbekannte Autoren, noch dazu Deutsche (Piefke, wie die Österreicher uns gern nennen), werden ungern wahrgenommen.

Aber mit der akademischen Viertelstunde füllt sich der Raum, wenngleich, raunt man M. zu, mindestens die Hälfte der Zuhörer Bekannte der Wiener Autorin sind. Damit kann er leben. Sie werden schon sehen, was er kann.

Ruth Cerha und M. sollen vereinbaren, wer zuerst liest.

Ipp-Zipp-Zapp schlägt M. vor, aber das will die Autorin nicht, also wählt M. den strategisch günstigeren zweiten Platz, weil er weiß, dass der Mensch sofort vergisst, und weil der letzte Eindruck der prägendere ist.

Man tritt ein, Applaus braust auf (nun ja, Applaus eben, das Brausen imaginiert man sich gern dazu), man setzt sich, und Ruth Cerha beginnt, aus einer ihrer Erzählungen zu lesen.

M. hört nicht zu. Wie könnte er auch? Sein Herz pocht und er duldet keine Götter neben sich, alles andere wäre Lüge und er will nicht lügen, das hat er Mutti schon vor fünfundfünfzig Jahren versprochen.

Showtime.

Das Licht ist gut, M. kann entspannt lesen, ohne ständig darauf achten zu müssen, nicht außer Reichweite des Mikrofones zu schwanken, sein Sessel ist ein wenig zu niedrig oder der Tisch ist zu hoch, aber M. findet sofort ins richtige Tempo.

Er kann aufschauen, ohne den Faden zu verlieren, kann das düstere Starren des Mannes in Kulturschwarz in Reihe fünf rechts außen parieren, dass dessen Eier gefrieren, er kann die Dame in Reihe zwei gleich vor ihm warm anlächeln und der jungen Frau weiter hinten bestätigen, was immer sie gerade imaginieren mag.

Alles geht und M. fühlt sich wohl.

Ganz hinten sitzt seine Frau und schaut (wie abgemacht) woanders hin, denn wenn es jemanden gibt, der weiß, wovon M. redet, ist sie es, und ihr Blick könnte tödlich sein. Unter ihrem Blick könnte M. den Faden verlieren und dorthin abstürzen, wo er hingehört, in die Hölle der Lügner, der Fantasten, denn im Gegensatz zu den Ingenieuren, die der Welt Sinn vermitteln, und es den Menschen ermöglichen, Flüsse sicher zu überqueren oder in Aufzügen zu fahren, ohne abzustürzen, sind die Schriftsteller erbärmliche Stutzer, die ihre Eitelkeit putzen und (im Falle von M.), kein weiteres Ziel verfolgen, als ihre Rente zu sichern.

Dann: warmer Applaus.
Lächeln in den Gesichtern der Zuhörer.
Jetzt sich Einnässen vor Glück und in die Hosen scheißen, wie damals, als Kind, aber das tut M. dann doch nicht, er will ja nicht unnötig stinken.

Das nun folgende Sprechen über die Literatur pariert er gekonnt.

Er staunt, was da alles aus ihm heraus fliegt, er hatte das gar nicht gewusst, aber später, als seine Frau und er durch den jetzt doch noch aufgekommenen Schneegriesel nach Hause schlendern, sagt sie ihm, dass er klug geredet habe.

Zwei Tage später findet er das im Eingangsbereich der Gerhard Richter Retrospektive in der Albertina bestätigt [6].

Richter sagt, »ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung, ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen.«

Der Abend klingt »Beim Hofmeister« gleich um die Ecke hinter der Hofburg aus.
Hofmeister ist ein österreichischer Schlendrian, man stellt sich lieber nicht vor, wie es in seiner Küche ausschaut, aber die Leberknödelsuppe schmeckt und Hofmeister ist freundlich, das Bier ist gut, und das Foto des kleinen weißen Hundes, das neben der Theke hängt, ist, wie vermutet, das Bild eines toten Hundes, der – dem Todeskult des Wieners entgegen kommend – sicher ein Ehrengrab hat, irgendwo.

Es schläft sich gut in der Pension L.

M. hat seine Frau über die Ablenkungsmanöver der jungen Russin informiert, und tatsächlich, an diesem Morgen telefoniert sie und telefoniert, wahrscheinlich mit ihrer Verwandtschaft in Sibirien oder sonstwo, und als dann auch noch eine fette deutsche Familie im Frühstücksraum auftaucht, die noch hässlicher ist als diese Familie auf der Lesung am Abend zuvor, ziehen M. und seine Frau es vor, die Erkundung der Stadt [7] zu beginnen.

Zwei Tage später liest M. noch einmal.

Es ist schon düster, als seine Frau und er nach Ottakring fahren.
Ottakring liegt in der Türkei. Außer Türken hat sich dort auch die alternative Szene eingenistet, die so etwas gern tut, weil es sie in ihrem Glauben bestätigt, dass Offenheit, Toleranz und Liebe zu allen Menschen zu ihren Grundtugenden zählt.

Als er den Club International [8] betritt, sitzen im Hinterzimmer zwei Männer mit rauschenden Bärten und langem Haar. Sie fachsimpeln über die Revolution. Die Bärtigen, einer mit Rangerhut, der andere mit Piratentuch, beide nicht mehr jung, beide aber vor Eifer glühend, lesen einander Texte vor, in denen darüber spekuliert wird, wie die Arbeiterklasse die Macht übernimmt.

Ach ja.

M. hat einen Plan ausgeheckt.

Er will quasi den gesamten Roman vorlesen, und das tut er auch, irgendwie.
Er beginnt in Rio de Janeiro, switcht zu den Anfängen, führt seine Zuhörer auf den Luganer See, legt die Grundlagen für die seinen Roman Pop Life [9] durchziehende Katastrophe und ist schon wieder woanders. Dabei wechselt er mehrfach die Position, denn das Licht in diesem Raum ist nicht besonders gut, und bei schlechtem Licht ist es nicht einfach zu lesen, und dann stehen irgendwann auch noch beide Verleger auf und verlassen den Raum.

M. fackelt nicht lang. Als sie zurückkehren, erschießt er sie.

Eigentlich schade, denn er liebt beide. Beide sind schüchtern, zart beinah, beide haben ein Ziel, beide lieben die Literatur, und sogar bei der Musik finden sich Übereinstimmungen. M. kann von Glück reden, dass er sie getroffen hat oder sie ihn.

Die Lesung war gut.

M. ist glücklich. Man hat ihn geliebt, obwohl er ein Piefke ist.
M. fordert jeden auf, ihn unverzüglich zu buchen, zumindest aber sein Buch zu erwerben [1], denn was wäre die Welt ohne Bücher, ohne sein Buch. Ein trostloser Ort, von Gott längst verlassen, von den Menschen verwüstet, missbraucht, Amstetten dagegen fast ein Idyll.

Hermann Mensing

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