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Beitrag vom 7. April 2016 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps, Leipziger Buchmesse 2016

»Frohburg« von Guntram Vesper: Will man das lesen?

»Frohburg« von Guntram Vesper

Für sein über 1.000 Seiten starkes Buch »Frohburg« hat Guntram Vesper den Preis der Leipziger Buchmesse 2016 in der Rubrik Belletristik gewonnen.

Malte Bremer und Wolfgang Tischer schauen beide in den Roman und fragen sich: Will man das lesen?

Versuch 1: Mammuts sind ausgestorben

Gewinner Belletristik. Leipziger Buchmesse. 2016. Opus magnum. Mammutwerk. Digitale Leseprobe geholt. Zu lesen versucht. Gelangweilt. Wörterversammlung auf 1.008 Seiten, assoziativ. Viele Punkte. Viele Aufzählungen: Buchstaben, Wörter, Satzzeichen, Partizipien, was so alles in einem Schuppen sich befindet. Oder in einem Kopf. Oder in einem Schrank. Telegrammstil. Prädikate vermeiden in Hauptsätzen. Alles Erinnerung. Nicht meine. Der Hund hieß Hink, der Gastwirt Kuntz. Aha. Hink stirbt dann. Kuntz wohl auch.

Auf der nächsten Seite: Weg ins Leben. Geschiebe, Geschubse, Gerangel von Wörtern auch hier. Sechzig Zeilen bis zur nächsten. Warum auch nicht. Wollen gelesen werden. Sollen gelesen werden. Sollten gelesen werden. Hirn quält sich, Auge quält sich. So viel Banales. Warum? Darum. Lirumlarum Löffelstil.

Im Badezimmerschrank Aspirin. Auf manchen Seiten Absätze. Keine Einzüge. Wichtig: Westminsterschlag. Undenkbar eine volle Stunde ohne. Schlafraum. Esszimmer. Fahrradschlauch, geklaut. Klavier. Kohlenkeller. Mansardenwohnung. Sonnabends der Badereigen. Urgroßmutter verwitwet. Links das Schützenhaus. Holzgeländer. Fünf kleine Petunien.

Genug: Weiß nicht wie weiter. So belanglos. Aufgegeben.

1.008 Seiten. Mammutwerk? Sind ausgestorben. Frohe Botschaft? Frohe Botschaft!

Malte Bremer

Versuch 2: Was tun mit 1.000 Seiten Lebenszeit?

In die Buchhandlung gegangen. Da liegt das Buch gleich im Eingangsbereich. Preis der Leipziger Buchmesse 2016, Rubrik Belletristik. Backsteinprosa.

Ich schlage das Buch auf. Unglaublich dichter Text, kaum Absätze, lange Sätze, doch assoziativ fulminant gearbeitet. Ich lese mich ziemlich fest, und finde es meisterlich, wie hier jemand seine Autobiografie sprachlich angeht. Wie er sowohl große und kleine Ereignisse vermengt und vermischt und innerhalb der Sätze in Jahrzehnten springt und die Dinge sprachlich und assoziativ verwebt und dennoch kühl und nüchtern beschreibt.

Beeindruckt zum Anfang des Buches geblättert. Wortanhäufungen. Kein schlechter Einstieg. Ich sehe Gedankenfetzen oder Fotos, die da angeschaut werden oder im Kopf des Erzählers hochkommen. Banales, Skurriles. Atmosphärisch unglaublich dicht, es zieht einen gekonnt in den Text, fast schon filmisch gearbeitet. Die Wörter und Sätze werden länger, die Sprache, am Anfang abgehackt, wird kunstvoller – bevor nach dieser Art Vorspann der eigentliche Text beginnt.

Doch nachdem die Begeisterung für die Form verflogen ist, macht sich Langeweile breit. Inhaltlich hat das Buch nichts zu bieten. Auf 1.000 Seiten eine Variation des 1.000 Mal an anderen Stellen Gehörten, Gelesenen, Gesagten. Inhaltlich beeindruckt mich nichts. Beschließe die Lebenszeit für andere 1.000 Seiten in anderen Büchern zu investieren.

Wolfgang Tischer

Guntram Vesper: Frohburg. Gebundene Ausgabe. 2016. Schöffling. ISBN/EAN: 9783895616334. EUR 34,00 » Bestellen bei Amazon.de
Guntram Vesper: Frohburg. Kindle Edition. 2016. Schöffling & Co. » Herunterladen bei Amazon.de
Guntram Vesper: Nördlich der Liebe und südlich des Hasses. Kindle Edition. 2017. Schöffling & Co. » Herunterladen bei Amazon.de

2 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Monaten Theresa schrieb am 8. April 2016 um 06:54 Uhr

    Ausgestorben, so? In einer Zeit der Schnellebigkeit, Spiegelbestseller und Book-on demand Selbstvermarktung nimmt sich niemand mehr die Zeit? Wenn ein Buch gut ist – was auch immer das subjektiv bedeutet – kann es auch ein Mammut sein, ein lebendiges

  2. Eva Jancak schrieb am 8. April 2016 um 10:58 Uhr

    Das ist eine interessante Frage, die mich, wie auch alles andere rund um das Buch in dieser schnelllebigen Zeit, wo man so leicht von seiner “kostbaren Lebenszeit” spricht und Bücher, die einem nicht sofort auf Seite eins “fesseln” können, wegschmeißt oder ins Sozialkaufhaus gibt.
    Denn man hebt ja nichts auf, sammelt nichts mehr, sondern übt das Trennen, während es auf der anderen Seite Autoren gibt, die jedes Monat einen Roman schreiben, ihn auf “Amazon” hochladen und angeblich sehr gut davon leben können!
    Das verstehe ich auch nicht so ganz, höre ich doch immer die Österreicher lesen neun Bücher im Jahr, die Deutschen acht oder ist es umgekehrt und inzwischen schon viel weniger und dann erscheinen neunzigtausend Bücher im Jahr und damit man sich in dem Dschungel auskennt, gibt es die deutschen, schweizer und jetzt schon bald die österreichischen Buchpreise.
    Ich habe mich durch die letzte LL gelesen und festgestellt, da waren einige sehr dicke Wälzer dabei und mir persönlich hat der Clemens J. Setz am besten gefallen. Wäre ich in der Jury gewesen hätte ich mich für Rolf Lappert entschieden, denn so viel Experiment kann man dem Durchschnittsleser nicht zutrauen.
    Die Jury hat sich dann für ein genauso ungewöhnliches dickes Buch entschieden und als ich in Leipzig vor ein paar Wochen neben der Absperrung saß, habe ich wieder einmal über die Juryentscheidung gewundert, denn diesem Buch hätte ich keine Chance gegeben und, ich glaube, auch nicht, daß es jemals zu mir kommen wird, wenn, werde ich es aber lesen, wie andere Bücher auch.
    Der Buchmarkt ist sehr interessant und faszinierend, ich finde es immer noch schön, daß so viele Leute schreiben und schade, wenn dann die Geduld zum Lesen der Texte der anderen nicht mehr ausreicht und erinnere daran, daß man manchmal auf die Qualität eines Buches erst weiter hinten draufkommt und manchmal auch etwas mehrmals oder später wieder lesen muß!
    So geht es mir wahrscheinlich bei Robert Musils “Mann ohne Eigenschaften”. Aber wann werde ich da zum Wiederlesen kommen?

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