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Die geballte Dichte des Walle Sayer

Sayer-KohlrabenEs muss anfangs dieses Jahrtausends gewesen sein, dass in meiner inzwischen leider geschlossenen Lieblingsbuchhandlung mir ein schmales Bändchen von Walle Sayer [1] auffiel, »Kohlrabenweißes«, ein »Prosazyklus«.
Schon das Äußere sprach mich an, der feste Einband, das klare Layout.

Und ich begann zu lesen. Aber das war keine Geschichte. Oder gerade doch? Es ist … ja was?

»Wie ersäuft liegt der abgeschraubte Zapfhahn in seinem Wasserglas. Das hereintastende Licht der Straßenlampen haucht den Konturen des Mobiliars ein regungsloses Eigenleben ein.« (S.21)

Mir schien das weniger Prosa, eher so was wie Lyrik in Prosaform zu sein: Da wurde eine Stimmung erzeugt, die mich irritiert aufblicken ließ: Was war das gerade eben? Ein regungsloses Eigenleben?

Ich las den Text gleich noch einmal, diesmal ganz. Und stellte dann fest: Walle Sayers Prosaminiaturen lassen sich nicht hintereinander am Stück lesen, sondern müssen wohldosiert eingenommen und genossen werden. Aber sie machen süchtig. Denn der Blickwinkel ändert sich. Das Alltägliche gewinnt neue Konturen.

Strohhalm, StützbalkenEr selbst nennt seine Texte übrigens auch »Prosagedichte«.

Inzwischen besitze ich alle seine Bücher, die im kleinfeinen Klöpfer&Meyer-Verlag aus Tübingen erscheinen bzw. erschienen sind.

Dieses Jahr ist ein Gedichtband [2] veröffentlicht worden: Er heißt »Strohhalm, Stützbalken« und ist nicht minder großartig als seine Vorgänger:

 

Erinnerungsfrequenz

Hörst du
diesen Schellennarr,
der versucht, sich anzuschleichen.

Oder war das Käthes Ladenglocke
und du hast wieder vergessen,
was du mitbringen sollst.

Tabak, den billigeren, den Orlanda,
einen Hefewürfel, eine Grablichterpackung
und Gummiringe noch fürs Einmachglas.

Das Rausgeld, das Bierflaschenpfand:
reichte für Zuckerperlen,
langte für Bärendreck. (S.33)

Hier löst ein äußeres Ereignis eine zunehmend konkreter werdende Erinnerung aus, sie schleicht sich gewissermaßen an; das du des ersten Abschnitts ist vielleicht noch ein Gegenüber, das du des zweiten könnte das lyrische Ich selbst sein, das sich zunächst allgemein daran erinnert, immer wieder mal etwas vergessen zu haben, dann aber sehr konkret wird, weit zurück in seiner Vergangenheit: Sparen, Selbstbacken, Tod, Einmachen, und am Schluss die Belohnung für das Kind, das man war: Es sind lapidare Situationen, die einen dazu bringen, sich zu erinnern.

Dazu kommt ein spitzbübischer Humor, wenn er z. B. vom »Nikolaus, zum Osterhasen umgeschult« schreibt (S. 29), einen »Wattebausch in Holzwolle« ( S.32) verpackt oder ein Frühschoppen bis zur Abendschule dauert (S. 57).

Beim Lesen seiner Texte stellt sich gerne ein Schmunzeln ein, häufiger aber Staunen, Irritation oder Verblüffung:

Notizen für die Laienpredigt

Anhäufeln,
zusammenstupfen.

Quellwasser
aus einem Sektglas trinken.

Glocken, ertaubt
von ihrem eigenen Geläut.

Der unentzifferbare Sockelspruch:
Erbarm dich deiner.

Strohhalm,
Stützbalken.

Der Wicht
in allem Wichtigen.

Dreispurige
Sackgassen.
Der Daseinsfunke
eines Augenblicks.

Jammerschönes,
Wenigvieles.
(S.98)

Die einfachen Dinge sind es, um die sich Walle Sayers Texte drehen, sei es nun Prosa oder Lyrik oder Prosalyrik. Er schafft dabei eine Dichte, die ihresgleichen sucht!

Dass Walle Sayer inzwischen auch außerhalb seiner Region bekannt ist, zeigen seine diversen Auszeichnungen [3], die er alle hoch verdient hat!

Malte Bremer

Hinweis: Die Gedichte stammen aus dem Gedichtband »Strohhalm, Stützbalken« und sind urheberrechtlich geschützt! Wir danken dem Verlag Klöpfer&Meyer für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung. Alle Rechte liegen bei Klöpfer&Meyer/Walle Sayer.

Walle Sayer: Kohlrabenweißes. Gebundene Ausgabe. 2001. Klöpfer und Meyer. ISBN/EAN: 9783421057105. EUR 15,90 » Bestellen bei Amazon.de [4]

Walle Sayer: Strohhalm, Stützbalken. Gebundene Ausgabe. 2013. Klöpfer und Meyer. ISBN/EAN: 9783863510565. EUR 16,00 » Bestellen bei Amazon.de [5]