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Beitrag vom 29. Oktober 2015 | Rubrik: Hörbücher

Halloween-Hörspiel erschüttert Amerika: Krieg der Welten von Orson Welles

Orson Welles bestreitet auf einer Pressekonferenz, dass er mit seinem Hörspiel eine Panik verursachen wollte (Foto: Wikipedia/Acme News Photos)

Orson Welles bestreitet auf einer Pressekonferenz, dass er mit seinem Hörspiel eine Panik verursachen wollte (Foto: CC Wikipedia/Acme News Photos)

Am Halloween-Vorabend des Jahres 1938 bricht eine Massenpanik an der US-Ostküste aus. Außerirdische sind auf der Erde gelandet und greifen die Menschheit an. Das Radio überträgt die Todesschreie live in die US-Wohnzimmer.

Doch die vermeintlich echte Reportage war nur eine Hörspiel-Inszenierung des späteren Hollywood-Stars Orson Welles. Das legendäre Radio-Ereignis gilt auch heute noch als Beispiel für die Leichtgläubigkeit der Menschen – speziell in den USA – und die Manipulation durch die Medien.

Doch so einfach sollte man es sich mit der Erklärung nicht machen, wie eine auf DVD erhältliche Dokumentation nun zeigt.

Sondermeldung: Außerirdische gelandet!

Es ist der 30. Oktober 1938. Fernsehen und Internet gibt es noch nicht. Das schnellste und aktuellste Medium ist das Radio. Abends versammelt man sich um das Röhrengerät und lauscht Konzerten, Soap-Operas oder Hörspielen. An diesem Abend jedoch ist anderes zu hören. Eine Konzertübertragung wird von einer Sondermeldung unterbrochen: Auf dem Mars registriere man ungewöhnliche Erscheinungen, Objekte bewegen sich auf die Erde zu. Ein Reporter ist live vor Ort bei einer Sternwarte und spricht mit einem Astronomen über die etwas beunruhigenden Sichtungen.

Danach wird die Musikübertragung fortgesetzt, die jedoch recht bald erneut für eine Eilmeldung unterbrochen wird: Bei Grover‘s Mill in New Jersey ging eine ungewöhnliche Kapsel nieder, in der der Geräusche zu hören sind. Der erschütterte Reporter berichtet dramatisch, wie sich die Kapsel öffnet und ihr ein Außerirdischer entsteigt, ein Typ wie ein Bär mit einer Haut wie nasses Leder. Mit einem Feuerstrahl vernichtet er die Umgebung, die Menschen fliehen, man hört Schreie, dann bricht die Übertragung ab.

Einige Menschen geraten in Panik, denn was sie nicht gehört hatten, war die Einleitung am Beginn der vermeintlichen Musikübertragung. Ein gewisser Orson Welles zitierte den leicht geänderten Prolog aus H. G. Wells Roman »Der Krieg der Welten« (The War of the Worlds) aus dem Jahre 1898. Der Regisseur Welles hatte mit dem »Mercury Theatre on the Air« die Handlung des Romans über die Landung von Marsmenschen vom viktorianischen England in die Neuzeit der USA verlegt und daraus ein Hörspiel gemacht.

Viele Hörer wollten an diesem Abend aber eigentlich eine Bauchredner-Show auf einem anderen Sender hören. Als ein Musikintermezzo zu lange dauerte, wechselten sie den Sender und gerieten ohne die erläuternde Einleitung in die vermeintliche Live-Übertragung vom Angriff der Außerirdischen.

Wir sind aus dem Busch gesprungen und haben »Buh!« gerufen

Damals wurden Hörspiele noch theaterartig live aufgeführt und übertragen. Nachdem Welles die Aufnahme der Probe vom Vortag gehört hatte, schrieb er das Skript nochmals um: Die Hörspieladaption von Howard E. Koch war ihm zu lasch! Er verstärkte den Live-Charakter, um den Angriff der Marsianer noch echter und dramatischer klingen zu lassen. Als besorgte Hörer beim Sender CBS anriefen, wollten die Verantwortlichen die Sendung abbrechen und die Täuschung früher auflösen. Welles, der im Hörspiel selbst die Rolle eines Wissenschaftlers sprach, soll sich daraufhin noch mehr ins Zeug gelegt haben. Er überzog die geplante Übertragungszeit um 10 Minuten – bevor er am Schluss nochmals verkündete, dass alles nur ein Hörspiel war. Das ganze Ensemble des »Mercury Theatre on the Air« sei an diesem Halloween-Vorabend wie der Typ gewesen, der aus dem Busch springt und den Amerikanern ein »Buh!« zuruft, sagte der Regisseur später.

Dass es an diesem Abend an der Ostküste der USA zu einer Massenpanik gekommen sei, dass es gar Selbstmorde gegeben haben soll, um sich den außerirdischen Feinden zu entziehen, war sicherlich übertrieben. Aber Tausende waren beunruhigt und riefen beim Sender oder der Polizei an. Am nächsten Tag berichteten die Zeitungen über die angebliche Massenpanik und die Unruhe, die das Hörspiel und dieser junge Typ Namens Orson Welles ausgelöst haben, der erst 23 Jahre alt war.

Am Tag darauf gab er eine Pressekonferenz. Welles zeigte sich leicht aufgelöst und verstört, konnte einfach nicht verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass man sein Hörspiel für echt hielt, und trat den sofort aufkommenden Forderungen entgegen, es müsse eine Kontrolleinrichtung geschaffen werden, um Radioprogramme besser zu überwachen, dass solche Dinge künftig nicht wieder geschehen.

Glauben Amerikaner einfach alles?

Einige halten Welles‘ Auftritt in der Pressekonferenz für eine seiner stärksten schauspielerischen Leistungen. Denn tatsächlich muss er sich diebisch über seinen Medien-Coup gefreut haben. Das Hörspiel ebnete ihm den Weg nach Hollywood, wo er sich später mit »Citizen Kane« erneut der Macht der Medien und Medienschaffenden widmete.

Man sollte jedoch nicht über die Leichtgläubigkeit der amerikanischen Radiohörer lachen: Ohne Fernsehen und Internet hatte das Radio damals einen ganz anderen Stellenwert. Viele hatten aus den erwähnten Gründen die einleitenden Worte Welles‘ nicht gehört, und in der unsicheren Vorkriegswelt waren Unterbrechungen und Sondermeldungen an der Tagesordnung. Die Sudetenkrise und der Einmarsch der Nationalsozialisten beunruhigte die Welt. Und bereits im Mai 1937 konnten die Amerikaner eine andere dramatische Live-Reportage im Radio hören: die vom Absturz des Zeppelins »Hindenburg«, der bei der Landung in den USA in Flammen aufging, sodass 36 Menschen starben.

Dokumentation auf DVD: »Panik in Amerika«

Dokumentation auf DVD: »Panik in Amerika«

All diese Vorgänge und Zusammenhänge zeigt eine Fernsehreportage, die nun auf DVD erhältlich ist. Leider gibt es von der Hörspielperformance keine Filmaufnahmen, sondern nur Fotos, die Welles meist mit ausladenden Gesten zeigen, wie er Studioorchester, Geräuschemacher und Schauspieler dirigiert. Doch die Pressekonferenz am Tag darauf ist im Film festgehalten. Ergänzt wird die Dokumentation um nachgestellte Aussagen von besorgten oder amüsierten Bürgern, die auf Originalaussagen beruhen.

Im übrigen war 1938 der Mars noch nicht so weit erforscht wie heute, und einige Wissenschaftler hielten dort Leben durchaus für möglich. Doch selbst heute – 77 Jahre später – sorgen Meldungen vom Mars wie die über möglicherweise gefundenes gefrorenes Wasser, weiterhin für Spekulationen.

Erfreuen und gruseln kann man sich jedoch heute immer noch an »The War of the Worlds« in jener legendären Hörspiel-Adaption von Howard E. Koch und Orson Welles. Sie steht als MP3-Datei kostenlos im Web zum Anhören bereit.

Wolfgang Tischer

Krieg der Welten - Panik in Amerika (Orson Welles) - War of the Worlds. DVD. Komplett-Media. ISBN/EAN: 4014270181754. EUR 12,58 » Bestellen bei Amazon.de

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