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Hermann Mensing in Leipzig: Pop Life in Outer Mongolia

Hermann Mensing mit seinem neuen Roman »Pop Life«Der Autor Hermann Mensing war auf der Leipziger Buchmesse 2009, um dort auf der Lesebühne der jungen Verlage aus seinem neuen Roman »Pop Life [1]« vorzulesen. Hier sein Reisebericht.

7:59
Es bleiben knapp zehn Minuten, meinen Zug zu erreichen. Kaum nähert sich der Bus einer Ampel, wird die Ampel rot. Bis zum Bahnhof gibt es noch vier oder fünf Ampeln. Ich bin ich kurz davor, aufzuspringen und die Busfahrerin anzuherrschen, endlich Gas zu geben, Rot zu ignorieren und an Bushaltestellen nicht minutenlang mit geöffneten Türen auf Zusteiger zu warten.

8:35
Als ich in Hamm in den Intercity nach Leipzig steige, wünsche ich mir, dass das Beamen endlich Wirklichkeit wird. Come on, Scotty, aber die Reise in den fernen Osten wird dann doch eine Reise zum Schauen, und das liebe ich, denn wer Objektivität zu seiner Lebensmaxime erklärt, verleugnet, dass es ein Leben vor dem Tod gibt.

8:50
Die deutsche Moschee steht gern in Industriegebieten.
Rührend, wie sie sich da zu behaupten versucht und den bleistiftspitzen Turm in den Regen reckt.

9:05
Das Land sieht aus, als versänke man knietief im Morast, stiege man aus.

10:02
Im Weserbergland findet mitten auf einem Feld eine Hasenkonferenz statt. Zehn Hasen und mehr sehe ich aufgeregt miteinander parlierend. Es geht um die Erhaltung der Art, und da zählt, wer die besten Haken schlägt, die gewagtestens Sprünge springt und die Konkurrenz knufft und pufft, bis sie davonläuft, also im Grunde ganz ähnlich, wie das, was mich auf der Messe erwartet.

10:45
Auf meine Frage, ob er Bionade im Angebot habe, nickt der Mann hinter der Theke des Bistrowagens (waren das Zeiten, als noch den Mitropa Speisewagen gab) und fragt, was es denn sein solle? Kräuterbionade, antworte ich.

Darauf verschwindet der Mann kopfüber in einem großen Kühlschrank, um gleich darauf mit zwei Flaschen wieder aufzutauchen. Ingwer und Holunder. Dings und Bumms, sagte er in einem Tonfall, der ihn zum ersten eindeutig identifizierbaren Ossi des Tages macht. Ingwer, sagte ich und gebe ihm 4 von 5 möglichen Punkten auf der Beliebtheitsskala für Bürger der ehemaligen DDR, bin aber bereit, aufzustocken.

11:15
Die Mutter von Uschi Glas steigt zu.
Alle halten den Atem an. Dass man mit 105 Jahren noch so gut aussieht!

11:40
Hinter Helmstedt dann dieser Wald, der früher einmal der Grenzwald war. Ist man hindurch, kommt Marienborn, aber man sieht die Grenze nicht mehr, nur der Wartburg vorm zugenagelten Plattenbau der ehemaligen Grenzschutztruppen hinterm Bahnhof spricht Bände.

11:50
Kurz vor Magdeburg äsen zehn, fünfzehn Rehe ruhig unter einer noch fahlen Sonne.

12:01
Magdeburg erweckt kein Vertrauen, und dann auch noch das: Ich schaue aus dem Fenster und sehe auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig eine Verlags-Reklame für einen Thriller. Heute ist der Tag, an dem du stirbst. Na danke, denke ich, da bleibe ich lieber im Zug.

12:10
Links und rechts ausgebreitete Industriebrachen zwischen weitläufigen Bahnanlagen. Dahinter Schrebergärten. Kaum eine Datsche ohne Satellitenschüssel. Ich hatte gehofft, die Elbe zu überqueren, aber daraus wird nichts. Stattdessen sehe ich sie schon bald in der Ferne. Das sachsen-anhaltinische Land ist flach wie ein Brett. Die Elbe liegt da und hat Platz, sich in alle Himmelsrichtungen auszubreiten.

Magdeburg, Köthen, Halle. Hoher Himmel, Land zwischen Elbe und Saale.

12:58
Ich kann den Ossi nicht identifizieren. Er mich?

13:08
Leipzig Flughafen. Von hier erobert der Sachse Thailand. Schrecklich, wo man ihn nicht einmal erkennt. Aber dass hier Ossiland ist, erkenne ich an zwei geparkten, riesigen Antonow Frachtflugzeugen.

13:13
Bot gerade einer jungen hübschen Sächsin Schokolade an. Sie lehnte ab. So weit ist es also nach fast 20 Jahren Einheit gekommen.

14:00
Es regnet. Es ist, als wolle Leipzig sich tarnen, denn es steht doch eindeutig fest, dass eine sonnige Stadt sich leichter Freunde macht als eine verregnete. Aber nein. Leipzig regnet, die Straßenbahn Nummer 16 heult in den Kurven, und an der Dichte der Baumärkte stelle ich fest, dass wir uns dem Rand dieser sächsischen Metropole nähern.

15:00
Ich lese aus »Pop Life«, meinem neuen Roman, auf der Lesebühne der jungen Verlage. Ringsum überschaubares Einhergehen, Stimmengewirr, vorm Lesepult (ich stehe!) sitzen zwischen 30 und 50 Menschen.

Das Lesen auf dieser Bühne ist von ganz anderem Kaliber als das Lesen in Schulklassen [2]. Die Promenierenden stimmen jederzeit mit den Füßen ab, manche setzen sich nur, um ein wenig auszuruhen, und dann steht da oben dieser Mann (ich!) und liest vor.

Ich habe eine halbe Stunde. Vor Kindern zu lesen macht mehr Spaß. In ihren Gesichtern spiegelt sich das Vorgelesene unmittelbar. In den Gesichtern der Erwachsenen spiegelt sich wenig bis nichts. Man sagt, ich wäre gut gewesen. Ich fand das auch.

Aber der wirkliche Test wird erst noch stattfinden: Der Ort wird kein Durchgangsort sein, sondern einer, der die Zuhörer für eine gewisse Zeit bindet, sodass ich die Chance habe, ihn zu fesseln. Nächste Woche (24.03.09) in Wien. Der Ort: Herrengasse. Österreichische Gesellschaft für Literatur. Zwei Tage später – ebenfalls Wien – Club International. Der Wirt, höre ich, sei ein österreichischer Berserker, das werde mir sicher gefallen. Ich bin gespannt.

17:00
Der Profi weiß natürlich, wozu so eine Messe gut ist. Er hat einen Terminkalender, er geht hierhin und dorthin, und wo immer er auftaucht, werden kleine Bücher gezückt oder Laptops geöffnet, und dann werden Dinge besprochen, von denen der Autor in der Regel wenig Ahnung hat. Es geht um Fragen der Ökonomie, und wer weiß, vielleicht schielt man ja hier und dort auch insgeheim schon auf Staatsknete, vorausgesetzt, die Bilanzsumme stimmt.

18:00
Der erste Messetag ist vorüber. Mein Verlag, der kleine, feine Luftschacht Verlag [4] aus Wien, hat Konferenz. Die jungen Verlage setzen sich jetzt noch zusammen, um eine Strategie zu erarbeiten, die es ihnen ermöglicht, in Buchhandlungen überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Man hat so etwas, erfahre ich, schon mehrfach versucht, aber junge Verlage sind verschieden wie Tag und Nacht, und da ist es kein Wunder, dass man nicht gleich beim ersten Mal so etwas zustande bringt.

19:20
Strömender Regen. Der Verleger, zwei Autoren und eine Presseagentin sind auf dem Weg zum Cantona, einer jungen Kneipe, angesagt offenbar, man will dort essen und den weiteren Verlauf des Abends planen. Vorm Hauptbahnhof frage ich einen jungen Mann, ob er wisse, wie man zum Leuschnerplatz gelange. Der junge Mann schaut zur Seite, und da weiß ich: endlich ein Nazi, ein Ossi-Nazi, schön, dass ich einen sehe, denn in ihm erfüllen sich all meine Vorurteile. Und was sagt er, der Ossi-Nazi? Leck mich doch am Arsch du dumme Sau!, sagt er. Wunderbar. Ich fühle mich sofort viel wohler in der Stadt der Bewegung.

21:20
Werder Bremen hat das erste Tor geschossen, der zweite Verleger, sein Redakteur und ein weiterer Autor haben zu uns aufgeschlossen, das Cantona birst, wir essen, wir trinken, Fans in Werder-Trikots jubeln und feuern an, und wohin man auch schaut: nicht einer sieht wie ein Ossi aus.

21:35
Wie sieht denn ein Ossi aus? frage ich mich und weiß, dass diese Frage zwanzig Jahre zu spät kommt. Schließlich sind wir ein Volk. Und da dieses Volk zum Rauchen vor die Tür geht, stehe ich mit ihm im strömenden Regen auf der Windmühlstraße vorm Cantona und spreche mit einem jungen Thüringer, der mir sagt, dass Leipzig so angesagt sei, dass es viele gibt, die den Prenzlauer Berg längst wieder verlassen haben, um ihr Glück in Leipzig zu suchen. Outer Mongolia jedoch, bestätigt er mir, sei (wie der Name schon sagt) nach wie vor schwer zu ertragen.

22:30
In der Moritzbastei wird gelesen. Vor der Moritzbastei wird gegrillt. Klimaschädigende Gaspilze suggerieren frühlingshaftes Ambiente, an Stehtischen wird getrunken, was das Zeug hält. Das Lustige vorweg: Ein aufstrebenden Autor wie ich darf im abendlichen Programm der Bastei nicht lesen, denn dies Festival ist ein junges Festival und der Autor sollte unter 35 sein. Naja, denke ich. Dumm, sagt der andere Autor des Luftschacht Verlages, der gleich hier lesen wird, denn es gehe doch um den Text, nicht um das Alter des Autoren. Das finde ich auch.

23:45
Die Agentin ist da, die Leiterin des Literaturhauses Wien, eine der Organisatorinnen der Lesungen in der Moritzbastei, der Verlag ist jetzt vollzählig, drei Autoren trinken Bier, wir schauen und werden beschaut, die Stimmung ist gut, meine Müdigkeit ist wie weggeblasen.

Als ich dann noch erfahre, dass die Leiterin des Literaturhauses Wien »Pop Life« gelesen hat und begeistert ist, bin ich es auch. Ich schließe daraus, dass es ein Leben vor dem Tod gibt, schlage mich zur Theke durch und bestelle eine Runde, die ich nur mühsam zum Tisch zurück transportieren kann.

1:50
Man sagt, dass die Sächsin zur Schönheit neigt. Als ich auf eine zeige, flüstert man mir zu, dass das Gros der hier Anwesenden wahrscheinlich nicht aus Sachsen komme, sondern aus den alten Bundesländern. Bin ernüchtert. Hatte gehofft, auf meiner ersten Reise in die neuen Länder all meine Vorurteile bestätigt zu sehen, aber nichts da: bisher nur ein Nazi, ein Wartburg Soll das schon alles gewesen sein?

2:40
Noch eine Runde. Dann ab ins Taxi, heim in die Pension Plagwitz in den Außenbezirken der Stadt. Ein Taxifahrer umreißt kompetent und knapp die ökonomischen Standbeine der Stadt Leipzig damals und heute. Er spricht von Werktätigen in der Feinmechanik-Industrie, vom DHL Logistikzentrum, von BMW und Audi der Jetztzeit. Erfahre aber auch, dass Leipzig eine wichtige Rolle im Pelzhandel gespielt habe, dass der Handel mit Fellen aus dem Osten in jüdischem Besitz gewesen sei und dass es ein Viertel mit dereinst von ihnen bewohnten herrschaftlichen Häusern gäbe, ein sehr schönes Viertel.

3:10
Mein Zimmer empfängt mich. Grün-schwarz gemusterte Bettwäsche. Pressspan. Nasszelle. Ich bitte darum, mich um 7:30 zu wecken, aber da ich in der ersten Nacht in einem neuen Zimmer sowieso schlecht schlafe, bin ich längst auf den Beinen, als das Telefon tatsächlich schellt.

8:20
Im Frühstücksraum bin ich endlich da angekommen, wo ich hin wollte. Das freut mich. Und als ich mich schließlich auf den Weg zum S-Bahnhof Plagwitz mache, stehen da tatsächlich zwei Glatzen mit Thor-Steinar-Hoodies und schauen bös. Jetzt ist alles rund, wenngleich ich mich ein wenig ärgere, dass ich mir in der Feinbäckerei Schannewitzki gleich um die Ecke nicht ein Brötchen gekauft habe, denn dort, hatte man mir gesagt, dort würde noch Sächsisch gesprochen. Meine Versuche vom Vorabend, der Organisatorin der Moritzbastei Lesungen auf Sächsisch zu entlocken, waren fehlgeschlagen.

10:00
Ich schlendere noch ein wenig durch die bahnhofsnahe Stadt. Zu dumm, dass ich nicht länger bleibe, denn was ich sehe, gefällt mir. Und als ich vor der Thomaskirche eine Passantin meines Alters frage, ob das die Thomaskirche sei, nickt sie stolz. Ja, das sei die Thomaskirche. Ich bedanke mich. Plötzlich fühle ich mich eins mit ihr in der Stadt der Bewegung und nehme alles zurück, was ich je über Ossis gesagt habe und noch sagen werde.

11:05
In den Außenbereichen des Hallensischen Bahnhofes steht ein zerstörter Asia-Imbisswagen. Verblasst, dennoch lesbar hat jemand: Votzen Fitschi darauf gesprüht. Auf dem nächsten Bahnhof ein Graffiti: Helft Töten. Gleich um die nächste Ecke: die Saale. Die vorbeifliegenden Dörfer sehen verlassen aus, die Dorfstraßen nur schlecht asphaltiert.

15:20
Zurück in den alten Ländern. Jetzt erst einmal ruhen.

Hermann Mensing

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