- literaturcafe.de - http://www.literaturcafe.de -

Ein Jahr nach Hegemann: Hat auch Guttenberg abgeschrieben?

Haare von Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg (Quelle: Wikipedia)

Foto: Wikipedia / Gel: unbekannt

Die Süddeutsche Zeitung berichtet [1], dass Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg Teile seiner Doktorarbeit offenbar von anderen Quellen übernommen habe, ohne in den Fußnoten darauf hinzuweisen. Die Süddeutsche spricht von »eklatanten Lücken«. Die betreffenden Stellen seien »teilweise über eine Seite lang«.

Der SPIEGEL zitiert [2] Guttenberg mit den Worten: »Ich … würde dies bei einer Neuauflage berücksichtigen«.

Berichte von geklauten Textpassagen und angeblich vergessene Quellenangaben, die in einer Neuauflage nachgereicht werden? Das erinnert fatal an Helene Hegemann [3], der vor genau einem Jahr nachgewiesen wurde, dass sie Textpassagen aus einem anderen Buch geklaut hatte.

Jungautorin Helene Hegemann hatte für ihr Buch »Axolotl Roadkill« Passagen aus dem Buch »Strobo« des Bloggers Airen übernommen, ohne dies kenntlich zu machen. Bemerkt hatte dies Deef Pirmasens [4], der einen kleinen Literaturskandal lostrat. Speziell im Internet machte man sich über die Kritiker des Feuilletons lustig, die Hegemanns Werk zuvor in den Himmel gelobte hatten und nun feststellen mussten, dass die neue literarische Kaiserin offenbar nackt war.

Rasch wurde Hegemanns Urheberrechtsverletzung zum künstlerischen Stil umgedeutet [5], zu dem immer schon Plagiat und Collage gehörten. Berühmte literarische Vorbilder, die sich nicht mehr wehren konnten, mussten als Beleg herhalten.

In den späteren Auflagen des Buches war Blogger Airen als Quelle angegeben und der Ullstein Verlag zahlte nachträglich Tantiemen.

Nun ist eine Doktorarbeit nicht mit einem belletristischen Werk vergleichbar. Zitieren ohne Quellenangabe ist in wissenschaftlichen Kreisen eine Todsünde. Es wird interessant sein, die Diskussion in den nächsten Tagen zu verfolgen, die natürlich ganz andere Züge wie die um Hegemann tragen wird.

Egal wie die Diskussion ausgeht und was an den Vorwürfen dran ist: Schon jetzt zeigt sich, dass die Copy-and-paste-Kultur überall Einzug gehalten hat.

Während die Verlegerlobby versucht, ihre Geschäftsmodelle durch massive Lobbyarbeit zu retten, und von der Politik verlangt, dass künftig Textabschnitte im Internet nur noch gegen Geld verwendet und zitiert werden dürfen (Leistungsschutzrecht [7]), verdienen sich anscheinend auch Politiker ihre Meriten mit Hilfe von »Strg-C«.

Wie die Süddeutsche Zeitung weiter berichtet [1], habe Guttenberg unter anderem die »Bewertung« in seiner Doktorarbeit ohne Quellenangabe aus einem Text von Klara Obermüller in der Neuen Zürcher Zeitung übernommen und lediglich ein »möglicherweise« hinzugefügt, sowie einen Einschub der Autorin in die Fußnoten verlagert. Die FAZ wiederum schreibt, Guttenberg habe die Einleitung seiner Doktorarbeit bei ihr geklaut [8].

Welches Signal setzt ein Verteidigungsminister, der Plagiatsvorwürfe daraufhin als »abstrus« abschmettert?

Wolfgang Tischer

Link ins Web