Hermann Mensing in Münster: Pop Life und die Revolution

Der Autor Hermann Mensing ist weiterhin auf Lesetour mit seinem neuen Roman »Pop Life« (siehe Buchbesprechung). Unlängst war er in Gronau, Wien und Leipzig, jetzt hat er in Münster gelesen. Hier sein neuer Lese- und Reisebericht:

Als der Rosta Buchladen gegründet wurde, galt er als Keimzelle des akademischen Aufruhrs. Im Hinterzimmer mühte sich der revolutionäre Nachwuchs an den Kurbeln der Nudelmaschinen, um pro Matrize maximal 100 Abzüge der neuesten Pamphlete unter das Volk zu bringen. Man schaffte im Glauben, die Intelligenz Hand in Hand mit dem Proletariat zu einem demnächst zu feiernden Sieg führen zu können.

Und was da alles abgenudelt wurde!

Und wie gut diese Matrizen rochen, wenn man die Walze befeuchtete.

Manche wurde regelrecht high davon.

Die Revolution aber ließ auf sich warten und verzettelte sich.

Dieser Kader bekämpfte jenen, jener wieder einen anderen, undsoweiter undsoweiter.

Mir versuchte die Obrigkeit in den Mittsiebzigern die Unterstützung einer kriminellen Vereinigung anzuhängen. Man zerrte mich vor den Kadi, um dort im Namen und auf Kosten des Volkes schließlich verkünden zu müssen, dass das Grundgesetz mit seiner Versicherung auf freie Meinungsäußerung letztlich Priorität besäße. Man sprach mich in allen Anklagepunkten frei.

Was hatte ich getan: eine Petition der KPD/MLO oder so ähnlich gegen Weißnichtmehr zu unterzeichen.

Kinderkram.

Meine Eltern erfuhren nie etwas davon. Es hätte sie geängstigt.

Ich aber hatte die Nase voll und begann das zu tun, was ich immer noch tue.

Den Rosta Buchladen gibt es auch noch.

Ich hatte immer geglaubt, der Name Rosta müsse irgendwie mit Roter Organisation studierender Anarchisten oder Ähnlichem zusammenhängen, tut er aber nicht, wenngleich die Konnotation mit dem gerade Angedeuteten nicht so weit entfernt liegt.

ROSTA nämlich sind sowjetische Propaganda-Plakate, die von der russischen Telegraphen-Agentur ROSTA, später Nachrichtenagentur TASS, herausgegeben wurden. Sie entstanden in Zusammenarbeit mit Künstlern wie Wladimir Majakowski und behandelten politische, militärische und wirtschaftliche Themen.

Der Rosta heute ist eine der wenigen »Independent-Buchhandlungen« in Münster, die, bestens sortiert, nach wie vor daran glaubt, dass der Mensch lese soll, dass das Lesen dem Menschen Gewinn bringt, und so findet man dort weniger die Krawallschreiber der Gegenwart, die ihren Erfolg beim Leser durch ihre vorherige Präsenz im Krawallfernsehen erworben haben, sondern die, die im Stillen, mit großem Ernst, mit Humor, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, der Welt ein wenig Kunst näher zu bringen.

Und da las ich also.

Alle, die gekommen waren, hockten auf Ikea-Klappstühlen der frühen Generation, was dem älteren Menschen schon einige Kreuzschmerzen hätte bereiten können, aber mein Publikum diesmal war nicht Grauwacke, wieder nicht, nicht beim letzten Mal, nicht beim vorletzten, nicht einmal, wenn auch schon deutlicher in Wien, nein, es waren durchweg junge Menschen, die den hinteren Teil des Rosta füllten und zuhörten.

So ein Roman ist eine komplexe Angelegenheit, da ist es nicht einfach, dem Zuhörer einen Eindruck zu vermitteln von dem, was die Protagonisten erleben, denken und fühlen, aber da es sich ja um Erwachsene handelte, um denkende und lesende Menschen, erlaubte ich mir, mitten ins kalte Wasser zu springen.

Das erfrischt, macht wach und fordert sowohl den Lesenden als auch den Zuhörer.

Man solle, habe ich einmal gehört, immer den ein oder anderen im Publikum anlesen, anschauen, ihm das Gefühl vermitteln, er sei der- oder diejenige, um den/die es hier geht, das schaffe Intimität selbst vor großen Auditorien, und das beherzigte ich.

Ich beherzige es, wenn ich vor Kindern lese, die ein gnadenloses Publikum sind, ein großartiges, weil sich in ihren Gesichter immer die Wahrheit des Gelesenen spiegelt.

Um den einen/die eine formiert sich der Rest der Zuhörer, die ich gewinnen will.

Denn darum geht es: jede Lesung ist, nehmen Sie mir das bitte nicht übel, letztlich eine Verkaufsveranstaltung. Und je besser der Vorleser ist, desto besser ist es für ihn und den veranstaltenden Buchhändler.

Tatsächlich war schon nach zwei, drei Seiten klar, dass da in der vierten oder fünften Reihe eine junge, hübsche Frau saß, die mit offenen Augen und Ohren zuhörte und meinem Blick nicht auswich. In der zweiten Reihe saß ein nicht mehr so junger Mann. Auch er gespannt zuhörend, aber nicht gewillt, mit mir Blicke zu tauschen. Rechts ganz vorn eine fotografierende Frau von der Presse, und gleich vor mir zwei junge Mädchen, Teenager noch, auch sie spielten das Spiel mit.

Schönes Spiel. Spiel ich gern.

Eine Dreiviertelstunde Lesezeit war vereinbart: gigantische 45 Minuten.

Das muss man erst einmal hinkriegen, ohne dass das Auditorium in nach Erlösung heischendem Husten langsam in sich zusammenfällt.

Auch diesmal begann ich mit einem Gedicht, geriet danach aber in einen Strudel, in dem ich gern und ohne mit der Wimper zu zucken bis zum St.-Nimmerleins-Tag weitergelesen hätte, wäre da nicht meine Uhr gewesen, die sagte: lass gut sein. 21 Uhr.

Noch ein Gedicht, Applaus, Applaus und noch eines.

Und noch immer Applaus.

Dann ging es ans Signieren.

Als die junge Frau (die meinem Blick nie ausgewichen war) und ihr Freund (der sich getraut hatte, nach der Lesung etwas zu fragen) zu mir kamen, und mich baten, ihr Exemplar von Pop Life, für das sie immerhin 21 Euro 40 ausgegeben hatten (eine Menge Geld, dafür schuften die im Prekariat tätigen Hilfskräfte heutzutage drei- bis fünf Stunden), zu signieren, schrieb ich: Für G., die mich so freundlich angeschaut hat und für M., der sich traute, Fragen zu stellen.

Später, als sie mit ihren Freunden beisammen standen und die Signatur lasen, hörte ich sie lachen und jemand sagte: Wie süß.

Also, Mensing, mindestens zwei Menschen glücklich gemacht, ist das nichts?

Hermann Mensing

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