Digitale Wahrheiten: Google sieht sich als zukünftige Über-Buchhandlung

Dan Clancy leitet die Entwicklung der Google Buchsuche. Er war am Donnerstagabend, 30. Juli 2009,  zu Gast im Computergeschichte-Museum im Kalifornischen Moutain View. Das Gespräch mit dem Leiter des Museums wurde von Google gesponsert, sodass davon auszugehen ist, dass Google den Abend bewusst nutzen wollte, um die Visionen des Unternehmens zum Thema Bücher und Digitalisierung zu verkünden.

Die Google Buchsuche und die aktuell auch in Deutschland geführte kontroverse Diskussion um das Google Books Settlement spiegle laut Clancy nicht wider, wie Google die Zukunft des Buches tatsächlich sehe. Bei der aktuelle Buchsuche gehe es primär um vergriffene Bücher, sagte Clancy und spielte die Tatsache herunter, dass das so nicht ganz richtig ist.

Der Chefentwickler der Google Buchsuche wollte über die Zukunft sprechen. Er sieht das Geschäftsmodell der stationären Buchhandlungen um die Ecke als bedroht und überholt an. Sie seien »der wunde Punkt des Bücher-Ökosystems«. Stattdessen soll es nach den Wünschen von Google künftig nur eine große digitale Über-Buchhandlung geben – und die heißt Google.

Wenn es demnächst zur Selbstverständlichkeit werde, dass Bücher schon ab Verlag in einer gedruckten und digitalen Version herausgegeben werden, dann müsse man, so Clancy, der digitalen Bücherei oder Buchhandlung vertrauen, die diese elektronischen Fassungen anbietet. Sie müssen überall und ständig verfügbar sein. Kleinen Start-Up-Firmen und selbst kleinen Buchhandlungen vor Ort seien hier nicht vertrauenswürdig.

Clancy macht keinen Hehl daraus, dass er in Zukunft die Google-Server als den einzigen und zentralen Ort sieht, an dem alle aktuellen und vergriffenen Bücher der Welt digital verfügbar sein sollten. Selbst Online-Shops fungieren nur als Google-Wiederverkäufer und führen keine eigenen Datenbanken, sondern greifen auf »Google Editions« zurück.

Und obwohl die digitalen Werke künftig von Google für jedes Lesegerät – egal ob Laptop, iPhone oder eBook-Reader – bereitgestellt werden müssten, sind die Bücher auf den Geräten selbst nicht gespeichert. Clancy spricht von »der Wolke« (the cloud), in der die Bücher verfügbar sein sollten und mein damit das Netzwerk der Google eigenen Rechner und Server. Nur so könne gewährleistet werden, dass der Leser mit seinem digitalen Gerät immer und überall auf jedes beliebige Werk zugreifen könne.

»Don’t be evil«, lautet nach wie vor der Firmenleitsatz von Google und auch die Worte von Clancy zeigen, dass er seinen Arbeitgeber als den Guten sieht, dem unbedingt zu vertrauen ist.

Denn was es bedeutet, wenn ein Käufer defakto keine Verfügungsgewalt mehr über die erworbenen digitalen Produkte hat, demonstrierte unlängst Amazon. Nachdem sich herausstellte, dass ein Verlag nicht die Rechte an den für das Kindle-Lesegerät angebotenen digitalen Büchern besaß, löschte Amazon diese Werke einfach ferngesteuert und ohne Vorwarnung vom Gerät des Kunden – individuelle Notizen, Anmerkungen und Lesezeichen inklusive.

Amazon-Chef Bezos entschuldigte sich für diesen dummen Fehler und erwies den eBook-Kritikern einen Bärendienst, denn plastischer konnte man nicht demonstrieren, dass ein fundamentaler Unterschied zwischen zwischen dem Kauf eines gedruckten Buches und dem Erwerb von Nutzungsrechten an digitalen Werkes besteht.

Leider geht aus den Medienberichten über das Google-Gespräch nicht hervor, ob es kritische Nachfragen zu diesem Punkt gab. Schon seit geraumer Zeit arbeitet Google mit der chinesischen Regierung zusammen und zeigt regierungskritische Seiten in der chinesischen Google-Version nicht an.

Was passiert künftig in der großen Google-Buchhandlung mit indizierten Büchern? Was passiert mit Textstellen in Biografien, gegen die juristisch vorgegangen wurde? Werden diese ohne Kenntnis und wissen des Lesers heimlich gelöscht oder geändert?

Ein Szenario, das einem plötzlich erschreckend bekannt vorkommt: George Orwell beschreibt es in seinem Roman 1984. Es ist der Job der Hauptfigur Winston Smith, im Auftrag des »Ministeriums für Wahrheit« Texte und Bilder in den Zeitungs- und Bucharchiven zu ändern, wenn diese nicht mehr den aktuellen von der Regierung verkündeten »Wahrheiten« entsprechen. Orwell schreibt:

Sobald alle in einer bestimmten Nummer der Times nötig gewordenen Korrekturen zusammengetragen und nochmals geprüft worden waren, würde diese Nummer neu gedruckt, die ursprüngliche Ausgabe vernichtet und statt ihrer das korrigierte Exemplar im Archiv eingestellt werden. Dieser dauernde Umwandlungsprozess erstreckte sich nicht nur auf Zeitungen, sondern auch auf Bücher, Illustrierte, Broschüren, Plakate, Flugblätter, Filme, Tonspuren , Cartoons, Fotos – auf jede Art von Literatur oder Dokumentation, die eventuell von politischer oder ideologischer Bedeutung sein konnte.

Zitiert aus: George Orwell: 1984. Taschenbuch. 1994. Ullstein Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783548234106. EUR 12,00 » Bestellen bei Amazon.de. Übersetzt von Michael Walter.

Als Orwell den Roman 1948 schrieb, gab es noch keine digitalen Formate, die die Arbeit des Ministeriums für Wahrheit ungemein vereinfacht hätten. Und auch das Ändern und Löschen aus wirtschaftlichen Interessen kam Orwell damals noch nicht in den Sinn.

Dass sich unter den von Amazon gelöschten Werken tatsächlich auch Orwells 1984 befand, ist die Ironie des Schicksals – kann jedoch auch als Menetekel begriffen werden.

Wolfgang Tischer

Dan Clancy