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Beitrag vom 23. Dezember 2011 | Rubrik: Literarisches Leben, Literatur online

Fröhliches Kopieren allerseits: Teuflische Tipps für Texte im Netz

Fröhliches Kopieren allerseits!Von Hans Retep – Vom Urheberrecht hat jeder schon mal gehört, aber die meisten Onlinenutzer gehen davon aus, dass es sie nicht betrifft. Dies ist ein Irrtum. Jeder, der etwas online stellt, das über Suchmaschinen allgemein zugänglich ist, sollte wenigstens über die Grundprinzipien im Umgang mit fremden Texten Bescheid wissen. Da ich das Problem aus der Urhebersicht kenne, möchte ich Sie mit einigen Tipps versorgen, die Ihnen das Onlineleben wesentlich einfacher machen.

Passend zur Jahreszeit nehme ich als Beispiel an, dass Sie mit einem Wintergedicht Ihre Website / Ihren Blog / Ihr Community-Profil schmücken möchten. Die einfachste Variante, allen Konflikten aus dem Weg zu gehen, wäre, einen Link zum Gedicht zu setzen, wenn es der Dichter bereits im Internet veröffentlicht hat.

Davon kann ich nur abraten.

Früher mag diese Vorgehensweise ihre Berechtigung gehabt haben. Links hatten die Einheitsfarbe blau, jeder User wusste, was ein Hyperlink ist, konnte das Hypertext Transfer Protocol (http) vorwärts und rückwärts pfeifen. Diese Zeiten sind vorbei. Links färbt jeder anders, und es gilt Rücksicht zu nehmen auf technisch unbedarfte Internetnutzer, denen die Wirkungsweise von farbigen Texten nicht klar ist. Auch ist es in Zeiten von Social Media, in denen das Teilen absolute Priorität hat, völlig unsocial, Inhalte nicht direkt zugänglich zu machen.

Den Dichter zu fragen, ob er einer Veröffentlichung auf Ihrer Seite zustimmt, kommt fraglos nicht infrage. Wer weiß, ob er nicht auf die Idee kommt, sich auf Ihre Kosten seine kühnsten Träume zu erfüllen, wie beispielsweise ein Bett zum Schlafen oder eine warme Mahlzeit täglich. Bleibt folglich nur der andere klassische Weg:

Kopieren und einfügen.

Dabei sollten Sie allen überflüssigen Ballast gar nicht erst mitkopieren. Es ist das Werk, das zählt, den Namen des Dichter mitzuführen, schmeichelt lediglich seinem Ego. Geben Sie sich für so etwas nicht her! Und setzen Sie um Himmels willen – um HIMMELS willen – keinen Link zur Quelle. Links sind heutzutage bares Geld wert!

Haben Sie Geld zu verschenken? Sicher nicht.

Zudem lauert eine Falle im Link: Klickt ein fortgeschrittener Nutzer den Quellenhinweis an, hinterlässt dies Spuren auf dem Server der Dichterwebsite. Der Link ist zurückverfolgbar!

Um Ärger aus dem Weg zu gehen, empfiehlt es sich, den Text geringfügig zu ändern. Es sollte wie ein Fehler aussehen. Internetnutzer sind in dieser Hinsicht sehr tolerant und letztlich fällt der Mangel eher auf den Dichter zurück als auf Sie, weil sich beim Kopieren eigentlich keine Fehler einschleichen können. Der Vorteil ist, dass das Gedicht bei kleineren Abweichungen schwerer auffindbar wird.

Sollte Ihr Text (er ist nun zum Teil Ihnen zurechenbar, weil Sie ihm Aufmerksamkeit
verschaffen) trotzdem vom Dichter, der sich in seiner E-Mail gern Urheber nennt, gefunden werden, empfiehlt sich die Erinnerung an die wichtigste Grundregel des Urheberrechts: Alle Texte, deren Urheber mindestens 70 Jahre tot sind, gelten als gemeinfrei. Also:

Verlangen Sie einen Totenschein.

Es ist am (angeblichen) Urheber zu beweisen, dass er noch nicht 70 Jahre tot ist. Vielleicht hat er sich ja zu seinen Gunsten verrechnet. Besteht der Dichter darauf, noch unter den Lebenden zu weilen, bedarf auch dies des rechtssicheren Beweises. Ein Telefonanruf ist keiner. Stimme verstellen kann jeder.

Nachdem die eidesstattliche Versicherung eingetroffen ist (per Einschreiben, alles Andere können Sie wegwerfen), kommt Plan B zum Zuge. Nun zahlt es sich aus, dass Sie den Dichternamen nicht mitkopiert haben. Soll der gute Mann nachweisen, dass er tatsächlich der Urheber des Textes ist. Kann ein Notar dies beglaubigen? Gibt es unabhängige Zeugen (Familie, Freunde scheiden gleich aus) von einwandfreiem Leumund? Ohne Führungszeugnisse geht da gar nichts.

Sollte der publicitygeile Wicht auch diese Klippe umschiffen, zeigen Sie Größe und entschuldigen Sie sich mit dem Hinweis, dass nicht Sie den Fehler gemacht haben, sondern Ihr unerfahrener, minderjähriger Bruder. (Auch ich muss mich entschuldigen. Ich hab vergessen zu erwähnen: Texte immer von Minderjährigen kopieren lassen.) Sie selbst würden niemals den Autorennamen weglassen und stets zur Quelle verlinken (falls vorhanden).

Jetzt können Sie großzügig anbieten, den Namen des Dichters hinzuzufügen – wenn er selbst einen Link zu Ihnen setzt. Es ist schließlich in seinem eigenen Interesse, dass viele Menschen auf seinen Text aufmerksam werden, kostenlose Werbung so zu sagen.

Falls dieser Wichtigtuer seinerseits einen Link zur Quelle verlangt, bieten Sie an, einen Hinweis auf seine Website zu bringen, unverlinkt. Er wird Verständnis dafür haben, dass Sie kein Geld verschenken können (siehe oben).

Besteht das Großmaul jedoch darauf, den Text zu löschen, ist die Salamitaktik seine gerechte Strafe. Bieten Sie im Gegenzug an, die Schlusszeile zu ändern. Der zu erwartende Verhandlungsmarathon dürfte abschreckend wirken.

Pocht der Dummschwätzer auf seine Rechte, schalten sie wieder in den Großzügigkeitsmodus um: Teilen Sie ihm mit, dass Sie seiner Forderung gerne nachkommen, da das Gedicht sowieso nicht mehr Ihren Qualitätsanforderungen genügt.

Ich denke, mit diesen teuflischen Tipps sind Sie auch für das kommende Jahr bestens gerüstet für den Umgang mit fremden Texten im Internet. Wünsche weiterhin fröhliches Kopieren allerseits!

PS: Sollte ich jemanden dabei erwischen, dass er diese Tipps gegen mich einsetzt, reiß ich ihm den Kopf ab und verbuddel ihn an einer mir unbekannten Stelle. Da ich mir Gesichter eh schlecht merken kann, wird ihm zur Wiedererlangung seines Kopfes auch die in doppelter, notariell beglaubigter Ausführung einzureichende Kopfurkunde (Einschreiben mit Rückschein nicht vergessen!) nichts nützen.

Hans Retep

Über den Autor: Hans Retep lebt und arbeitet in Essen. Seit einigen Jahren schreibt er ab und an Gebrauchsgedichte, die gebräuchlicherweise im Netz gebraucht werden, ohne von einer Gebrauchsanleitung Gebrauch zu machen. In diesem Jahr ist er stolzer Besitzer einer eigenen Dichter-Website geworden.

2 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. fischfresse schrieb am 24. Januar 2012 um 15:55 Uhr

    Ich möchte hinzufügen: Keinesfalls sollten Dichter ihre Werke unter einer Creative-Commons-Lizenz zur Verfügung stellen. Das ist neumodisches Getue, mit dem sich erfolglose Schmierfinken bei der Netzgemeinde anbiedern wollen. Wer auch nur einmal auf diese Weise lizenziert, gilt bei seriösen Verlagen als Unberührbarer und wird noch nicht mal in der Anthologie “Die schönsten Stilblüten aus dem VHS-Schreibseminar” veröffentlicht.

  2. Hans Retep schrieb am 26. Januar 2012 um 18:58 Uhr

    Hurra, Hurra, ein Kommentar. Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, dass irgendwer mal was zu diesem Artikel sagt. Zur Creative-Commons-Lizenz: Ohne eine repräsentative Umfrage gemacht zu haben, bin ich mir ziemlich sicher, dass die allermeisten Netznutzer keine Ahnung haben, was das ist. “Irgendwie umsonst” dürfte das höchste der Gefühle sein, was ihnen dazu einfällt. Zu erwarten, dass sie entsprechende Hinweise lesen, halte ich für zu viel verlangt. Vor allem, weil es dank meiner Hinweise ja auch viel einfacher geht. Die einzige Möglichkeit, als Urheber den teuflischen Fallen zu entgehen, ist, auf alle Rechte zu verzichten.

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