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Beitrag vom 11. Juli 2009 | Rubrik: Literarisches Leben

Die Vorleser im ZDF: Fernsehkritik zur ersten Sendung

Das Sofa der Vorleser»Da hinten winkt jemand ganz heftig«, sagte Frau Fried, womit offenbar die Regieassistentin gemeint war – und hopp, weiter zum nächsten Buch … Und schon waren die 30 Minuten der neuen Literatursendung »Die Vorleser« um.

Was kann, was darf man an einer neuen Literatursendung und an einem neuen Moderatorenteam kritisieren? Deutlich war den beiden Vorlesern Amelie Fried und Ijoma Mangold die Aufregung vor dem ersten Mal anzumerken. Deutlich war auch, dass sie sich selbst noch erproben müssen, um den optimalen Umgangsstil miteinander zu finden. Zu künstlich oder aufgesetzt wirkten oftmals Begeisterung oder Dissens bei vorgestellten Titeln. Und schon lautete es wieder: »Dann kommen wir jetzt zum nächsten Buch …«

Zu viel Zeit wurde mit zu viel Inhaltsangaben und Inhaltsbeschreibungen vertan. Beim ersten Buch, den »Weißen Geistern«, warfen sich die beiden Vorleser gegenseitig ihre Textinterpretationen an den Kopf, was dem Zuschauer nicht wirklich weiterhalf. Vertane Zeit war mit Sicherheit der Einspieler im »Sendung mit der Maus«-Stil, der langatmig erläuterte, dass in heutigen Familien nicht mehr so viel gelesen wird wie früher. Ach was? Wer hätte das vermutet? Schmerzvoll war im Film zudem der Sekundenbruchteil, als die Filmmutter ein Buch mehrfach gewaltsam aufknickte. Für Buchliebhaber war das wie quietschende Kreide auf einer Schultafel.

Die erste Folge »Die Vorleser« hatte nur einen Moment, in dem echte Begeisterung über ein Buch zu spüren war, die sich auf den Zuschauer übertrug: Das war die Schilderung der Stuttgarter Familienmilieus aus Anna Katharina Hahns Roman »Kürzere Tage« –  ein Roman, der nach dieser Sendung garantiert auf der Bestsellerliste landen wird.

Bei »Heartland« von Joey Goebel waren sich Fried und Mangold uneinig. Fried fand den Roman gut, Mangold nannte ihn scherenschnittartig. Argumente und Ansichten klatschten erneut in der Mitte der beiden Studiosofas gegeneinander – und das war’s, kommen wir nun zu unserem Studiogast …

Wenn sich – wie bei Anna Katharina Hahn – beide Vorleser für ein Buch ehrlich begeistern, dann funktioniert das als Leseempfehlung sehr gut. Gehen die Meinungen wie bei Joey Goebel deutlich auseinander, dann merkt man, dass ein Zweierteam, das auf einer gleichen Ebene diskutiert, nicht funktioniert, da dies zur Beliebigkeit führt. Gut gegen Schlecht wird Mittelmaß. Hier fehlt es deutlich an einer dritten, ausschlaggebenden Meinung, die sich der Zuschauer selbst an dieser Stelle nicht bilden kann, wenn er oder sie das Buch nicht kennt. Weder Ablehnung noch Lob waren jedoch stark genug, um Interesse an einem Blick ins Buch zu wecken. Dennoch punktete ganz klar Ijoma Mangold, der zumindest versuchte zu erklären, warum er ein Buch gut oder schlecht fand. Aber kommen wir nun zum Studiogast …

Es war der Schauspieler Walter Sittler, der in einem kurzen, aber im Grunde genommen ebenfalls verzichtbaren Film-Einspieler vorgestellt wurde. Mehr oder weniger in den letzten fünf Minuten der Sendung nahm er auf dem Sofa neben Ijoma Mangold Platz und durfte ein Buch loben. Hier gab es einen netten Fauxpas, denn weder Sittler noch die beiden Vorleser nannten den Titel des Kästner-Buches, von dem Sittler so begeistert war. Zum Glück lässt sich das alles im Internet nachlesen, und in der Sendung musste das ein Kamerazoom auf das Taschenbuch erledigen.

Und dann am Schluss die Rubrik »3 Bücher in 3 Minuten«, in der Ijoma Mangold drei Bücher in die Kamera hielt, wobei auch hier nicht so ganz genau vermittelt wurde, warum man z. B. das Buch »Wir sind alle Isländer« denn nun lesen sollte.

So könnte man der ersten Folge von »Die Vorleser« vorwerfen, dass sie weder Kritik- noch Bücherempfehlungssendung war. Vieles blieb allzu beliebig in der Luft zwischen den roten Sofas hängen.

Kein Satz wäre an dieser Stelle also passender als der von Reich-Ranicki am Ende des literarischen Quartetts zitierte von Bert Brecht. Sie wissen schon, der mit dem »betroffen« und »alle Fragen offen«, der im oben erwähnten Filmeinspieler so unsäglich persifliert wurde.

Warten wir also ab, was die nächste Sendung bringt, wohin sich »Die Vorleser« nach der ersten Folge entwickeln und ob es dem Moderatorenteam in den weiteren Sendungen gelingen wird, einen passenden und glaubhaften Umgangsstil zu finden.

Wolfgang Tischer

Website zu »Die Vorleser« ist befüllt – leider kein Podcast

Rechtzeitig zur Sendung hat das ZDF die Website zur Sendung unter www.dievorleser.zdf.de mit Inhalt gefüllt. Neben den Büchern zur Sendung findet sich dort ein Diskussionsforum und eine Rubrik »Nachschlag!«. Amelie Fried stellt dort z. B. weitere »Bücher, die es nicht in die Sendung geschafft haben« vor.
Schön wäre es, wenn das ZDF die Literatursendung auch als Podcast zum Download bereitstellen würde, was bislang nicht der Fall ist. Online ist sie zumindest eine begrenzte Zeit über die ZDF-Mediathek abrufbar.

Die nächsten Sendetermine

Das nächste Mal werden »Die Vorleser« am 18. September 2009 zu sehen sein, dann am 23. Oktober und am 4. Dezember 2009. Über Wiederholungen auch im ZDF Infokanal und auf 3sat informiert die ZDF-Website.
Ebenso ist die Sendung online in der ZDF Mediathek abrufbar.

Die in der Sendung vom 10. Juli 2009 besprochenen Bücher:

  • Erich. Kästner: Als ich ein kleiner Junge war. 22. Auflage. Taschenbuch. 1988. Dressler Verlag
    Erich Kästner: Als ich ein kleiner Junge war. Taschenbuch. 1978. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag,
    Erich Kästner: Als ich ein kleiner Junge war (bb, 399). Taschenbuch. 1978. Aufbau-Verlag
    Erich Kästner: Als ich ein kleiner Junge war. Broschiert. 2004. Deutscher Taschenbuch Verlag
  • Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage: Roman (suhrkamp taschenbuch). Taschenbuch. 2010. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518461587. EUR 8,99 » Bestellen bei Amazon.de
    Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage: Roman (suhrkamp taschenbuch). Kindle Edition. 2010. Suhrkamp Verlag » Herunterladen bei Amazon.de
  • Alice Greenway: Weisse Geister. Gebundene Ausgabe. 2009. mareverlag. ISBN/EAN: 9783866481015. EUR 19,90 » Bestellen bei Amazon.de
  • Joey Goebel: Heartland (detebe). Broschiert. 2010. Diogenes. ISBN/EAN: 9783257240375. EUR 11,90 » Bestellen bei Amazon.de
    Joey Goebel: Heartland. Gebundene Ausgabe. 2009. Diogenes. ISBN/EAN: 9783257066944. EUR 22,90 » Bestellen bei Amazon.de
    Joey Goebel: Heartland (detebe). Kindle Edition. 2013. Diogenes Verlag AG » Herunterladen bei Amazon.de
  • Per Olov Enquist: Ein anderes Leben: Roman. Taschenbuch. 2011. FISCHER Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783596186006. EUR 9,95 » Bestellen bei Amazon.de
    Per Olov Enquist: Ein anderes Leben. Gebundene Ausgabe. 2009. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783446232709. EUR 24,90 » Bestellen bei Amazon.de
    Per Olov Enquist: Ein anderes Leben. Hörbuch-Download. 2015. Audiobuch Verlag OHG. EUR 19,50 » Bestellen bei Amazon.de
    Per Olov Enquist: Ein anderes Leben. Kindle Edition. 2012.  » Herunterladen bei Amazon.de
  • Niall Ferguson: Der Aufstieg des Geldes: Die Währung der Geschichte. Taschenbuch. 2010. List Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783548609881. EUR 14,95 » Bestellen bei Amazon.de
  • Thomas Klupp: Paradiso: Roman. Taschenbuch. 2013. Berlin Verlag Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783833309168. EUR 8,99 » Bestellen bei Amazon.de
    Thomas Klupp: Paradiso: Roman. Kindle Edition. 2010. Bloomsbury Verlag eBook » Herunterladen bei Amazon.de
    Thomas Klupp: Paradiso. Hörbuch-Download. 2009. BUCHFUNK. EUR 15,80 » Bestellen bei Amazon.de
    Christoph Martin: Der deutsche Roadmovie-Roman im Kontext gesellschaftlicher Umbrüche: Peter Handkes 'Der kurze Brief zum langen Abschied', Christian Krachts 'Faserland' und Thomas Klupps 'Paradiso'. Taschenbuch. 2014. Diplomica Verlag. ISBN/EAN: 9783842891739. EUR 44,99 » Bestellen bei Amazon.de
    Christoph Galle: Die Entwicklung des deutschen Roadmovie-Romans im Kontext gesellschaftlicher Umbruchsprozesse: Peter Handkes "Der kurze Brief zum langen Abschied", .. "Faserland" und Thomas Klupps "Paradiso". Taschenbuch. 2013. Grin Verlag Gmbh. ISBN/EAN: 9783656513193. EUR 44,99 » Bestellen bei Amazon.de
  • Halldór Gudmundsson: Wir sind alle Isländer: Von Lust und Frust, in der Krise zu sein. Kindle Edition. 2009. btb Verlag » Herunterladen bei Amazon.de

9 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. peter hoenen schrieb am 11. Juli 2009 um 02:51 Uhr

    Ich fand die Sendung sehr informaiv macht bitte weiter so!!!!

  2. lissy von deyn schrieb am 11. Juli 2009 um 10:17 Uhr

    Wolfgang Tischers Kritik folge ich in jedem Beobachtungspunkt mit dem zusätzlichen Hinweis auf mangelnde Kenntnis der Methoden literarischer Interpretation bei Frau Fried besonders am Beispiel des Enquist-Romans “Ein anderes Leben”. Die Sendung betreibt Low-Budget-Dünnbrettbohrerei, ist verwirrend, konzeptionslos und sollte nicht fortgeführt werden. Der Pilot verdichtet den Bücherdschungel statt ihn zu lichten. Von hier aus ein überbordendes Kompliment an Denis Scheck und die ARD für “Druckfrisch”.

  3. Steffen schrieb am 11. Juli 2009 um 11:54 Uhr

    Ich denke auch, dass die Sendung eine Chance verdient hat. (Die FAZ hat sie natürlich verrissen.) Die Diskussion über “Heartland” fand ich gut, es braucht meiner Meinung nach keinen Dritten, im Laufe der Zeit wird man als Zuschauer sicher merken, ob man eher mit Mangolds oder Frieds Tipps etwas anfangen kann. Seltsam fand ich, dass sie sich siezten…
    Gegen “Druckfrisch” kommen die beiden dann allerdings wirklich nicht an. :-)

  4. Schulz schrieb am 11. Juli 2009 um 13:49 Uhr

    Interessant, informativ, weiter so – kategorisieren nach “leicht”, “anspruchsvoll”, etc.

  5. Johannes schrieb am 11. Juli 2009 um 14:36 Uhr

    Sehe ich wie Wolfgang, die Sendung wirkte überladen & die Moderatoren affektiert. Hatte das Gefühl, zwei 60-Jährigen beim Schauspielern zuzusehen. Schade, denn die versammelte Kompetenz blitzte schon immer mal wieder auf und die beiden hätten auch das Potenzial zur Unterhaltung. Aber vielleicht ist beim ZDF Freitag Abends einfach nicht mehr drin.

    Ciao
    Johannes

  6. Cornelia Lotter schrieb am 11. Juli 2009 um 16:06 Uhr

    Auch mich hat die Sendung nicht vom Hocker gerissen. Dass Mangold ein sehr profunder Kritiker ist, weiß ich schon aus seinen Klagenfurt-Auftritten. Ich finde dieses “Besprechen” von so viel wie möglich Büchern in so wenig wie möglich Zeit generell nicht hilfreich. Außerdem kam mir die deutsche Gegenwartsliteratur wieder zu kurz. Ich weiß nicht, warum ich mir unbedingt ein Buch über die amerikanische oder isländische Gesellschaftsgeschichte antun sollte. Ich lebe hier und will wissen, wie man hiesige Themen literarisch verarbeitet. Vielleicht sollte gerade in solchen Sendungen mal eine Lanze für weniger bekannte deutsche Autoren gebrochen werden, die so vielleicht endlich mal die Chance erhalten, auch in den Absatzzahlen über einen Achtungserfolg hinauszukommen.

    C.L.

  7. M.Müller schrieb am 11. Juli 2009 um 16:33 Uhr

    ich teile die Kritik von W.Tischer in jedem Punkt, er bleibt im Unterton ja noch hoffnungsvoll -Hoffnung auf eine Verbesserung dieses “Übungs”-Films…sonst dürfte die Halbwertszeit der Vor-Leser sehr kurz sein…mangels Zuschauer

  8. Niko Ploenes schrieb am 12. Juli 2009 um 10:08 Uhr

    Tja, ich fand die Diskussionen zwischen Frau Fried und Herrn Mangold eher künstlich. Wie wäre es mal mit echtem Vorlesen: einen Auszug, vielleicht sogar vom Autor persönlich. Dann könnten die Moderatoren auch Fragen an die AutorInnen stellen, da käme vielleicht Leben auf.
    Oder Leser fragen, die ein vorgestelltes Buch gelesen haben und ihre Meinung sagen.
    Insgesamt zu trocken, wie ein Stück Beerdigungskuchen (so nennt man trockenes Stück Sandkuchen, verzehrt mit eh schon zugeschnürter Kehle). Ja, da hatte Elke Heidenreich mehr Power.
    Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

  9. Gregor Keuschnig schrieb am 13. Juli 2009 um 10:22 Uhr

    Frau Fried wünschte sich bei Enquist mehr Lektorat. Hätte sie den gleichen Maßstab an ihre Bücher angelegt, wären diese erst gar nicht erschienen. Lächerlich wie sich eine Trivialschriftstellerin als Kritikerin geriert. Und erbärmlich, dass ein Kritiker wie Mangold dieses Spiel mitmacht.

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