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Beitrag vom 16. Juni 2015 | Rubrik: Literarisches Leben

Harry Rowohlt (1945-2015) – der Papageno der Abschweifung

Harry Rowohlt bei einer Lesung im Jahre 1998 - noch mit Whiskeyflasche auf dem Tisch

Harry Rowohlt bei einer Lesung im Jahre 1998 – noch mit Whiskeyflasche auf dem Tisch

Harry Rowohlt ist tot. Im Alter von 70 Jahren starb er nach langer Krankheit am 15. Juni 2015. Einen Tag später – am Bloomsday – wurde sein Tod bekanntgegeben. Vielleicht hätte ihm das gefallen, lästerte der doch gerne über seinen Übersetzer-Kollegen Hans Wollschläger, dass selbigem mit dem Ulysses eine gute Rohübersetzung ins Deutsche gelungen wäre.

Jedes Jahr eine neue Berufsbezeichnung

Harry Rowohlt war Übersetzer – eigentlich. Diese Tätigkeit verschlinge die meiste Zeit seines Lebens, sagte er. Doch jedes Jahr sei eine neue Berufsbezeichnung hinzugekommen.

Während seiner legendär langen Lesungen trug er meist die von ihm übersetzten Texte oder seine eigenen Kolumnen vor. Man vereinsame als Übersetzer, sagte Rowohlt, und da sei eine Lesung eine gute Möglichkeit, Feedback vom Publikum zu bekommen. Bei seinen Lesungen gab es kein Wasserglas, sondern ein Bierglas. Früher auch die Whiskey-Flasche. Rowohlt achtete darauf, dass er aber erst nach dem Ende seiner Lesungen wirklich knülle war. Alles andere sei ein Betrug am Publikum.

Das erste Mal traf ich Harry Rowohlt 1998 vor einer solchen Marathon-Lesung in Stuttgart. Wir setzten uns für das Gespräch auf die Treppe im Hausflur des Café Marquardt, in dem die Lesung stattfinden sollte. Rowohlt trug Jeanshose und Jeansjacke und beantwortete geduldig meine Fragen. Damals gab es noch keine Podcasts und MP3-Rekorder, und ein Interview für eine literarische Website war etwas Besonderes – für den Interviewer allemal. Damals war die Frage, warum er denn in der Fernsehserie »Lindenstraße« einen Penner spiele, noch nicht abgedroschen. Dass Rowohlt englische Literatur ins Deutsche übertrug und in einer Fernsehserie einen Penner spielte, fand ich damals ziemlich cool. Und ist es im Grund immer noch. Ich nahm das Interview mit einem Diktiergerät auf und tippte es brav ab. Rowohlt hatte mir seine Faxnummer gegeben, und kurze Zeit später hatte er das Interview per »Rückfax« kommentarlos freigegeben. Inhaltlich hatte er überhaupt nichts verändert, nur ein halbes Dutzend meiner Rechtschreib- und Tippfehler verbessert.

Lesungen und Lindenstraße

Harry Rowohlt war ein meisterlicher Vorleser, hatte eine großartige Stimme, und wenn im Text ein Lied enthalten war – bei den von ihm geliebten Iren durchaus öfters der Fall –, dann sang er auch vor Publikum – lauthals. Immer wieder kokettierte er damit, dass er das Vorlesen eigentlich nicht gelernt habe. Und dennoch meinte er, dass viele »Hörbücher daran kranken, dass sie von Schauspielern gelesen werden.«

Das sagte er mir bei unserem zweiten Interview im Jahre 2006 auf der Frankfurter Buchmesse. Damals hatte er gerade auf 21 CDs den »Tristram Shandy« eingelesen, obwohl er die damalige Neuausgabe nicht übersetzt hatte. Er selbst würde ein Hörbuch auf 21 CDs niemals anhören. Nur zweimal habe er sich beim Einlesen im Studio verlesen, sagt er nebenbei. Jedoch merkte man es der Interpretation an, dass hier nicht sein Herzblut drinsteckte. Es war perfekt gelesen, jedoch oftmals mehr mit Technik denn mit Leidenschaft – Lesetechnik wohlgemerkt und nicht Studiotechnik.

Vor Publikum fühlte er sich wohler. Seine Lesungen wurden mit den Jahren immer mehr zum Abend und zur Nacht mit Anekdoten und kleinen sarkastischen Anmerkungen. Dass man ihn »Paganini der Abschweifung« nannte, freute ihn insgeheim. Dass daraus bei einem ihn aufgeregt ankündigenden Veranstalter auch schon mal ein »Papageno der Abschweifung« wurde, freute ihn ebenfalls. Und man wurde den Eindruck nicht los, dass er auch ein klein wenig stolz darauf war, dass man ihm gelegentlich ob seines Aussehens zu den eigenen Lesungen den Zutritt verwehrte.

Über- und unterziehen – Paganini und Papageno

Vor zwei Jahren erlebte ich Harry Rowohlt in Tübingen ein letztes Mal. Ich kam eine knappe halbe Stunde vor Beginn in den Innenhof des Wilhelmstifts, wo die Lesung stattfinden sollte. Der Hof war voll mit Menschen – und vorne auf der Bühne auf Bierbank und am Biertisch saß und plauderte bereits Harry Rowohlt. Ich war irritiert, blickte auf die Eintrittskarte, aber ich hatte mich nicht in der Zeit geirrt. »Das ist nur die Mikroprobe«, sagte der Herr, neben dem ich Platz genommen hatte und der meine Irritation bemerkte. So wurde mir bewusst, dass Harry Rowohlt mittlerweile seine Lesungen nicht nur über-, sondern quasi sogar unterzieht.

Was er damals gelesen hat, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich seitdem immer schmunzelnd an den Trampolinkäfigen der Kleinfamilienhäuser vorbeigehe, da Harry Rowohlt in Tübingen trocken die Beobachtung des Zugfahrenden verkündete, dass diese Trampolins eigentlich nur als Aufbewahrungsstätte für Bälle dienen.

Mit Harry Rowohlt geht ein großartiger Übersetzer – oder vielmehr Übertrager – von englischen Texten und ein begnadeter Text- und Alleinunterhalter.

Wolfgang Tischer

Zum Nochmal- und Wiederhören: Ein Interview mit Harry Rowohlt aus dem Jahre 2006

1 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Kai Beisswenger schrieb am 17. Juni 2015 um 21:08 Uhr

    Die Typen mit Ecken und Kanten sterben wie die Fliegen in diesem Jahr. Vielleicht merken wir den großen Verlust erst in ein paar Jahren. Warum? Weil keine mehr nachkommen. Das ist schade, allzu schade …

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Blogs, die auf diesen Beitrag verlinken

  1. Verpasste Gelegenheiten – der netzwerk blog verlinkte am 26. Juli 2016 um 18:32 Uhr

    […] Wer mehr über Harry Rowohlt lesen möchte, findet einen schönen Nachruf auf der ohnehin empfehlenswerten Seite http://www.literaturcafe.de […]